Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 13 (27.3.1935)
- Date
- 1935-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdifche Brief böte, die Stichlehrerin und der Handelsjude Bettina v. Arnims Umgang mitjüdifchen Menfchen Dio Iitorarlacho Wolt kann am 4. April den 160. Gobartstog Bottina von Arnims begehen* dor Gattin des romantischen Dichters Achim von Arnim und Schwester Clemens Brcntands. Erat nach Achim v. Arnims Tod hat sich die Landsmännin Goethes der SchriftBtollerei gewidmet. Ihrer ersten Veröffentlichung „Goethes Briofwcohaol mit oinem Kindo" ließ sie dio Worko „Dio Günderodo", „Dies Buch gehört dem König" und „Gespräche mit Dämonen" folgen. 8ie starb 1859. Hier einiges über ihre Begegnungen mit jüdischen Menschen: Der Criofbotc Hirsch Der Briefbote, der die Briefe zwischen den Freundinnen Bettina und der romantischen Dichterin Karolinc v. Gündcrodc beförderte, „vom Geschlecht Esnu", mit rauher Hand, war ein Jude, hieß Hirsch und machte jeden Tag den Weg zwischen Offenbach und Frankfurt:- Er beförderte auch Blumen: „Den Blumenstrauß.hat der Jude abgegeben", teilt die Gündcrodc der jungen Bettina einmal mit. Bettina erwartet ihn stets mit großer .Ungeduld: „Heut ist der Jud erst um sieben Uhr. kommen", und einmal kramt sie in seinem Postsack das Unterste zu oberst, vor lauter Unglauben, daß die Freundin ihr nicht pünktlich geschrieben habe. Er ist damals „nach Laubhuttenfest drapiert", was Bie malerisch findet. .Sie schließt ihre Briefe rasch, damit Hirsch sie noch mitnehme: '„Der Jud kommt, adieuI" Mit ihrem Bruder Clemens halt sie es ebenso: „Heute morgen, als ich den Brief schon zugemacht hatte, und wollte ihn eben dem Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen, in der Meinung, er sei es, der an der Türe klingelt, so war es der freundliche Pfarrer Sch ... z.1' Soviel von der Rolle, die der Jude Hirsch in der Entstehungsgeschichte ihrer Bücher „Die Günderode" und „Clemens Brentanos Frühlingskranz" spielt. D i c S t i c k 1 c h r e r i n V e i 1 c h c n Begegnungen mit jüdischen Menschen haben Bettinn zur ausgesprochenen Judenfreundin gemacht. Sie unterschied sich darin von ihrer Umgebung, vom Bruder, vom Gatten, von den Verwandten, die sie aufzogen. Immerhin gaben ihr diese eine jüdische Sticklchrcrin, das rührende Geschöpf Veilchen, das mit seiner Arbeit den Großvater und seine Geschwisterkinder ernährt und bei der Arbeit ein Lied von Goetho singt.! Bettina hilft ihr, damit die Arbeit besser von statten geht; einmal kehrt sie gar vor ihrer Tür. Sie erregt damit höchste Empörung, der Tratsch dringt bis zu ihrem Bruder, der ihr, wie die Verwandten, einen Verweis erteilt. Er wirft ihr sogar vor, daß sie dem Judenmädchen seine Briefe zu lesen gäbe. Es gibt eine Verstimmung zirischen den Geschwistern, an deren Ende Bettina schreibt: „. . . ich wollte da ein kleines unschuldiges Fädchen anspinnen ins Gewebe der Welt, ein einzig klein Fädchen und — nein, ich solla abreißen, weil sichs nicht schickt. Achl wo soll ich in der ereignisreichen Welt meinen Faden knüpfen, wenn das einfachste gegen den Anstand istl — Wer bin ich denn, daß ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende? Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, d^lL-ich ein.. Engel bin, ich glaub vielmehr, daß ich zu ihr hinansteige, statt herab I" Der schöne Ephraim Die erBte Bekanntschaft, die Bettina wahrend eines Besuchs in Marburg machte, war der Handelsjude Ephraim, dem die Frau ihres Hauswirts gerade ihr Hochzeitskleid verhandelte. „Der schönste Mannl" schwärmt sie von ihm zur Günderode. „Ein weißer Bart von einer halben Elle, große braune Augen, so schöne einfache Gestalt, die ruhigste Stirn, prächtige majestätische Nobc, Rcdnerlippcn,. aber von denen die Weisheit süß hervortönen muß." Die Lernfaulc nimmt bei ihm, der so viel edler aussähe als die anderen Menschen, mit denen man täglich verkehre, oder die man in großen Versammlungen sähe, Mathematik-Unterricht, Auch Hebräisch. Wo sie einen Mann hernehmen wolle, wenn sie Hebräisch lerne, schelten sie die Verwandten. Bettina resümiert: „Al]es was Dir geschieht, soll Dein Geistesleben befördern, — so, auf dieso Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden.....die Patriarchenwürde Btrahlt mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, daß solche einfache große und heilige Charaktere nicht Plötz finden unter ihren Lappalien, und überhaupt geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann . . . alle äußeren Vorteile, Würden und Ruhm gelten nichts vor dem inneren Ruf zum Göttlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, daß mich das Schicksal irägt, — und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken." Judenkinder In der Frankfurter Judengasse fühlte sich Bettina bedrängt. Clemens macht mit ihr einmal einen Spaziergang durch daa Ghetto: „Seh den, seh da, seh dort, wie der aussieht. Bettina war eB, alB Hefen ihr alle nach: „Ich war sehr froh als wir, zu Haus waren." Bettina stattete gernder MusterBchule einen Besuch ab, wo Molitor mit großem Eifer die Judenfcindor über die Großtaten der. Römer und Griechen examinierte. Einmal, ala sie einen Erziehuhgspjan der Schule erhalten hat, teilt sie der Ereundin mit, daß sie Bich zwar nicht für Erziehung an sich interessiere, aber: „Das war nur wegen der armen Judenkinder, die dort mit den Christon zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies, allein Erziehung; nämlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fähigkeiten früh daran zu gewöhnen, daß sie auch gleiche menschliche Rechte haben, sie mäßen Juden oder Christen sein." Dr. L. W. Vom Schlips zur Weltfirma Der erfle Kunde — Elegante Dame aus Barcelona — Sandalen werden Mode — Gans ohne fremdes Kapital geht es nicht — Olivenholz aus Berlin Erlebniffe auf Mallorca Von HEINZ KRASCHUTZKI In dor Monatssohrift für Umschichtung, Wanderung und Siedlung „Dor Auswo g", Paris, veröffentlicht oin Mann, der auf Mallorca „zu etwas gekommen ist", dio nachfolgondo Schilderung seiner Erlebnisse Mit einem Schlips haben wir unsere Firma begonnen. Und das kam so: Wir mußten Geld verdienen. Die bisherigen Einnahmequellen drohten plötzlich zu versiegen. Also beschlossen wir, einen Laden zu gründen, zumal es in dem neu entdeckten Badeort auf den Balearen, in dem wir waren, einen aolchen noch nicht gab. Es wurde aus Kistendeckeln ein Tisch gezimmert und an cinor Wand im Wohnzimmer angebracht. Und aus einigen Woilfäden, Resten von irgendwann, flocht meine Frau besagten. Schlips und legte ihn auf besagten Tisch. Das war der Laden. Am Nachmittag dieses denkwürdigen Tages erschien das Ehepaar MocKinloy aus New York zum Kaffee. Mr. MacKinloy sah den Schlips, band ihn Bich um und fragte vor dem Spiegel: was kostet der? Daran hatten wir noch gar nicht gedacht. Also wurde zusammen mit den MacKinleys beraten, und er erstand den Schlips für 5 Peseten. Gleich darauf kam Mr. Williams vorbei. Er sah MacKinlcy mit dem neuen Schlips und fragte: „Wo haben Sie denn den her?" „Eben hier gekauft", sagte der, und Mr. Williams bestellte zwei Schlipse. Wir hatten den ersten Auftrag. Daa ist jotzt fast drei Jahre her, und wir sind stolz darauf, daß wir seither niemals ohne festen Auftrag waren. Zwei Tage darauf fuhren wir nach Palma und kauften für den Laden ein. Unser Kapital betrug 400 Peseten; wir beschafften Bleistifte, Tinte, Schreibpapier und dergleichen, etwas Wolle für die aufblühende Schlipsindustrie. Und dann ginge richtig los, bis der „große Schlag" kam. Er kam in Gestalt einer sehr eleganten Dame aus Barcelona. Leute in Badeorten pflegen viel Zeit zu haben und beim Einkauf eines Bleistifts eine halbe Stunde zu verschwatzen. So war diese Dame nicht Sic kam horein, musterte den Ladentisch, „das da will ich, und das, und dos; was kostet das?" Sic zahlte 22'Peseten und war draußen. UnBer größter Umsatz war erzielt, und es hatte nur zwei Minuten gedauert. Die Dame kam wieder. Sie hatte bei uns eine Art von Sandalen aus buntem Bast gesehen. Sie gefiolen ihr nicht sd ganz. Man könnte es vielleicht noch anders machen, meinte sie, beschrieb, wie sie eB so ungefähr haben wolle, bestellte eiri Paar. Das Paar wurde gemacht, ein neuer Sandalentyp. Die Dame war zufrieden, bestellte noch zwei Paar. Wir fragten, ob wir die nun auch für andere machen dürften. Nach einigem Zögern: „Drei Tage will ich allein sie tragen, dann können Sie damit machen, was Sie wollen." Die Sandalen fanden Anklang. Wir verkauften einige Paare. Ein Modegeschäft aus Palma erstand zwei Paar für eine Modeschau. Sie wurden sofort verkauft. Dies ärgerte ein amerikanisches Geschäft, dem wir sie vergeblich aufzureden versucht hatten. Es bestellte ein Dutzend. Die ersten bestellten zwei Dutzend. Darauf bestellten die Amerikaner 100 Paar. Mit einem Male waren wir „Industrio" geworden. Wir konnten es nicht mehr schaffen, die ersten Mädchen aus dem Dorfo hielten bei uns Einzug, wurden angelernt, machten Sandalen. Wbb waren das doch für Zeiten I Die Sandalen wurden Mode. Die Amerikaner in Palma hoben einmal an einem Tage 36 Paar verkauft. Wir hatten ursprünglich unseren Bast an einem Bindfaden schräg über eine Ecke des Zimmers hängen. Wie stolz waren wir, als wir auch über die zweite Ecke einen Bindfaden für Bast spannen konnten I Und als wir den ersten Sack mit Sohlen bekamen I Ursprünglich hatten wir beim nächsten Krämer fertige Schuhe gekauft und das Oberteil abgetrennt, um die Sohlen zu verwerten. Eines Tages betrat ein Mann unseren Laden, der einmal Manager eines großen Warenhauses in New York gewesen war. Er erkannte mit Kennerblick Bofort, daß an den Sandalen etwas daran war. Er~Bprach vom Exportieren, von Tausenden von Der Wundergeiger Renardy Eine Preasevoranstaltung der Künstlerhilfo im Haus«, von Professor Beitram vermittelte . die Bekanntschaft mit dem 14-. jahrigen Wundergeiger Ossy R.e n a r d y. : Hier liegt wirklich eine geigerischo Begabung außerordentlichen Formats vor: der Junge besitzt nicht nur eine Technik, die schwierigste Aufgaben mit Selbstverständlichkeit meistert, sondern darüber hinaua einen in allen Lagen und selbst im Flageolett süßen und geschmeidigen Ton von -einer; auffüllenden Tragfähigkeit.. Alles wird mit echt geigerischem Empfinden angepackt) dio Btilsicherc Darstellung einer Corellisonate zeugt :yqn einer. auch im. Musikalisch-Geistigen zuverlässigen Ausbildung, Ea ist zu hoffen, daß. der kleine Renardy, der schon manchen E,rfolg hinter., sich liqt, demnächst Gelegenheit erhalt, auch in Berlin in größerem Rahmen aufr. zutreten. H. F. Paaren. Uns schwindelte. Mit einem Male sahen wir die „Weltfirma" durch die dunklen Wolken hindurchlcuchten. Knapp drei Jahro »t es jetzt hör, seit wir unser Geschäft mit dem einen Schlips eröffneten. Schlipse machen wir nicht mehr; aber sonst ... Wir haben uns ein Haus gebaut, mit richtigem, nach unseren Angaben eingerichteten Laden. Aus 64 kleinen Fächern scliimmern dio verschiedenartigen Wollknäule heraus, die wir verkaufen. Eine Frau mindestens hat ständig Arbeit, indem sio Sweater, Jacken, Badeanzüge ubw. Btrickt, die noch Muß bestellt werden. Wir importieren dio hochwertige Wollo direkt; denn ich hin jotzt im Offiziellen Register beim HondelBininiBteriinii in Madrid als Importeur und Exporteur eingetragen. Auf dem Ladentisch liegen die Stoffe, die unBcr Webstuhl herstellt, der hinten im Hause klappert. In dem kleinen Büro neben dem Laden ist der ZcitungBvcrtrieb, die Papierhandlung, das Reisebüro. Und nach einem Jahre mußte das Haus durch einen Anbau erweitert werden, die „Fabrik", in Idcm 8 Mädchen (ohne die Heimarbeiterinnen zu rechnen) unentwegt Sandalen, Handtaschen, Gürtel usw. aus Bast machen. Denn der Artikel hat sich bewährt. Nicht nur haben wir in allen Badeorten der balearischen Inseln unsere Wiederverkäufer, sowie an einigen Plätzen des spanischen Festlandes. Auch der Export ist in Schwung gekommen. Unser Vertreter in Amerika hat im letzten Jahr etwa 2000 Paar abgesetzt, in den besten Geschäften New Yorks sind dio Sandalen zu haben. Ohne daß wir einen Pfennig für Propaganda ausgegeben hätten, breiteten sich unBerc Verbindungen immer weiter aus. Ein junger Ungar sab in Barcelona ein Paar Sandalen, die rieh ein Mädchen in Ibizq gekauft hatte und die noch unser Etikett trugen. Er Btcllte durch die Handelskammer die Adresse des Herstellers fest, er schrieb, er kam schließlich, er ist heute unser Vertreter in London. Und in den eraten Geschäften der britischen Hauptstadt sind die Sandalen zu haben, die in unserem kleinen Fabrik-Anbau entstehen. Ganz ohne fremdes Kapital ging daa ja nun doch nicht. Ein Freund kam, sah sich die Sache an, dann lieb er uns auf unsere schönen Augen und unsere bisherige Erfolge hin Geld. Es wäre nicht anders gegangen. Vom Einkauf deB Rohmaterials über die Herstellung der Ware, den VcrBand nach Amerika, die Bezahlung dort, die Hcrsendung des Schecks vergeht viel Zeit. Man konnte graue Haare kriegen mitunter. Wochenlang haben wir manchmal unsere braven Mädchen nicht bezahlen können, mußten sie auf sagenhafte Schecks aus Amerika vertrösten. Sie haben trotzdem immer Vertrauen gehabt und weiter geschafft. Aber bei den Sandalen sind wir nicht Btchcn geblieben. Das feste und schön gemaserte Olivenholz, das auf dieser Insel wächst, hat es uns angetan. Die ersten Knöpfe aus Olivenholz, die wir, für unsere Taschen brauchten, bezogen wir aus Berlin. Jetzt haben wir schon Tauscndo von Knöpfen durch hiesige Drechsler machen' lassen, der Verkauf geht glänzend. Daneben entstanden Eierbecher, Schalen, Aschbecher usw. Ein anderer Emigrant hier — vormittags unterrichtet er Kinder — hat sich eine Drehbank angeschafft, kann ober natürlich den Bedarf nicht entfernt schaffen, sondern macht nur Modelle, die wir vervielfältigen lassen. Wenn er so ein schönes Stück fertig hat, dann hat er mehr Freude daran, als früher, wenn er als Referendar den ganzen Tag Haftbefehle ausgeschrieben hatte. Gestern sprach er davon, daß er sich auch ein Haus bauen will. Mein ältester Jungo hat sich, nach zwei Jahren Lehrzeit bei einem Tischler, selbständig gemacht, er stellt Gürtelschlössor ubw. aus Olivenholz her. Es gibt viole Vierzehnjährige. heute, dio noch nicht so weit sind. Warum ich das alles schreibe? Natürlich, um Reklame zu machen. Aber das ist es nicht allein. Ich will wenigstens einigen von denen Mut machen, dio herumsitzen und nicht wissen, was sie anfangen sollen. Natürlich, wir haben viel Glück gehabt. Wir kamen zufällig an einen Ort, der gerade eben anfing, aufzublühen. Wir konnten, als wir mit dem einen Schlips anfingen, vier Sprachen sprechen, so daß schon deswegen die Fremden zu uns kommen mußten. Und wir fanden jemand, der uns ohne Sicherheiten das nötigste Betriebskapital lieh. < Aber immerhin: es geht! Man kann sich eino neue Existenz schaffen, selbst heute in der Zeit der Wirtschaftskrise. Man kann es, ohne daß das Land, in das man ausgewandert ist, davon Schaden hat. Berliner Abende Karlchen lieft Karl Ettlingor, der sich noch immer Karlchen nennt und, seinem Format entsprechend, auch nie ein Karl der Große werden wird, bereitete seinen Hörern im Logenhaua in der Emser Strnßc einen vergnügten Sonntagabend. Der graue Jüngling mit dem „Frankfordcr Stiftekopp" ist noch immer ein gern gesehener Puhlikums-Liebling, dessen scheinbar onspruchsloso Gaben die Eigenschaft besitzen, nachdenklich zu stimmen.. Es sind lächelnde Weisheiten, aus dem Quell alltäglichen Lebens geschöpft, kluge Beobachtungen, in pointierte Form gebracht. Und ob Karlchen satirisch wird oder ironisch, ob er glossiert oder berichtet — immer erscheinen dio Zeichnungen seiner Feder auf dem warmen, wohltuenden Untergrund der. Güte und deB liebevollen Verstehena menschlicher Schwächen. Karl Ettlinger. braucht sich durch die Vorwürfe, dio man jüdischen Literaten gemacht hat, daß sie zersetzend wirkten, nicht getroffen zu fühlen. Sein aus fröhlichem Herzen sprudelnder Humor schwebt über der Zeit. Der Abend, den die Künstlerhilfe veranstaltet hatte, fand, ein dankbares Publikum.. Karl Eftlinger zeigte sich auch seinerseits mit Zugaben dankbar, die er allerdings mit der Einschränkung darbo't, daß Bie nicht ala Beginn des Abends betrachtet werden möchten. ' * ■ In den Märzkonzarten des Kulturbunds wechselte des fünfte Brandenburgische Konzert mit einem, F-dur-Orgelkonzert von Händel, das eine Umarbeitung einer Kammersonate darstellt, Ludwig AI tm ann unterstrich in seiner Registrierung die Plastik des Aufbaus, die ja für Händel charakteristisch ist; er wußte weiterhin reoht glücklich durch helle, leuchtende Farben das Wesen Händelscher Klanglidnteit zu'treffen, so daß die Linien in schöner Klarheit hervortraten. Rogqnatock gqb. dem Orchesterpart Frische und: klangliche Durchsichtigkeit, und so kam, ganz be-: sonders in dem herrlichen Slziliano, ein prachtvolles Musizieren zustande Im Bach-Händeljahr wünschen wir.uns vom Kulturbund, auch weiterhin Berücksichtigung der Orgelmusik. H. F. .,•'.'..»'.....;. .; Die Konzerte, des W e in b aum's che n a-capello-Chöra bedürfen einen „Kritik1' im üblichen Sinne nicht mehr; weil hier in seiner Art Vollendetes geboten wird. Das .liegt einmal an der Güte des Stirainaterials, das unter Weihbaum arbeitet, zum andern an dem Dirigenten selber,- bei dem sich', ursprüngliche Begabung, ein untrügliches Ohr mit hoher, „solider" Könnerschaft verbindet. Alexander Weinbaum hat die Fähigkeit, instinktiv Erfaßtes seiner Chorgcmeinschaft unmittelbar mitzuteilen durch die Intensität des eignen Fühlens und Mitlehens und durch seine variable und dabei genaue, präzise Art dea Taktschlagcns. Der Abend galt im wesentlichen dem deutschen Volkslied, dem dio Bearbeitungen von Siegfried Ochs ein. kunstgemäßes Gewand geben, ohne doch das einfach« Lied mit zu vielen, neuen Künsteleien zü^behungen. Hier und auch bei einigen älteren Stücken gewann Weinbaum dem' Chor verschiedenartigste Wirkungen ab, heitere, verträumte, graziöse, wehmütige. Es spielte der vielbewährte Cellist Godfricd Zeelander, sein Instrument schien nicht ganz in Ordnung zu »ein •— nicht nur Sängerkehlon sind gelegentlich indisponiert und unzuverlässig! Aber Zeelanders virtuoses und reifea Spiel konnte sich trotzdem durchsetzen. nn. » Der Synagogenverein Levetzowstraße veranstaltete anläßlich dos Purim-Festcs in der Synagoge eine Weihestunde. Eingeleitet wurde die Feier durch eino Begrüßungsansprache des Vorsitzenden Gustav Zamory. Nach dem Orgelsniel von Emil Jospo und Gesang des verstärkten Chors der Synagoge unter Leitung seinea Dingenten Roskin nahm Herr Rabbiner Dr. Sänger daa Wort, um daa Purimfcst und die heutige Zeit zu erklären. Dr. Sänger verstand ea, dio Zuhörer in seinen Bann ™ riehen. Besonderen Verdienst an dem gelungenen Abend haben die Solisten Frau Toni Türk und Herr Oberkantor Peisachowitzsch. Immer wieder erhob sich daa Publikum; um allen Mitwirkenden seinen Dank zu bezeugen. M. X. Ein Tag für die jüdische Frau. Die Künstlerhilfo der Jüdischen Gemeinde veranstaltet in Verbindung mit der Schul- * Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zum vierten Male in dieser Saison, wiederum unter Leitung von Lucy Gelber, am 9. und 10. April im Logenhaus Kleiststraße einen „Tag für dio iüdischo Frau". Die Auastellung, die an beiden Tagen von 9—-23 Uhr geöffnet sein wird, soll eino Schau aus der Arbeit jüdischer Schulen, Horte, Kindergärten, Sportvereinigungen, Privatkurse, usw. bieten und ferner eine Schau des jüdischen Buches und der jüdischen Zeitung bringen.- Als künstlerisches Programm sind,an. beiden Nachmittagen Kinderveranstaltungen, am ersten Abend ein« Aufführung der Operngemeinschaft der Künstlorhilfe (Der Barbier von Bagdad) und das Auftreten des vierzehnjährigen Geigers Ossy Renardy und am'zwelten Abend Referate und .praktische. Demonr strationen über geistige und körperliche Schulung des Erwachsenen vorgesehen.