Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 12 (20.3.1935)
- Date
- 1935-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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von dem Augenblick an „beschattet" hat, ida sie ein Visum in .Deutschland beantragte. Er erhielt von der Londoner Vortretung Nachricht Ober Ankunft und Abfahrt, in New York sofort Auskunft von der Polizei, -von den Universitäten Ober ibro 'dort ünlcr-, nommenen Schritte, von den Wirtslcutcn über ihre privaten Verhältnisse. Alles, ohne daß _ das Mädchen etwas davon merkte. Erst als man dio Zoit zum Eingreifen für gekommen hielt, als man sah, daß. das Mädchen in seinem Sclbständigkeitsdrang zugrunde phm mußte, griff man ein. Das Madchen erhielt zuerst Unterkunft im Baronin Clara von ■ Hirsch-Heirri, dem wunderbar und ganz zwanglos eingerichteten Haus der Gesellschaft, man gewährte ihm Kredite für dio Kosten an der Hochschule, deren Aufnahmehindofnisso dank der Beziehungen des Councils schnell überwunden waren, und stellte es so zwar sanft, aber nicht weniger energisch allmählich auf eigene Füße, wenn auch unter gelindem Zwang. Die Maschen dieser Organisation sind bo eng, daß keine jüdische Frau, die nach Amerika. kommt, ihr entgehen kann. Die Liste der in Obhut genommenen Frauen und Mädchen umfaßt mehr als 25000 Namen, davon allein 5000 seit April 1933. Besonders interessant ist es, daß viele auch die Hilfe des Conütes in Anspruch nehmen, die früher den Glauben ihrer Väter verlassen haben und nun in Amerika wieder Juden werden wollen. Auch ihnen wird gorn geholfen. Der Council besitzt 200 Sektionen in ganz Amerika, davon drei in New York, die naturgemäß am meisten in Anspruch genommen werden. Daß auch die anderen jüdischen 'Organisationen durchaus ihre Pflicht taten, braucht wohl nicht eigens erwähnt.;zu werden. . b7- Dio beiden größten jüdischen Organisationen, Tie American Jewish Committee und "The American Jewish Congress, eigentlich mehr eine Zusammenfassung von Organisationen, haben ihr Arbeitsgebiet' seit vergangenem Jahre außerordentlich vergrößert. Schon rein äußerlicht Aua zwei bis drei kleinen Büroräumcn. sind ganze Etagen in Wolkenkratzern geworden. Sie beschränken sich natürlich nicht auf _ reine-"Hilfsarbeit. Mit' erstaunlicher Präzision werden alle Ereignisse auf dem Kontinent verfolgt, soweit sie mit Juden zusammenhängen, und erstaunlich gut ausgestattete Kartotheken „ und Register, Sammlungen von Literatur und Zeitungsausschnitten geben über alles Aufschluß, was mit jüdischen. Fragen in Verbindung Bteht. Hier wird eine Arbeit geleistet, die für die. Geschichte des Judentums unserer Zeit von unschätzbarem Werte ist. Da man über das gesamte jüdische Leben in Amerika nicht Zeitungsartikel, sondern Lexikohbände schreiben müßte, seien nur noch tm paar Einzelgebiete herausgegriffen, die besonders charakteristisch sind. Da Bind z. B. die jüdischen Lehranstalten. Die erste, die wir sahen, war die große „Jeshiba Rabbi Jizchak Elchanan". Es ist eine Mittelschule, etwa mit dem Lehrplan eines. Realgymnasiums — natürlich ins Amerikanische übertragen —,: in Verbindung mit einer Hochschule zur Ausbildung von Lehrern, die es bis zum Rabbincrdiplom bringen können, unfeiner Art „Freier Volkshochschule" für im Beruf Stehende. Daneben gibt es auch Ferienkurse, zu denen Bogar der Staat beisteuert, so daß sie auch von Nichtjuden besucht werden können. Als ich mir das stolze Gebäude von der' gegenüberliegenden Straßenseite betrachtete, sprach mich ein Kutscher, der mit einem Esclgcspann Bausteine fuhr und sicher ein Nichtjude war, ah und sagte voller Lokalstolz: „Hat's one of the very finest buildings in New York, that's the jewish univeraityl'* Er hatte wirklich recht Das Gebäude der Jeshiba ist denkbar imposant, keine kontinentale Universität brauchte sich seiner zu schämen. D» Schulzimmer sind modern und. hell, für die naturwissenschaftlichen Fächer gibt es eigene Lehrsäle und Laboratorien, prachtvolle Speisesäle für Schüler und Lehrer befinden sich im Mittelbau, Schlafräume für mehrere hundert Schüler, die in der Schule selbst wohnen wollen, liegen im Obergeschoß. Je zwei Studenten haben ein schön eingerichtetes Zimmer. Es gibt eine große Aula, eine prächtige Anstaltssynagoge, eine wunderbare Bibliothek, der. Stolz der Anstalt.. Diese Bibliothek wurde erst vor kurzem vergrößert durch den Ankauf der Bücherei des bekannten Wissenschaftlers Professor Dr. Samuel Krauss in Wien, auch die Bücherei des verstorbenen New Yorker Rabbiners Klein befindet sich hier. Leiter ist Dr. Revel,- ein bekannter Gelchrtor, dabei aber ein energischer Organisator, den ein Stab - allererster junger Kräfte unterstützt. Auch eine Reihe junger deutscher Gelehrter fand hier Unterkunft und Auskommen. ■. , Fast alle . Sprachen, der Welt bildeten den Gegenstand der Lektionen; angefangen von lateinisch und griechisch bis zu allen modernen .Sprachen, natürlich,auch hebräisch. Lehrer und Schüler trugen bei jedem Unterricht Kuppchen, was besonders bei den vielen N e g e r n etwas merkwürdig aussah. In der Tat ist dieses Käppchentragen gar nicht einmal das Zeichen von besonderer Frömmigk wb, sondern eine Art Symbol, ein Stück Eigenart der Schule, wie sie jede amerikanische Schule besitzt. Auch die Nichtjuden tragen.mit Würde ihr gesticktes Käppchen wie eine Art Auszeichnung. Der interessanteste Schüler, den . wir trafen, war ein junger Jude aus Bagdad. ' Er hatte in seiner' Heimat nur1 die Missionsschule besucht, weil es eine andere Möglichkeit für Juden, etwas zu lernen, nicht gibt. Er soll hier studieren, um später einmal — Oberrabbiner von Bagdad zu werden. Schon heute ist «r 'auf sein zukünftiges Amt nicht wenig stolz. Er betrachtet vor allem das Erlernen von Sprachen als'seine'Hauptaufgabe und will dort selbst Sprachlehrer heranbilden; Vielleicht wird Rachmim Sion, mit diesem wohllautenden Namen stellte er sich vor, wirklich einmal ein Kulturpionier seiner Heimat. Die Schule ist im übrigen, wie der Leiter betont, keine Rabbiner- oder Lehrerfabrik, sondern rein ein Institut zur Verbreitimg von allgemeinem und jüdischem .Wissen. Die meisten Schüler ergreifen-nach ihrem Abgang' praktische Berufe: Manche, wenn auch nicht allzuviel«, wollen sich nach Palästina wenden. Literatur über Maimonides . Dlo vielseitige Bedeutung des Maimonides als Philosoph, als Erklärer und Ordner der jüdischen Gesetzesliteratur und als Führer des Judentums seiner Zeit kommt in einer Reihe bemerkenswerter Publikationen heraus, die aus Anlaß der 800. Wiederkehr seines Geburtstages in diesen Tagen erscheinen. Einen Uberblick Über .sein gesamtes Schaffen gibt ein Doppelband der Bücherei des Schocken Verlages: „Rabbi MoBche ben Maimon", eine Auswahl von Norbert Glatzer. Gleichfalls in der Serie dieser bunten - Bücherei erscheint eine von Alezander Altmann . besorgte Auswahl und Übertragung: „Des Rabbi Mosche ben Maimon More Newuchim". Uber die religionsphilosophische Lehre des Maimonides wird «in Werk Fritz Bambergers, „Das System des Maimonides" unterrichten, während ein ebenfalb im Schocken-Verlag erscheinendes Buch „Philosophie und Gesetz" von Leo Srrauss Beiträge zum Verständnis Maimunis und!der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters liefert. Weißgerber-Abend Eine Sondcrveransüdtung des Kulturhunds galt dem Auftreten des namhaften Geigers Andreas W « i ßg « r b' e r. Der hoho Stand einer durchgefeilten und gelockerten Technik bewährt sich auch gegenüber schwierigsten Aufgaben, der Ton behält seine Bcschwingtheit und seinen Schmelz bis in die hächsten Lagen. Eine intensivere Abrundung der großen melodischen Bögen würde dem. Mozartspiel des Künstlers noch zugute kommen; einzelne Akzente treten mitunter'gegen dio Gesamtlinie noch zu stark hervor. Die im Technischen prachtvoll gemeisterte Bachsche Chaconnc könnte noch durch ruhigere, strengere Gestaltung gewinnen.- Hinreißend dagegen wird .die urwüchsige Rhythmik Stravinskys und de Falles fstraffen, wirksam unterstützt durch dio Begleitung Kurt Säuerlings, dem dos ebenfalls besonders zu hegen scheint. Unter den kleineren Stücken des Schlußteils eine „Hebräische Melodie" von.Achron, ansprechend, aber, etwas langatmig durchgeführt. — Alles in allem ein hochwertiger Abend} - die begeisterten. Hörer erzwangen mehrere Zugaben. H. F. DER JUDISCHEN ALLGEMEINEN Leiter: Siegfried Winitzki Schachaufgabe Nr. 9 Von M. Feigl; Wien Weiß: 7 : Soliwan : SS. ijnron. Kol; 8 Figuren. Lb2, Mlj Kd3; Ta7; Sb6, Si6; Bauer 12, 8d8; Bauer a6, M< g3. b3, Matt in drei Zügen. Auflösung in unserer nächsten Schachecke Zusammenbruch — durch Eröffnungsfehler (Gespielt in der Berliner Vorkämpferschaft des Berliner Schachverbandes am 6. Februar 1933) O Weiß: Kunnemann. Schwan: N. N. 1. äZ—äi 17—tB; 2. e2— ei f5Xo4; 3. Sbl—c3 Sg8—£6; 4. Lol—g5 e7—e6; (Führt;. zu schwierigem Spiel, besser dürfte g7—g6 sein.) 5. Lg6X£6 Dd8X*6; 6. Sc3Xe4 Df6—g61? (Nur Damenzüge in der Eröffnung bei noch unentwickeltem Spiel führen immer zur .Verlustatellung. DfC—hS ist natürlich in .dieser Stellung bedeutend besser) 7. Lfl-^dS DgG—f7; (Dg6Xe2; 8. Sei—g3, droht 9. Ld3—e4 Dainonverluat, LfE^-b4-|-i 9. o2— c3 0—0; 10. Ddl—e2 und Schwarz, verliert mindestens eine Figur, da auch Lei droht) 8. Sgl—f3 g7—g6; 9. h2—hl Sb8—c6; (h4, mit diesem Zuge will Weiß dio sohwarze Stellung zerschmettern. Schwan', hat jetzt schon keine ausreichende Verteidigung mehr) 10. h4—hB Sc6—b4; 11. h6Xg6 SblXd3-f; 12. DdlXd3 Df7—g7; (Jetzt ist endgültig das Schicksal der Portio besiegelt. Auf Df7XsG folgt 18. Be4—d6-|- nebst 14. Dd3Xg6) 13. ThlXh7 TXh7; 14. g6Xh7 b7—b6; 15. Sf3—e5 Lc8—b7; (Jetzt folgt ein sehr schöner Sohluß. Auch bei anderen Zügen ist Schwarz verloren) 16. h7—h8D! Dg7Xa8; 17. Se4—dß-(-l Sohwarz gibt auf. (Auf Läufer oder oXä6 folgt 18. Dd3—g6-j- Ke8—e7; (Kd8, 19. 817+) 19. DgS—f7-(- und 20. DXd7 matt). j Eine von Weiß durchweg konsequent und stark durchgeführte Partie. Lehrreiches Schach (Aus einer Partie zwischen Dr. E. Lasker und Rubinstein) Stellung noch dem 59. Zuge von Weiß: Woiß: 4 Figuren. Kd3, Tf4, Bauer f5, b2. 4 Figuren, den drohenden Figuronvorlnsfc sab. — Statt dossoa hätte er hier doch gewinnen können! , ... Wie? ' Auflösungen in unserer nächsten Schachecke Auflösung der Schachaufgabe Nr. 8 1. b7Xa8 Springern KhlX«S; »• Sa8—bG Kg2—f3 oder hl; - 8. a7—o8 Laufer matt! AUS DEN SCHACH VE REINEN Berlin BSG 33, Schachabteihmg (im Sportbund des RjF). Die Schachabteilung hat ihr. Spiellokal, nach Restaurant Krctachmer; Berlin, 'Niederwallstraße 25, verlegt.. Spielabcnd ist., jetzt jeden Montag ab 20.30 Uhr. Das Winterturnier, das zum 25. März nun endgültig festgesetzt ist, hat bis jetzt'eine außergewöhnliche starke Besetzung gefunden, u. a. hoben so starke Spieler wie der deutsche Meister Itotenstcin, Kreisborg, Loevy, Chormatz, Berggrün, Dr. Hecht, Winitzki, ihre- Meldung zum Turnier, bereite abgegeben. — Demnächst beginnt, unter Leitung von Rechtsanwalt Loevy, ein Lehrkürsus für Anfänger.' Die Teilnahme' ist' für Mitglieder und Gäste frei. — J u g e h d - S c h a c h o b t c i 1 u n g: Das Spiellokal ist ebenfalls nach Restaurant. Krotschmer, Berlin, Niederwallstraße 25, verlegt worden. Spielabend jeden Montag von 18—20 Uhr. WO SPIELT MAN SCHACH? (Schachsäle geöffnet täglich von 10 Uhr vorm. bis. l Uhr nachts) „Cafe Victoria" (früher König), Berlin, Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße; „Mocca Efti", Berlin; Friedrich- Ecke Leipziger Straße; „Romanisches Caf6", Berlin,,Budapester Straße 10; „Cafe" Trumpf", Berlin, Kurfürstendamm 10; „Cafö Janz", Charlottenburg, Kantstraße 120. Die Sieger im Moskauer Schachturnier Im internationalen Schachturnier in Moskau wurde am letzten Donnerstag die neunzehnte und letzte Runde gespielt. Nach der achtzehnten Runde standen Botwinnik und Flohr punktgleich an der Spitze; ihnen folgte-Laskor mit einem Abstand von einem Punkt und Capablanca mit anderthalb Punkten weniger. In diesem Verhältnis stehen auch die Sieger zueinander, wobei Lasker und Capablanca noch etwas näher an' die. beiden ersten Plätze heranrückten. Botwinnik machte seine Partie gegen Rabinowitsch remis und kam damit um einen halben Punkt höher auf 13 Punkte; remis endete aber auch die Partie Flohr gegen Alatorzew, so daß auch Flohr auf 13 Purikte kam. Botwinnik-und Flohr teilen sich also in den ersten und zweiten Preis. An dritter Stelle folgt Lasker, der seine letzte Partie gegen Piro gewann und damit 12l/s Punkte erreichte. Vierter wurde Capablanca, der Löwenfisch schlagen konnte, mit 12 Punkten. Salo Flohr und Emanuel Lasker sind, wie bekannt, Juden. Sohwarz 69. . . bB—b4. G0. b2—b3 Kc6, Tf6, Bauer dB, b5. Etwas besser war 69. . . d5—d4 mit der Folge 60. Ke4 Td6; Gl. Tf3, aber auch in diesem Falle würde Weiß wohl gewinnen, wenn auch Behr Bohwer. Durah diese auf Zugzwang angelegte geradezu klassische Fortsetzung erhalt dos Endspiel einen' vorbildlichen Wert. 60. 61. 61. 62. 63. 64. 65. 66, Tf6—f7 f6—f6 Einfach und gut. Weiß in glänzendem Stile aus. nutzt das Tempo . . . KcB—d6 Kd3—d4 Kdffl-e6 TI4-f2 Ke6-&6 . Tf2—o2!. Tf7^o7 To2—a6-f- Kd6—d7 Ta6—bG Aufgegeben. Aus der Praxis , . W.eiß:, 1.4 Figuren. Kgl; Db3; Tal. Tel; Lc4, Lb2; Set; Bauer h2, g2, <E2, d4, o2,. b5, &5. Bbhwarz: 14 Figuren. Kb8; DfG; Td8, Te8; MT, Wß: Sg6; Bauer h6, g7, f7, e6, o7, a7./ In diooor Stellung zog ,Wolß sehr stark, überraschend: 1. SeS—cß-J-I Ld7Xc6; (Auf b7Xc61 folgt 2. b6Xo6-l- Kb8—a8 oder c8 und Db3—b7 matt) 2. bSXcfi b7— b6; 3. a5XbS o7Xb6 (Auf 3. . . . a7Xb6 folgt 4. DbS—A4 mit undeokbarem Matt) 4. TalXrfll Sehr elegant and korrekt, Kb8Xa7; (Auf 4. . . . Ld6—o7 folgt 6. Ta7—b7+ usw.) 6; Tel—al-\- Ka7—b8; Db3Xbä-(- und matt im nächsten Zug; Humor im Schach (Aufgabe von W. A, Shinkmann) Weiß soll, ohne einen Bauern zu ziehen, mit dem König den unbeweglichen Springer el erobern. Der K&nlg darf nicht ins Schach gehen! Kürzeste Lösung? Weiß: 12 Figuren: Kh2; Tbl, TgS; Lgl, Lg2; Bauer »2, f2, f3, f4, g4, h4, hB. . ' Schwarz: 1 Figur. Springer el. Übungsbeifjpiel für Lernende Dd3; Tdl; Lbl; 9 Figuren. Khl; , Bf6; Bauer. a2. , Weiß «4, g2, h2. 8 ah war»:. 9 Figuren. Kh8; Set; tdtj IM,. IM', Dauer h6, g7, aß, bo. In dieser Stellung gab Sohwarz auf, da er keine Bettung gegen Altes Kleid in neuer Form »■ Von KÄTHE FEIGE-STRASSBURGER Sobald die Sonne aus den Wolken schaut und die Tage heller und länger werden, mögen wir alle unsere Winterkleider nicht mehr leiden. Sie kommen uns bei dem veränderten Licht ganz untragbar vor. Wir möchten mit der neuen Jahreszeit wiedor rieü erscheinen, und es entspringt nicht nur dem Geiaht der "Eitelkeit, wenn wir das Bestreben haben, modisch gekleidet zu sein. Wir wollen nicht auffallen: weder durch eine extravagante Betonung der 'modischen Richtung, noch durch eine Vernachlässigung des herrschenden Geschmackes. Wir suchen in der Mode nicht nur dos leichte, prickelnde Element, nicht nur ihren anregenden Reiz, wir suchen und finden in der Mode, indem wir ihren Geboten gehorchenj ein äußerliches Angleichen an die Masse, und es bleibt dem. Taktgefühl und dem persönlichen Geschmack eines jeden überlassen, die modischen Attribute für sich nutzbar zu machen und in bezug auf den Geldbeutel und die Kleidsomkcit das richtige Maß zu finden. Der Mensch, der der Mode folgen will, trägt neue Kleider; denn dos neue Kleid bestimmt unsere Haltung mehr als das alte, das, schließlich ganz in der Richtung unserer individuellen Geste ausgearbeitet ist, widerstandslos nachgibt und oft' unsere kleinsten Besonderheiten verrät. Wir fühlen uns vielfach im alten Kleid behaglicher, weil wir uns allmählich seine Formen zu eigen machten; bei längerem Tragen geht das Formgesetz des Kleides in unsere Bewegungen über. — Das neue Kleid mit seinen neuen modischen Formen verbirgt mehr unser eigenes Selbst, zwingt uns eine andere Überindividuelle Haltung auf und ordnet uns dadurch in die allgemeinen modischen Formen ein. Dio diesjährige Frühlingsmode macht es uns besonders leicht, ihr zu folgen, weil sie' durch ihre Vielseitigkeit für jeden Geschmack und Geldbeutel sorgt. Alles; Kleider, Kostüme, Mäntel, zeigt weiter, den sportlichen Charakter. Das Laufkleid ist etwas kurzer geworden. Die Schultern bekommen mehr die abfallende Linie, bedingt durch den tief eingesetzten Ärmel. Die Kleider sind, um straßenmäßiger zu wirken, und auch damit mau selbst die leichte Jacke entbehren kann; oft mit einem kleinen Schößchen versehen- Das frühere Mantelkleid .wird durch das heutige. Jackenkleid .ersetzt. Der lange englische Mantel, der früher in keinem Kleiderschrank der gut angezogenen Frau fehlen durfte, ist wieder selbstverständlich geworden. Er ist praktisch, paßt zu jedem Kleid, und wirkt, durch ^guten' Stoff und Sita immer angezogen. Daneben bleibt das kleine Cape, der dreiviertellange'Mantel als Kleidergänzung. Der. Hut wird vielfach ganz weit aus dem Gesicht getragen, die Krempe bleibt im Frühjahr klein, damit die noch spärlichen Sonnenstrahlen leicht in unser Gesicht'finden können. In jedem Haushalt finden wir Kleidungsstücke, die im «VBten Moment unverwendbar erscheinen. Bei näherer Betrachtung erst sehen wir, daß die wohlerhaltenen Stoffe in die beliebten Modefarben marine und schwarz .eingefärbt werden kennen und nun ganz leicht eines jener Kleidkostüme ent Bteht, die baid das Ideal jeder Frau sein werden. Etwas helleu Stoff für eine Bluse, ein kleiner Kragen, ein Gürtel, eines jener1] leicht auswechselbaren Jabots und Chemisettes, und unser Kleid hat ein ganz anderes, ein frühlingsmäßiges Aussehen erhalten. Ein dreiviertellanger Mantel, ein Kleines Cape,' in passendem Farbton vervollständigen jedes Kleid und geben ihnrden modischen Charakter. — Die Mode bietet uns Schutz und ist für den fein empfindenden Menschen, der weder durch veraltete noch .durch extravagante Kleidung auffallen will, eine Art Maske. Jeder Mensch hat Freude an neuen und netten Sachen, und die diesjährige Modo gibt uns die Möglichkeit, unsere Modebedürfnisse in bescheidenem Rahmen zu erfüllen. Unsere Gemütsverfassung leidet, wenn wir uns schlecht angezogen fühlen; umgekehrt steigert sich unser Selbstgefühl, .wenn wir wissen, daß wir uns auch äußerlich in den bestehenden Kreiß einfügen. Auch das ist ein Stück Lebenskunst.