Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 12 (20.3.1935)
- Date
- 1935-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS MÄDCHEN aus der TERTIA I Von BEN-CHORIN Unsor Rcligionolehrcr Dinkclsbühlcr wnr ein Mmiii, der in Seinen Schülern das originalgetreue Abbild der Hotte Korachs sah und uns dementsprechend zu behandeln pflegte. In der Tat — dies sei zur Entschuldigung dieses heftigen Pfldagogcn angeführt — zahlte es nicht zu den reinsten Freuden, uns in die Geheimnisse der hebräischen Grammatik und die Gotteslehrc Israels einzuführen, denn wir bogegneten allen Versuchen Dinkelsbtthlers, uns für seine Ideale zu entflammen, mit großem Desinteressement und korrupter Frechheit. Ach, so ein Religionslehrer hatte es nicht leicht: wir fühlten alle gewissermaßen im Unterbewußten, daß er, der Exponent allen Judentums, eigentlich verantwortlich war für die offenen und geheimen Zurücksetzungen, die wir von unseren christlichen Mitschülern und mitunter sogar von diesem oder jenem Lehrer zu gewärtigen hatten, und so ließen wir in unserem kindlichen Unverstand unserem Unmute freien Lauf und hatten untereinander verabredet, Dinkolsbühler zu Ärgern, wo .und wie immer es nur möglich war. Dieses unbotmäßige Verhnltung reizte den an Bich leicht in Wallung geratenden Lehrer natürlich stets aufs Neue, und so wurde die Atmosphäre in unserem Religionsunterricht naturgemäß immer vergifteter. Der einzige Lichtblick — von Dinkelsbühler uub gesehen — war Lottchcn. Lottchcn Dinkelsbühler, die Tochter unseres Lehrers, war ,ein Muster an Fleiß, Begabung und Wohlerzogcnheit und das einzige Mädchen in Tertia. Sie. war ein schlankgewachsenes Mädchen, dessen schalkhaft-jungenartiges Gesicht von einem Kranz brauner, halblang getragener Locken umgeben war. Ihre de fschwarzen Mandelaugen waren nicht anders als „flink" zu nennen, und ihr kleiner, feingeschwungener Mund war immer gespitzt, als wollte sie pfeifen oder küssen. Natürlich dachte sie weder an das eine noch an dos andere, denn, wie gesagt: Lottchcn Dinkelsbühler war unumstritten „PrimuB" der Klasse. Sie sagte mit derselben Leichtigkeit jede beliebige Stelle aus dem „Tacitus" her, wie sie geometrische Lehrsätze zu beweisen verstand, oder Geschichtsdaten aufzuzählen, oder die Härteskala der Mineralien abzuhaspeln. Am Sonnabend enthielt sie sich — als einzige in der Klasse — des Schreibens undi Zeichnens, und unsere christlichen Mitschüler rissen sich darum, ihr Hefte und Notizen zu Nachtragungen über Sonntag zu borgen, denn Lottchcn Dinkelsbühler lehnte jedes Anerbieten von unserer Seite strikte ab. Waren hie und da antisemitische Regungen in der Klasse zu Bpüren, vor Lottchen Dinkelsbühler machten sie Halt. Lottchen war auch in der von ihrem Vater den zehn jüdischen Schülern unserer Tertia erteilten Religionsstunde der einzige Lichtstrahl. Wenn wir mit unverbesserlicher Unkenntnis die erhabenen Worte der Bibel verballhornten und unter Androhung aller Schulstrafen mit Ach und Weh einen Vers übersetzt hatten, pflegte Dinkelsbühler das schwarze Samtkäppchen aus der Stirn zu schieben und mit zulamftssicherer Stimme auszurufen: „Lottchen (er sagte Lottchen), mein Kind, fahre fort und zeige, diesen faulen Burschen, wie man es macht". Lottchen fuhr denn auch fort, ohne daß ein Ende abzusehen war;** mit derselben Leichtigkeit und Gründlichkeit, mit der sie Tacitus, die Geschichtsdaten und die Härteskala zu behandeln pflegte, und uns wurmte es, dabeisitzen zu müssen und unsere phänomenale Unkenntnis durch allerlei Allotria übertünchen zu müssen. Es ist nicht zu leugnen, ich liebte Lottchcn Dinkelsbühler in zärtlich-Bchwärmerischer Weise, wie es meinem Alter und den Verhältnissen angepaßt war. Ich war bestimmt nicht der Einzige in der Klasse, der ihr derartige Gefühle entgegenbrachte, aber ich glaube, nicht, daß dieser Zustand der Verliebtheit bei allen so erfreuliche Blüten zeitigte, wie bei mir. Im Anfangsstadium war meine Liebe eine tragisch zu nennende. Ich kam nämlich — wie es das Unheil wollte — im Unterricht "neben Lottchen Dinkelshühler zu sitzen, und die Nähe meiner Herzensdame verwirrte mich dermaßen, daß ich außerstande war, den Vorträgen, die vom Katheder herab zu unserer Belehrung erschollen, auch nur im entferntesten zu folgen. Vielmehr war ich bestrebt, unablässig Lottchens Konterfei auf Löschblättern und Heftdeckeln festzuhalten, was mir dank meiner zeichnerischen Begabung auch nach einigen Wochen gelang. Meine freie Zeit verwandte ich nicht etwa darauf, die Schulaufgaben 2u erledigen, vielmehr schrieb ich in künstlich verstellten Schriftzügeh glühende Liebesbriefe an Lottchen Dinkelsbühler, die ich ihr in der Zehnuhrpause heimlich in die Tasche ihres schäbigen braunen MHUtelchens steckte. Ja, Lottchen erwarb sich sogar unbewußt unsterbliche Verdienste um die deutsche Literatur, denn ich begann damals, inspiriert von ihrer holden Erscheinung, Verse zu schreiben, die bestimmt zu den tiefempfundendsten, wiewohl nicht formvollendetsten, der Weltliteratur zu zählen sind. Einmal hatte ich das Glück zu sehen, wie Lottchen eines meiner Poeme los. Sic stand im Schulhof unter einer blühenden Kastanie und verzehrte eine Apfelsine. In der freien Hand aber hielt sie einen Zettel, er war bestimmt von mir, ich 'erkannte ihn an der sinnig gowähltcn blaßviolctten Farbe, und las mein Gedicht. Ich epfihto angestrengt, natürlich Gleichmut heuchelnd, ob nicht eine zarte Röte ihre mit Lachgrübchen anmutig gezierten Wangen übcrflammc, aber nichts dergleichen geschah. Vielmehr zerknüllte sie achtlos mein kunstvolles Versgebilde, an dem ich bis tief in die Nacht gedichtet hatte, und warf es achtlos in die Tonne, über der mit spartanischer Nüchternheit die Worte prangten: Für Abfallpapicrc. Mein mit Herzblut geschriebenes Gedicht lag unter Apfelsinenschalen und fettigen Wursthäuten, war weggeworfen, um nicht zu sagen verworfen von ihrer Hand! Ich war erschüttert 1 In der nächsten Stunde wurde ich aufgerufen. Ich hätte den Beweis erbringen sollen, daß die Summe der Kathetenquadrate gleich dem Quadrat über der Hypothenusc eines rechtwinkligen Dreiecks sei. Es gelang mir nicht. Verwirrt und im innersten aufgewühlt, erhob ich mich an Lottchens Seite — und schwieg. Schwieg beharrlich, denn es stand mir keinerlei Antwort zu Gebote. Mit gewohnter Sicherheit erbrachte indessen Lottchen Dinkelsbühler den Nachweis, daß der oben geschilderte Sachverhalt ein folgerichtiger sei — wo» zu beweisen war. Sie also — wie Ezemplum lehrte — war keineswegs ergriffen, an ihr war das Gedicht in jeder Weise spurlos abgeglitten. Ich war verzweifelt und überlegte mit der nie endenden Erfindungsgabe des rettungslos Verliebten, wie ich mich der Angebotenen meines Herzens könnte bemerkbar machen, denn daß die Literatur nicht der rechte Weg ist, Frauenherzen zu gewinnen, erkannte ich damals mit letzter Deutlichkeit. Ich verfiel nun ouf den Gedanken — und damit begann die positiv zu bewertende Station meiner Liebe — mit größtem Fleiße Hebräisch zu lernen, um auf diese Weise eine Art Gemeinschaft mit Lottchcn herzustellen. Alle jüdischen Mitschüler bemerkten mit Neid und Argwohn die plötzlichen Fortschritte, auch unser Lehrer Dinkelsbühler würgte so etwas wie ein Lob aus sich heraus — einzig Lottchen merkte nichts. Wie ich mich auch mühte, sie war mir noch immer ellenlang voraus und schien in erhabener Reife meiner stümperhaften Versuche gar nicht gewahr zu werden. Dennoch führte mich der eingeschlagene Weg näher ans Ziel. Bemerkte auch Lottchen nicht meinen Feuereifer, so konnte ihr Vater, der ja im Grunde und hinter seinem bärbeißigen Betragen eine Seele von Mensch war, auf die Dauer doch meinen gana eruptiven Feuereifer, der seiner Ansicht nach nicht anders als religiös zu motivieren war (denn daß ich die hebräische Grammatik gleichsam als Minnedienst übte, konnte dem Guten nicht einfallen), nicht übersehen. „Es ist erfreulieb," sagte er daher eines Tages nach Schluß der Stunde zu mir, „daß du. dir Mühe gibst und solch reges Interesse für die Dinge der Religion an den Tag legst. Hast du" — fuhr er ziemlich unvermittelt fort — „schon einmal einen Freitagabend erlebt?" Ich mußte ihn sehr dumm angesehen haben. Denn Lottchcn, die an seiner Seite stand und des Vaters Büchertasche trug, begann recht hämisch zu kichern. Ich verneinte. Ich hatte in der Tat etwas derartiges noch nicht erlebt, denn aus meinem Elternhaus« war alles jüdische Brauchtum verbahnt. Dinkelsbühler lud mich also auf den kommenden Freitogabend in sein Haus als Gast. Als ich zu festgesetzter Stunde in meinem besten Anzug und klopfenden Herzens bei DinkelsbOhlers läutete, öffnete mir Lottchen Bolbst in einem Hauskleid von weinroter Farbe, das sie in der Schule niemals trug. Ich hielt sie für die Prinzessin Sabbat selbst und war bo verlegen, daß ich, wie meistens in ihrer Gegenwart, einen brennroten Kopf bekam und nichts sagte. Sie gab mir die Hand, sagte „Gut Schabbos" zur mir, nannte mich aber im - übrigen, wie immer, mit Nachnamen und war kaum freundlicher als in der Schule. Aber dennoch fühlte ich mich ihr, als ich neben ihr an dein sabbatlich gerüsteten Tische saß, unendlich näher und verbundener als in den Stunden des Unterrichts, die ich doch auch an ihrer Seite zubrachte. Nach dem Essen sang Lottchen gemeinsam mit dem Vater allerlei hebräische Lieder, von'denen ich kein Wort verstand, aber die Art, wie Lottchcn sie sang, erweckte in mir den regsten Wunsch, es ihr glcichzutun. Ich summte mit, und gab mir den Anschein, als könnto ich hier auch mitreden, oder besser gesagt mitsingen, denn ich wollto nicht allzu lüchorlich in Lottchcna Augen erscheinen. Als sie fertig waren mit Singen, fragte mich Lottchcn ganz plötzlich, ob ich Schlittschuhlaufen könne. Ich bejahte. Ich war froh, daß ich Gelegenheit hatte, von etwas zu sprechen, was ich wirklich, wio ■ man sagt, aus dem „FF" beherrschte. „So," sagte sie sichtlich erfreut, „wenn du gut Schlittschuhlaufen kannBt, darfst Du mich einmal auf den Eisplatz begleiten, ich möchte nämlich das Bogcnlaufcn lernen, vielleicht kannst du es mir beibringen." Mein Glück hatte keine Grenzen. Ich durfte sie auf den Eisplatz begleiten, durfte sie unterweisen in der einzigen Kunst, in der ich es zu einiger Meisterschaft gebracht hatte. Ich sah mich am Ziel aller Träume und mußte nur aufpassen, daß ich meinem Jubel nicht allzudeutlichen Ausdruck verlieh. „Ja," sagte ich daher, „das können wir schon einmal machen. Vielleicht am Mittwoch nach der Physikübung". Da ging es nicht; denn wie sich herausstellte, genoß Lottchcn auch noch Musikunterricht, der zu diesem Termin stattfand. So einigten wir uns denn auf einen anderen Tag der Woche. Täglich ging ich auf die Eisbahn und übte allerlei Schaustückchen ein, die ich ihr vorzuführen gedachte. Der ersehnte Tag kam, aber mit ihm ein vom Satan entbotener Föhnwind, der das Eis bedenklich auftaute. „Glaubst Du," fragto mich Lottchcn in der ersten Pause, „daß wir heute nachmittag aufs Eis gehen können?" Dabei Bah sie mit skeptischer Miene aus dem Fenster und schob, wie um ihr Mißtrauen zu verdeutlichen, die Untorhppo weiter vor als gewöhnlich ihre Art war. Wiewohl ich ernste Zweifel in die Durchführbarkeit des Unternehmens setzte, schlug ich doch alle Bedenken in den Wind und sagte rasch: „Aber bestimmt 1" Am Nachmittag holte ich sie von ihrer Wohnungstür nb, und wir gingen zu dem kleinen See im Stadtpark. Auf dem Eislaufplatz waren nur äußerst wenige Menschen zu sehen, waB : Lottchens Befürchtung, das Eis könne durch den Föhn aufgotqut, vielleicht nicht tragfest genug sein, bekräftiget. Ich redete ihr jedoch olle Bedenken oub: „Das ist ja gerade das Feine," erläuterte ich, „daß nur wenige Leute auf dem Eis sind. Da können wir viel ungestörter Bogenlaufcn üben, und wenn du einmal hinfällst, dann sieht es auch niemand." So schlecht fahre sie nun denn doch nicht, daß sie sich vor den Leuten schämen müsse, ereiferte sie sich. Ich unterwies Lottchcn mit Hingabc, und sie lernte das Bogenlaufcn ebenso spielerisch wie den Tacitus, die Härteskala und die Bibclverse. Bald waren wir soweit, daß wir untergefaßt zusammen Schleifen vollführten. Wir waren schon so aufeinander eingefahren, daß wir es wagen konnten, gemeinsam größere Strecken zu laufen, was uns veranlaßtc, uns immer mehr vom Rande des Sees nach der Mitte hin zu bewegen. Wir achteten in unserem Eifer nicht darauf, daß wir uns bereits bo weit vorgewagt hatten, daß wir die Einzigen waren, die sich auf solcher Höhe befanden, als auf einmal, dos Eis unter unseren Füßen zu Wanken und zu splittern begann, und wir je in das aufspritzende, beißend kalte Wasser unter der dünnen Decko einbrachen. Lottchen schrie auf mit einer Stimme, die sich im Schrei überschlug. Es war ein Schrei, in dem Entsetzen, Vorwurf und Angst zu einem einzigen langanhaltenden Ton verdichtet waren. Erst nach vielen vergeblichen Versuchen glückte es uns, triefend naß wieder auf die schwanke Eisdecke zu gelangen und Lottchen Dinkelsbahler, dio leichenblaß und ganz steif vor Kälte und Angst war, gleichfalls auf das zweifelhafte Trockene zu ziehen, ehe Hilfe zur Stelle war. Man brachte uns sofort in das nächstgelegene; Seekaffee, wo wir in fremde Mäntel gehüllt neben der' Heizung saßen und heißen Tee mit Rum tranken: * Ich trug von diesem traurigen Abenteuer nichts als einen derben Schnupfen davon. Aber Lottchen, die von zärtlicherer Gesundheit war, zog sich eine schwere Lungenentzündung zu, an der sie, zwei Wochen nach unserem Einbruch im Eise, 'Starb. Meine gute Mutter, die alle Regungen meiner Seele kannte, ohne daß ich nur ein Wort hätte zu sagen brauchen, ahnte, wie schwer mich diese Nachricht treffen würde, und verschwieg sie mir daher; denn auch ich lag noch, aller Gefahr zwar enthoben, aber doch noch mit einem zähen Schnupfenfieber zu Bett. Am Nachmittage erschien mein Klassenkamerad Obertholer und brachte mir die . Trauerbotflchoftschajt. 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