Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-03-13 · 11 (13.3.1935) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
11 (13.3.1935)
Date
1935-03-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4109741-2613367-2613378--247-2615067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Es wird gemeldet: ■ In Frankfurt am Main wurde der Börne-Platz in Domiriikancr-Platz, die B ö r n o - S t'r a ß c in Großer Wollgraben umbenannt. . ■ Wie die ITA. erfährt, waren bei der Beisetzung des verstorbenen Bischofs Bares als Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde Kammergerichtsrat i. R. Leo W o 1 f f und Rabbiner Dr. Max Wiener anwesend. Der Vorstand hat dem Domkapitel zu Sankt Hedwig ein Beileidstelegramm gesandt. ■ * ■ Zu den kürzlich durch Rcichsverordmmg bestimmten Aufgaben der neuen Gesundheitsamter hat der Reichs- und Preußische Minister des Innern Erläuterungen herausgegeben, in denen u. a. festgestellt wird, daß ea nicht zulässig sei, für die ärztlichen Aufgaben der Erb- und Rassen pflege und auf dem Gebiet der Eheberatung besondere Erbgesundheits- oder Rassenämter zu bilden, da diese Aufgaben den ab 1. April wirksam werdenden Gesundheitsämtern obliegen. ...K... i't,j,... . . \ - 1^ .. ' H Auf Ersuchen der Nationalsozialistischen Kulturgcmcindc, Abteilung Bildende Kunst, wurden von der Geheimen Staatspolizei in der Auktion der Firma Max Perl 63 Arbeiten b e s c h 1 a g - nahmt, bei denen, es sich -nach Mitteilung der „Nationair sozialistischen Korrespondenz" um „typisch kunstbolschewistische Darstellungen pornographischen Charakters" handelt. * ■ Nach amtlichen Mitteilungen aus Jerusalem sind im Monat Februar 4886 Personen nach Palästina eingewandert, darunter 4336 Juden, von denen 259 zur Kategorie A gehörten, für die ein Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund vorgeschrieben ist » ■ Das Staatsdcparrment von New-Jersey hat ein Gesetz angenommen, durch das antisemitische Propaganda verboten wird, und zwar bei Geldstrafe bis zu 5000 Dollar oder Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren. ■ Aus Wien wird gemeldet: Das Bundeskanzleramt hat den Verein „Reichsorgani Bation der jüdischen Kaufmannschaft, Handel und Industrie" aufgolast. Als Grund wird angegeben, daß dieser Verein seinen Satzungen nicht mehr entsprochen habe. » ■ Am 1. April begeht die hebräische Universität in Jerusalem dos Jubiläum ihres zehnjährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß werden in , einer Reihe von Ländern Feiern vorbereitet. » ■ Die Jüdische Gemeinde in Stockholm, hat,eine großzügige' Sammelaktion eingeleitety'yer^h •Ernugn^B*'z'um', Teilr-dän Hilfswerk für deutsche Juden', zuni Teil' Hilfszweckeu Nin Polen und Palästinazwecken zugeführt werden sollen. ♦ ■ Der italienisch-jüdische Komponist Castelnuovo- T e de s c o ist beauftragt worden, die Musik zu dem Festspiel „Savonarola" zu schreiben, das anläßlich des großen Kunst - und Musikfostes in Florenz zur Aufführung gelangt. Wie weiter gemeldet wird, wird in diesem Jahre in Venedig eine Festaufführung des „Kaufmannes von Venedig" unter der Regie Max Reinhardts stattfinden. * ■ Wie die JTA aus Saloniki erfährt, ist die jüdische Bevölkerung durch die Revolte in Griechenland in keiner Weise betroffen. * ■ Wie aus Warschau gemeldet wird, wurde bei einem Einbruch in die Synagoge von Czeladz bei Sosnowitz eine Torarolle zerschnitten. In den neben der Synagoge gelegenen Räumen wurden Akten und Dokumente vernichtet. Die Täter sind unerkannt entkommen. « ■ Durch den Tod des Gynäkologen Professor Michele B o - 1 a f f i o, einem Sohn des Oberrabbiners von Turin, hat die Wissenschaft Italiens einen schweren Verlust erlitten. Der italienische Unterrichtsminister hat an die Universität Moderia, an der Bolaffio lehrte, ein Beileidstelegramm gerichtet. ♦ ■ Bundespräsident Mikjas hat dem.Oberrabbiner der Wiener Israelitischen kultusgemeinde, Dr. David Feuchtwaag, taxfrei das O f f i z i o r s k r c u z des österreichischen Verdienstordens verliehen. * ■ Unter der Bezeichnung „Jiddisches Theater des Äthers" veranstalten neun Stationen des amerikanischen Rundfunks am 10. Mai zum ersten Mal. in der Geschichte des Rundfunks eine Sendung jiddisch-dramatischer Kunst. Das Programm enthält unter anderem Szenen von Schalom Asch, Dymow und Schalom Alcjchem. Tagung des „Großen Rats" 2736 nidUtnrifdie Rediisanwälte Nach einer neuen amtlichen Zählung betrug am 1. Januar 1935 die Zahl der Rechtsanwälte im Deutschen Reich 18780. Davon waren 2736 Nichtarier. Von den zur Anwaltskammer Berlin gehörenden' 2931 Rechtsanwälten waren 1092 nichtarisch. Im Breslauor Bezirk wurden unter "1017 Rechtsanwälten 234 Nichtorier gezählt; im Bezirk der Dresdener Anwaltskammer ..von 1773 Anwälten 68 Nichtorier. Im Oberlojideagericktsbezirk Ha nimm waren von 1275 Rechtsanwälten 84 nichtarisch, im München er Oberlandesgerichtsbezirk von 1010 137 nichtarisch. Nach einer Pause von, dreiviertel Jahren trat am vergangenen Sonntag ' unter 'dem Vorsitz seines Präsidenten, des Kammergerichtsrats i. R. Leo W o 1 f f der „Große Rat" des Preußischen Landesverbandes der jüdiBclicn Gemeinden zusammen. Leo Wolfis Begrüßungsworte galten vor allem den Vertretern der dem Landesverband neu angeschlossenen Verbände, Rabbiner Dr. do Haas-Oldenburg1 und Herrn Vollmann- Mciningcn, sowie den Herren Pr. Isserlin und Rabbiner Dr. Rothschild-Saarbrücken, die nach der Rückgliederung der Saar als Vertreter der saarländischen Gemeinden erschienen waren. Den Begrüßungsworten des Kammergerichtsrats Wolff schloß sich Rechtsanwalt Heinrich Stern an, der als Präsident des Vorbandstagei an der Ratssitzung teilnahm. In den Antworten der olaenburgischen, thüringischen und saarländischen Delegierten kam übereinstimmend zum Ausdruck, wie sehr es allgemein anerkannt wird, daß der Landesverband über die Grenzen Preußens hinaus den Gemeinden Hilfe leistet, wo immer es nötig ist. Der Rat ermächtigte sodann das Dezernentenkollegium, die Anschlußverhand- S, 1"* , 'f Kundgebung in der Synagoge Fafanenftraße Am Abend fand anläßlich der Tagung in der Synagoge Fasancnstraßeeine stark besuchte Kundgebung statt, die durch die Mitwirkung des Orchesters der Künstlerhufe unter Leitung Bcrthold G o 1 d schm id t s , Ludwig Altmann« an der Orgel, der Altistin Paula Lindberg und des Cellisten Gcdfried Zee- 1 o n d e r künstlerisches Gepräge erhielt. Nach dem Vortrag von Haendels F-Dur-Konzert für Orgel und Orchester begrüßte der Präsident des preußischen Lahdesverbandes, Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff die Zuhörer Und hob dio Bedeutung des Landesverbandes, seine aufbauende und segensreiche Arbeit 'für die Gesamtheit des deutschen Judentums hervor. Es gelte vor allem, das jüdische Leben in den kleinen und schwachen Gemeinden zu erhalten, und zwardurch einen Ausr -.. ' .& . <sf j... ^-K, ■■ A. ' >^^^^J %%h s lungen mit anderen jüdischen Landesverbänden weiterzuführen. In seinem Bericht über die Schaffung neuer Bezirksrabbinate, Lehrerbildung und Lehrerfortbildung betonte Rabbiner Dr. G a I - I i n e r die Notwendigkeit, alles für die Erhaltung des kulturellen Lebens der Gemeinden zu .tun. Zu diesem Zweck müßten immer mehr Stadtrabbinate zu Bezirksrabbinaten ausgebaut und neue Bezirksrabbinate geschaffen werden. Es müßte ferner durch Weiterführung der Lehrerfortbildüngsanstalt für einen geeigneten Lehrernachwuchs und durch Lehrerfortbildungskurse für die ständige Weiterbildung des bereits vorhandenen Lchrcrpersonnls Sorge getragen werden, damit der jüdische Lehrer gerade in dieser Zeit der Wandlungen den BtlndiV'auftretenden kulturellen und erzieherischen Aufgaben gewachsen,.n^e^e. ... ' '. . . .. .... ...'.,,':.„„. Rechtsanwalt'Dr. Klee betonte in seinem Bericht Ober die Betreuung der Kleingcmeinden, daß es für die Zukunft nötigsein werde, die Gemeinden zu veranlassen, daß sie sich zu Gemeindebezirken mit einheitlichem Steuersatz zusammenschließen. Hierdurch könne nicht nur die Verwaltung der Gemeinden vereinfacht und verbilligt werden, es werde so auch die Ungerechtigkeit beseitigt, die darin liege, daß vielfach in den Gemeinden eines Bezirks bei sonst gleichen Voraussetzungen die verschiedensten Steuersätze erhoben werden. In der Debatte wurde vor allem die Frage behandelt, ob bei der beständigen Bevölkerungsabnahme der deutschen Juden eine weitere Ausbildung von Lehrern verantwortet werden könne, da vorliegende Statistiken bereits jetzt einen Uberschuß an jüdischen' Lehrkräften erkennen lassen. Von der übergroßen Mehrheit der Versammlung wurde aber der Standpunkt vertreten, daß die heutige jüdische Jugend 'zum großen Teil noch der wirklichen Führer entrato und daß bei der jüdischen Lehrertätigkeit gerade Menschen aus der heutigen Jugendgeneration nicht fehlen dürften. Im Mittelpunkt der Ratstagung. Btand die Durchberatung und Verabschiedung des vom Dezernentenkollegium vorgelegten HauihaltBplones für das Geschäftsjahr 1935/36. Der Etat sieht für die Betreuung der Gemeinden und ihrer Beamten einen Betrag von 365 000 RM. vor; für Kulturarbeit sind insgesamt 123 000 RM. ausgeworfen. Der Finanzdezernent, Dipl.-Ing. Bruno W o y d a, betonte einleitend, daß es dem Landesverband im vergangenen Jahre durch Anspannung aller Kräfte gelungen sei, trotz Fortfall der in früheren Jahren erhaltenen Staatsbeihilfen seine Aufgaben durchzuführen. Es könne aber nicht verkannt werden, daß in Zukunft eine Einschränkung eintreten müsse, Und da diese sich auf lebenswichtige wirtschoftliche oder geistige Gebiete nicht erstrecken dürfe, so sei vor allen Dingen eine zweckmäßige UmOrganisation der großen jüdischen Körperschaften und zum Teil auch der Gemeinden notwendig. Es stehe fest, daß die deutsche Judcnheit zahlenmäßig auf den Stand von 1890 zurückgegangen sei. Es müsse deshalb neben die. Einschränkung aller Verwaltungen auch eine wirtschaftliche Planung des gesamten Gemeindelebens treten, als deren Vorarbeiten die überall vorzunehmenden Revisionen anzusehen seien. Ebenso sei eine Inventarisierung des gesamten Vermögen» oller Gemeinden notwendig, damit hei eintretenden Veränderungen, vor allem beim Erlöschen einzelner Gemeinden, der jüdischen Gesamtheit kein einziger Vermögenswert verloren gehe. Auf dem Gebiete solcher vorbeugen den Arbeiten nannte der Redner Insbesondere die Schaffung der Ponsionsversioherung für die Beamten und Angestellten der1 jüdischen Gemeinden und Organisationen. ,•'.'■ . Der Haushaltsplan wurde von der Ratsversammlung en bloc angenommen. Demgemäß wurden die Beiträge der Gemeinden für dos Geschäftsjahr 1935/36 wie folgt. festgesetzt: für den Landesverband . 1,25 i/o der Reichseinkommensteuer bzw. 3 0/o der Reichsverraögenssteuer, ferner für Reichszwecke 2 RM. pro Kopf der jüdischen Bevölkerung. Das Dezernentenkollegium wurde . einstimmig ermächtigt, wie im Vorjahre, auch für das Geschäftsjahr 1935/36 von einer Vorlage des Haushaltsplanes an den .Verbandstag abzusehen und den Verbandstag nur dann einzuberufen, wenn, besondere Verhältnisse dies notwendig erscheinen lassen. Sitzung des „Großen Rates" des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Blick in den Sitzungssaal Aufn.: Hans Pinn, ■Berlin. gleich der Lasten zwischen den großen und kleinen Gemeinden. Kammergerichtsrat Wolff begrüßte sodann den Anschluß der Landesverbände der Gemeinden Oldenburgs und Thüringens sowie der des Saarlandes. Die Arbeit des Preußischen Landesverbandes werde in einmütigem Zusommenwirken oller jüdischen Richtungen geleistet, wobei alles Trennende zurücktrete. Als erster Sprecher nahm Rabbiner Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, dos Wort. Kundgebung, sagte er, heißt Bekenntnis. Aber was Bollen wir heute bekennen? Nicht von der äußeren Not, nicht von dem schweren seelischen Druck, der auf uns liegt, wollen wir sprechen. Der Prophet Ezechiel hat den bedrohten Gemeinden Jerusalems zugerufen: „Wird dein Herz fest bleiben und werden deine Hände stark sein in den Tagen, die ich dir schicke?" Wir wollen Bekenntnis' ablegen zum jüdischen Geist,-der in uns entschlafen war, und der wieder erwacht ist , Jeder weiß, wieviel wir in der vergangenen Zeit verloren hoben, auch Illusionen; aber wir haben dafür die Wahrheit eingetauscht, daß dos Judentum unser Schicksal ist. Der Generation der Erwachsenen fällt es nicht so leicht, sich zu dieser Wahrheit durchzuringen. Aber der Historiker wird uns einmal dos Zeugnis ausstellen, daß wir unserer Vorfahren nicht ganz unwert gewesen sind. Leichter und schöner wurde diese Rückkehr ins Judentum unserer Jugend. Eine solche Besinnung auf uns selbst bedeutet das Bewußtsem, daß wir zusammengehören, daß der Einzelne nichts ist. Die Gemeinde hat in dieser Zeit neuen Glanz und neue Würde bekommen. Sie hat ihren Kreis über Gottesdienst und Schule, die ihre wichtigsten Gebiete geblieben sind, ausgedehnt auf dio Sorge für Schulen, Darlehnskasseri, Berufsberatung, Fortbildung, ohne dadurch zu einer Verwaltungsbehörde geworden zu sein. Sie ist geworden die Kehillo kedauscho, die sie sein muß, und auch ihre religiöse Kraft ist gestärkt worden. Was für dio Juden der Großstadt die Gemeinde ist, das ist für dio kleinen Gemeinden und diejenigen Juden an Orten, wo überhaupt keine Gemeinde ist, an denen Juden abgeschlossen vom Leben der jüdischen Gemeinschaft sind, der Preußische Landesverband. Der künftige Historiker wird aus dem Etat des Landesverbandes einmal erkennen können, was alles zum Schutz und zur Erhaltung der kleinen und kleinsten Gemeinden geleistet worden ist. Dr. EschelbucJier verwies zum Schluß seiner Ausführungen auf die stolze Geschichte der Juden in Deutschland. Dieses Erbe in die Zukunft zn retten —, das sei eino Aufgabe voller Ehre und Würde. _ „Wir werden den Weg, der vor uns liegt, nur gehen, wenn wir zusammenstehen und im Namen GotteB uns anschließen an unsere Gemeinschaft." Als Vertreter der saarländischen Gemeinden überbrachte sodann der jugendliche Rabbiner Dr. Rothschild, Saarbrücken, Gruß und Dank der zu Deutschland zurückgekehrten Juden. Wir haben uns, Bagte er, " , geistig nie vom deutschen Judentum getrennt gefühlt. Die Saargemeinden härten gern die Hand ergriffen, die die übrigen deutschen Juden durch die Reichsvertretung und durch den preußischen Landesverband ihnen entgegengestreckt habe. Die Soargemeinden wollten' gerne mithelfen, der jüdischen Ehre und dem jüdischen Namen in würdiger und verantwortungsbewußter Weise zu dienen. „Gemeinsam sei uns alles: Arbeit und Sorge, Freude und"ErfülIung, alles was die deutschen Juden angehe." Der letzte in der Reihe der Redner war der Vizepräsident des Landesverbandes, Dr. Klee, der, ausgehend von denl Gedanken, daß das Wundervollste des Judentums die Gemeinde sei, als Heim und Haus, eindringlich zur Erhaltung der jüdischen Gemeinden mit allen ihren Aufgaben aufrief. Man habe von einem neuen Ghetto gesprochen, ein Ghetto über gäbe es nur, wenn eine Ghettogesinnung vorhanden sei. Man könne Mauern um uns errichten, aber die jüdische Seele könne man uns nicht nehmen. Sinn der jüdischen _ Gemeinden und des Preußischen Landesverbandes sei es, die Men- , sehen zum jüdischen Gut heranzuführen. Nur, wenn die Arbeiten der Gemeinden und des Landesverbandes in diesem Sinne verstanden werden, werden sio den Ewigkeitscharakter tragen. Der erhebenden Gesang Paula Lindbergs beendete den Aufruf an den jüdischen Menschen des Heute.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.