Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 10 (6.3.1935)
- Date
- 1935-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Einem Künftler gegenüber Audi ein jüdifches Erlebnis A Von HANS SAMTER Ersei dessen gewiß, daß Musik und Gesang die Völker einander zulherführten, bat der deutsche Gesandte in Wien, Vizekanzler a. D. von Papen, letzthin bei einer Schubertfeier erklart. Und waa-Sür Nationen gilt, ist nicht weniger für den 'engen Kreis unserer jüdischen Gemeinschaft richtig: wir begrüßen dos sjarke Kunstschaffen, dos auch heute noch bei uns lebendig ist, wohl bereits um seiner selbst willen, weil es ohne Zweifel ist, daß die Erhaltung eines hohen kulturellen Niveaus auch durch die Schwere dieser Zeit eine wichtige Aufgabe ist, — aber wir sind darüber glücklich, weil dadurch eine jüdische Gemeinsamkeit geschaffen wird, die der Gemeinsamkeit' des Schicksals produktiv ergänzend tur Seite tritt : ' Viele deutsche Juden haben in den letzten Wochen das Glück gehabt,' in vom Kulturbund und von anderen Organisationen veranstalteten Konzerten den jüdischen Sänger Alexander Kipnis zu hören, der heute noch Mitglied der Berliner Staatsoper ist (und vorläufig jedenfalls noch bleiben wird, nachdem vor einiger Zeit die zuständige Behörde von der ihr für drei Jahre zustehenden Option auf seine Zugehörigkeit Gebrauch gemacht hat.) Der Dank, den viele von ihnen ausdrücken wollen, laßt sich ebensowenig in Worte fassen wie man das Wunder dieser einmaligen Stimme beschreiben kann. Gewiß, sie beherrscht mühelos alle Stilarten, ist von den glänzendsten Anlagen und von gepflegtester Kultur. i- ■'! Aber damit 'ist ja noch' gar nichts gesagt; denn erst müßte man vom Menschlichen sprechen, vom MenBchen Alexander, Kipnis selbst. Das Besondere dieser Person bringt es mit sich, daß sein Auftreten ja nicht als die - Darbietung einer virtuosenhaüten Leistung erscheint, sondern als eine Gabe aus tiefer, menschlicher, Verbundenheit. Und hier wird , es auch verstandlich, warum ein Konzert, in dem kein Lied eines jüdischen Musikers vorkommt, das nicht ein einziges der auf der Hand liegenden Bravourstücke mit auch äußerlich jüdischem Inhalt bringt, doch als eine ganz spezifisch jüdische Leistung erscheint. Nur aus der" tiefen Scficksalsverbundenheit .mit den deutschen Juden heraus, die Alexander Kipnis beseelt, können diese Konzerte das werden, was sie sind: Ober den Tag und über die Zeit hinausreichende Erlebnisse deutscher jüdischer Menschen. . Und man muß daran erinnern, daß Kipnis es keineswegs wie soviel« andere „nötig hat", sich an das jüdische Publikum zu geben, weder materiell noch innerlich, da er ja Position und WirTcungsmöglichkcit im weitesten Rahmen in Deutschland und überall in der Welt hat. Eine Stunde, nachdem der Beifall verklungen ist, der Jubel und Dank war, sitzt man dem Künstler im kleinen Kreis 'gegen- - über. Die Maske ist verschwunden, die auch der offenste Künstler auf der Bühne, im Konzertsaal tragen muß, und man sieht — einen Menschen. Es fallt schwer, mit ihm zu sprechen, nicht weil er ermüdet wäre, und nicht, weil es am Stoff der -Unterhaltung mangelte, sondern weil man fürchten muß, mit einem Wort die Gelöstheit dieses Gesichts zu zerstören, das einem alles sagt, was verborgen blieb, als er sang. Alles ist darin enthalten, was dos Wort „Mensch" an Großem und Gutem einschließt, und vor allem, was man-als im. besten Sinne jüdisch bezeichnet. Die Augen, die einen dürenforschen und eine eigene und unmißverständliche Sprache reden, lösen das Geheimnis dieses Sängers. In ihnen ist nicht nur der Entwicklungsweg, eines Begnadeten, sie sind Träger jahrtausendelangen Schicksals; Glück und-Leid, Aufstieg und Zusammenbruch haben darin eine Heim- Btätte. Und im ewigen Wechsel erscheint dos eine und das andere und eröffnet immer neuen Einblick in das Wesen eines Menschen. Eines Menschen? Eines Juden? Ach, dieser Augenblick, da man vor dem Einen sitzt, der nun von seinem Weg und seinem •Wirken-erzählt, - zwingt-einen, an olle zu denken, an alL^die Generationen jüdischer Menschen, aus denen heraus auch dieser erwachsen ist, der der Tradition des Ostens entstammt. Und man kann nichts weiter tun, ab dem Schicksal dafür zu danken, 'daß es diesen Künstler und Menschen unter uns gestellt hat, damit -wir an ihm lernen, wie Haltung sich kraftvoll bewährt. Liebermann-Blätter begehrt Das, Hauptinteresse der von uns angekündigten Bilderauktion bei Max Perl Unter den Linden konzentrierte sich auf die über 150 Liebermannblätter: Radierungen, Lithographien und Holzschnitte, die bis auf zwanzig zu annehmbaren Preisen unter großer Beteiligung vornehmlich privater Sammlerkreise unter den Hammer kamen. Taxiert hatte man die schönen Bestände der Breslauer Sammlung Littmann sehr niedrig. Um so größer dann die Überraschung, wenn diese Taxen nicht nur erreicht, sondern oftmals noch überschritten wurden. Am Kauf beteiligte sich u. a. das Basier Museum, das .die Porträt-Radierung von Professor Dr. Cohen erwarb, die Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, die ein Selbstporträt und eine sehr! feine Dünenlandschaft des alten Meisters sich sichern konnte, dann aber einige Darstellungen aus dem Amsterdamer Ghetto wie das „Fischweib", den „Fischmarkt" und die „Judenstraße in Amsterdam". Für-die Arbeiten zahlte man 55 Mark. Die Berliner Kunstsammlung1 erwarb auch nach hartem Kampf mit einem Privalsommler Liebermanns eindrucksvolles Blatt ,Israels am Strande von Scheveningen". Es fiel im Verlauf der Auktion auf, daß sich zahlreiche deutsche Sammler am Erwerb der „Liebermanns" beteiligten, Kunstfreunde und Gelehrte vornehmlich, dann Antiquariate und eine Schicht von neuen Sammlern. Insgesamt brachten die 150 Blatter in der Versteigerung bei Max Perl 1760 Mark. Von Jozef Israels, dem Lehrer Liebermanns, brachten die „Krabbenfischer", eine Radierung auf Kupferdrück, 30 Mark, eine Stranddarstellung 29 Mark und ein Porträt der Gattin des Künstlers 25 Mark. Ernst Opplers Bildnis von Nürisch und einige seiner duftigen Genreszenen gingen für 25 Mark in Dresdener Privatbesitz; Von den Pechsteinverkäufen nennen wir besonders das Stilleben mit Kalla, kolorierte Lithographie, die für 15 Mark in den'Kunsthandel ging. In eine New-Yorker Sammlung gingen dreißig Radierungen von Ludwig Me»dner, eindrucksvolle Köpfe, die des Künstlers Signum tragen. Es wurde viel gekauft,'vornehmlich Graphik, und wieder einmal mußten wertvolle Bestände jüdischer Sammler in alle Wände zerstreut werden. Dr. O. B. ist jedoch so groß, daß; sie auch heute noch auf den jiddischen Bühnen New Yorks gespielt .werden' Da, Lateiners Erfindungsgabe '■; ■icht ausreichte, um die Theaternedürfnisse zu befriedigen,'griff er vielfach zu'bekannten Werken der deutschen, französischen, eng- ' lischen- und .russischen, Literatur, . um .ihnen ein. jüdisches Kolorit ' zu geben. ' Welcher Beliebtheit' sich 'Joseph'' Lateiner erfreute, geht daraus hervor, daß er lange Zeit als „König" der jiddischen Buhne in Amerika galt. Fünfzig Autoren —. und kein Stück , . -. "' ♦ Do* traurige Ergebnit eines Preliatufchreibens Aus Preisausschreiben sind in den seltensten Fällen gute Bühnenwerke hervorgegangen. Von dieser Erfahrungstatsache bat Bich der Kulturbund Rhein-Ruhr nicht abhalten lassen, sich im Juni vorigen Jahres mit einem Aufruf an die jüdischen Schriftsteller, vor allem der jungen Generation, zu wenden, und sie aufzufordern, Dramen aus allen Lebensgebieten, besonders ober mit jüdischem Inhalt, einzureichen. Jetzt gibt dos Preisgericht seine Entscheidung bekannt. . Der Verlockung, vom Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr unter .Garantie aufgeführt zu werden, sofern das Stück mit dem 1. Preis bedacht wird, und der weiteren Zusicherung einer Normaltantieme von 250 RM,, sind immerhin fünfzig Autoren gefolgt. Das Ergebnis ist leider recht kläglich ausgefallen. Der Kulturbund hoffte, daß das Preisausschreiben' ihm reife dramatische Arbeiten zuführen werde, die einer breiteren Publikumsschicht von der Bühne, aus jüdische Werte und jüdisches Bewußtsein vermitteln würden. Obwohl sich das aus verantwortungsbewußten Menschen Der Dramatiker Lateiner geftorben New York. Im Alter von 82 Jahren ist hier der dramatische Schriftsteller Joseph Lateiner gestorben, der für die jiddische Bühne: zahllose Stücke geschrieben' hat.: Neben Abraham Goldfaden, dem Gründer des modernen jiddischen Theaters, waren Lateiner und Horowilz lange Zeit die einzigen Autoren, die die. jiddische Bühne mit Stücken versorgten. Joseph Lateiner war 1853 in Jassy in Rumänien geboren. Für die von. Goldfaden, gegründete Theatergruppe schrieb er sein erstes Stück „Die beiden Schmelkes". Später führte er in Odessa mit einer Truppe zum erstenmal den „Dybuk" auf. Als im Jahre 1883 das jiddische Theater durch die russische Regierung verboten wurde, ging Lateiner, nach Amerika, wo er' eine reiche produktive' Tätigkeit entfaltete. Literarisch haben diese Stücke, die alle nach dem gleichen Schema gearbeitet'sind, und in .denen Gesang, -Tanz' und' plumpe szenische Effekte überwiegen, allerdings nieftt den geringsten Wert. Ihre Wirkungskraft auf das Publikum zusammengesetzte Preisrichterkollegium zur Prüfung der Arbeiten reichlich Zeit genommen hat,, konntoes unter den fast ausschließ- " lieh epigonalen. Arbeiten jeder Stilrichtung kein' bühnenreifes Werk finden, das 'den besonderen Anforderungen der Kulturbundbühne genügt hätte. Dor 1. Preis konnte deshalb nicht ..vergeben werden. Der zweite Preis wurde einstimmig dem Schauspiel „Channa" der Frankfurter Schriftstellerin Martha Wortheimer zuerkannt, das zwar nach dem Urteil deaf Preisgerichts vor allem wegen' dramaturgiechflr fdSngtlfiach nicht bühnenreif ist, aber die Auszeichnung als beste' aller Einsendungen und als dichterische Arbeit verdiente. Von den übrigen eingereichten Stücken werden anerkennend erwähnt: das Lehrstück „Benjamin oder die Uberwindung" von Heinrich Infeld, Tel Awiw, das den Lebensweg eines Ghaluz schildert, das Mysterium v,Das Messiasspiel" von Fritz Roscnthal, München, „Pax ererna", Schauspiel von Maurice Rübher, Hamburg, ein Lustspiel „Man türmt" von Oswald Pander, Hamburg, ein Schwank von Herbert Schönlank, Amsterdam, „Kalcnner fährt Auto", sowie zwei Kinderstücke. „Cfoanukkafests^icl" von Martin Mansbacher, Lübeck, und „Esther" von Syh/ia Cohn- Oberbrunner, Offenburg i. Baden. Interessant ist die Stoffwahl und die Verteilung der Gattungen bei den fünfzig eingereichten. Arbeiten. Es behandeln 14 davon biblische, drei jüdisch-historische und drei legendäre Stoffe. Acht Arbeiten spielen in jüdischom Milieu, zwei beschäftigen Bich mit bedeutenden. Persönlichkeiten der jüdischen Geistesgeschichte,' und nur sechs Einsendungen nehmen zu den Problemen des jüdischen Lebens Stellung. Aligemeine Inhalte haben 14 Stücke, darunter zwei historische Dramen und ein 'Kriminalstück. Die Ordnung nach Stückgattungen ergibt: 35 Schauspiele, ein Mysterienspiel, ein Lehrstück, drei Komödien, drei Lustspiele, zwei Schwanke, zwei Kinderstückc, zwei Einakter und ein Sketsch. AD ACTA I „Könntest du nicht einmal fehlen bei diesem schrecklichen Wetter, Oscar?" . Ries wirft einen hilflosen Blick auf seine Frau. Er kommt sich wie ein ertappter Schuljunge vor. Sein Lächeln tut Matty. weh— es ist das verlegene Lächeln eines Menschen, der sich schämt. Sic_ läßt ihm gar nicht Zeit, zu antworten: „Es geht nicht, ich weiß — — Bringe mir bitte die Mittagszeitung mit, die Annoncen interessieren mich —" Hastig schließt sie die Türe hinter ihm — es bleibt ihm orspart, eine Notlüge zu äußern. Die abgegriffene Aktentasche unter dem Arm, steigt er langsam die Treppen hinunter. Merkwürdig, wie ermüdend doch die vielen Stufen sind! Sonst, wenn er morgens um 7 Uhr 45 in das Laboratorium jagte," hat er das gar nicht empfunden. Seit zwei Wochen ruft ihn keine Pflicht mehr aus dem Hause. Und dennoch geht er fort, wie gewöhnlich — — — Oßcar Ries gehört zu denen, die von der Umwälzung betroffen wurden. Er' teilt das- Los derjenigen, die abgebaut wurden, um anderen Platz zu machen. Er-ist ein Mann Ende der Fünfzig; beinahe unmöglich, einen neuen Posten zu finden. Man wird sich mit Zimmervermieten helfen, mit kleinen Nebenarbeiten — —" „Rentier bin ich — ich bin ein Spaziergänger — —", denkt er und fröstelt. Der Wind treibt ihm die Regentropfen ins Gesicht, er hat seinen Schirm, vergessen. Die Straßen sind fast -menschenleer — wer. es nicht' nötig hat,. verläßt sein Haus bei solchem Wetter nicht*. Ries könnte 1ruhig daheim" bleiben — niemand ^erwartet ihn. Aber es1 ist, als ob ein geheimer Motor ihn antriebe, als ob die alte Aktenmappe Bich wie durch magnetische Kräfte in seine Hand schöbe — er muß fort, er muß traben wie ein Karrengaul, der sein tägliches Pensum gewöhnt war. Vor alfem aber: die fromme Lüge hat ihren Sinn--. Wie soll er Matty den Abbau mitteilen? Noch immer hat er nicht den Mut dazu gefunden, noch' immer hält er die Fiktion aufrecht und geht frühzeitig fort. ■ Aber heute — diese Frage? Ahnt sie etwas? Ob ein Kollege ihn verraten hat? Ries bleibt stehen; es strengt ihn an, nachzudenken. Fester drückt er die Mappe an sich — es liegen keine wichtigen Papiere mehr darin. Aber diese alte lederne Hülle ist wie ein Btummer, zuverlässiger Arbeitskamerad, sie ist die Begleiterin so vieler Tage, die von Ehrgeiz und Aktivität erfüllt waren — —. Ries betritt die städtische Lesehalle— sie wird eben erst geöffnet. Er ist froh, in einen warmen, trockenen Raum zu kommen. Vergeblich versucht er zu lesen; immer wieder taucht das gute, besorgte Gesicht seiner Frau vor ihm auf. Es wird sie noch tiefer treffen als ihn. Sie wird zu dem'eigenen noch seinen Kummer mittragen. Unwillkürlich greift Ries zu der Aktentasche. Er öffnet sie langsam. Dann entnimmt er ihr die sorglich eingepackten Brote und die Thermosflasche. Aber gleich darauf schiebt er beides wieder zurück. „Kein Hunger —?" fragt ihn eine leise Stimme. Ries wendet sich uro — er ist, schreckhaft geworden. Ein uraltes Gesicht starrt ihm entgegen. Der Mann duzt ihn: „Für dich sorgt jemand!" Bagt er, und die merkwürdig klaren Augen dea Greises funkeln spöttisch. Ries ist zu überrascht, um gleich eine Entgegnung zu finden. Diese Erscheinung — äußerlich mit allen traurigen Merkmalen eines Bettlers versehen — hat etwas Gespenstisches an' sich; Der unbedeckte, völlig kahle Schädel, zeigt in seiner schmalen Form eine geistige Kultur, die seltsam mit der fast-zerlumpten Kleidung kontrastiert. vi Wie du siehst, mein Sohn, bin ich ärmer,-als'es gottgefällig ist —." ■ Ries schweigt noch immer; er guckt sich um, ob diese Gestalt am Ende eine Traumfigur, sei —'—. Aber, im Hintergrund sitzen zwei sehr reale junge Leute, die sich Stellenangebote aus den Inseraten herausschreiben. Der Alte spricht weiter--. „Ich nächtige meist im Obdachlosen-Asyl. Tagsüber versuche ich es mit geistiger Nahrung. Nun, Bücher borgt mir niemand. Aber hier liegen so viele Zeitungen herum,' das ist gut. Manchmal weist, man mich hinaus, das ist ärgerlich. Aber,man gewöhnt sich. Der.Mensch muß nur lernen, Geduld zu haben,, nicht wahr? Viele Tragödien wären niemals — wie Bagt, man? — zustande , gekommen, wenn irgendein Mensch mehr Geduld aufgebracht hätte —.—• ■ „Ich bewundere Ihre Philosophie —", murmelt Ries. Trotz der offensichtlichen Armut seines Gegenübers 'wagt er nicht, ihm 9ein- Frühstück anzubieten. Der Fremde lächelt, es ist, als ob er Gedanken lesen könnte. . „Ich wäre dir dankbar für ein Butterbrot —", sagt er sachlich. Ries schiebt ihm eifrig die Päckchen hin .— noch kurzem Zögern auch die Thermosflasche.^ . " ,' „Was beschämt dich?", fragt der Alte und beißt in das Brot. Ries schüttelt'den Kopf; es ist-ihm unheimlich, daß dieser elende Mensch Um zu durchschauen scheint. ' Von ALICE STOINrLANDESMANN „Wahrscheinlich hast du immer Ordnung gehalten dein Leben lang, während ich ein Lump gewesen bin. Deshalb sitzt du hier und kannst mich beschenken. Das ist Gottes Gerechtigkeit, mein Lieber. Warum bist du trotzdem nicht' zufrieden?" Ries fühlt eine unsagbare Lockung, sich auszusprechen. Alles, was er Matty nicht sagen wollte, läßt er jetzt aus Bich herausströmen — den ganzen Jammer seiner Entwurzelung, diese Tragik des „Niclit-mehr-gebraucht-werdens". , Der Alte hört aufmerksam zuv er hat das Brot beiseite gelegt und hält die Flasche mit seinen gichtgekrümmten, blutlosen Fingern umschlossen. < Dabei hat Ries das seltsam wohltuende Bewußtsein, als spräche er zu sich selber — zu der eigenen" Verschwiegenheit — — —. „Du bist Jude?" fragt der Alte plötzlich, als Ries verstummt. Diese greisenhafte Stimme hat etwas Behutsames. Ries nickt: „Und Sie?" fragt er zurück. Das faltige Gesicht verzieht sich; zu einem sonderbaren Lächeln: „Ich bin Russe — gläubiger Katholik,-siehst* du. Aber ich will dir ein Geheimnis anvertrauen.. Wenn man 87 Jahre -alt ist, dann kommt es nur noch darauf an, Mensch zu sein. Ein Ohr zu. haben für die tausend Leiden der andern. Man lernt erBt im Alter richtig hören — dü wirst das später begreifen, Bruder! Man begreift erst, wennman* selber erlebt. Wem nützen schon fremde Erfahrungen?" - Er husteti mühsam.'- '■' " ' " ' - „Trinken Sie —" sagt Ries und öffnet ihm die Flasche. „Heißer Tee —". Der alte Mann gehorcht, dann murmelt er ein paar russische Worte vor sich hin. Ries sieht ihn fragend an. „Ich habe dir gedankt — glaube mir, man dankt am besten auf russisch — —•" . Ries stützt den Kopf in beide Hände. Er stöhnt leise. Und dann sagt er, ganz ohne Ubergang: „Meine Frau wird verzweifelt sein — —." ' Der Alte zuckt die Achseln: „Gott segne alle, die für andere leiden, mein Sohnl Verstehst du nicht, wie wunderbar das ist? Den Gram des liebsten Menschen auf sich laden, freiwillig--! Es wäre eine Todsünde von dir, wenn du klagen würdest!" Ries steht auf, er greift gewohnheitsmäßig nach der Mappe. Plötzlich reicht.er sie dem Fremden hin: „Wollen Sie? Ich kann sie entbehren." „O, Bruder — du bist tapfer." Die spöttischen Augen zwinkern. Aber es ist eine Wärme in dem Blick, die Ries erschüttert. „Und jetzt danke ich Ihnen---auf deutschl" sagt Ries und streckt dem Alten die Hand hin; . . ■ Die Hand wird festgehalten und gedrückt.' Ohne sich umzublicken, geht Ries hinaus. Er sieht auf die Uhr. — noch' viel .'zu früh heimzukehren; sein Büro schließt erst um 5. Uhr nachmittags. Vor ihm liegt der lange graue Tag. —--*- Trotzdem steht Ries eine Stunde später an seinem Hause. Es ist,.als ob die Begegnung mit dem armseligen Menschen ihm neue Spannkraft übermittelt hätte. Ries ist von einer unklaren Hoffnung' durchströmt, er ist schließlich dreißig Jahre ..jünger als dieser Russe —---. Jetzt fühlt er Bich fähig, mit Matty zu reden. Gerade will er die Haustür öffnen, als ihn ein vertrauter Schritt aufhorchen läßt. Er dreht sich um, es ist seine Frau. Sie trägt zwei Schirme in dor Hand. „Matty —? Er stockt und nimmt ihr wortlos den einen Schirm, ob.. . .. ■ ':' 'V „Ja —", sagt die Frau ein wenig atemlos' und versucht zu lBcheln: „Ich war in die Fabrik gefahren, weil du ihn vergessen hattestl" Sie schiebt ihren Arm in den seinen. „Es ist gut, daß du da bist, Oscar!" „Daß d u, da bist, ist gut 1" verbesserte er. Sie steigen gemeinsam die Treppen hinauf. „Du hast deine Mappe nicht mehr — —?". stammelt Matty und hält'inne. Er überhört die Frage. : Sein Blick antwortet ihr auf etwas Wesentlicheres — — —,' Die Frage wird nicht wiederholt. Die Anekdote Der rechte. Doktor Der Professor der Rechte an der Berliner Universität, B a r o n, studierte noch als altes Semester Medizin und war,'so paradox es klingen mag, ein „eingefleischter" Vegetarianer. Selbst unter seinen Zuhörern, die er in einem Privatissimum in der Bülowstroße um sich scharte,' suchte er beim Tee Propaganda für seine Anschauungen zu machen. Einst nahm er einen Lieblingshörer, dessen Blässe ihm auf gefallen' war, aufs Korn, empfahl ihm eine ' vegetariBcho Lebensweise und schloß seine fulminante Ansprache, mit den Worten: „Wenn Sie alles tun,' was ich Ihnen rate, werden. Sie sehen: ich'bin nicht nur Doktor'der Rechte, sondern auch der rechte Doktor!" '..