Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 10 (6.3.1935)
- Date
- 1935-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I E S E ITE D E S BU C H E S Saldo eines Jahrhunderts Lewkowilzi Dos Jadentom and die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts Der Verfasser, Dozent am Brealauer Rabbiner-Seminar, hat sein zweiteiliges Werk „Dos Judentum und die geistigen Strömungen der Neuzeit, I. Die Renaissance, II. Die Aufklärung" (W. und H. Marcus Verlag, Breslau) nunmehr in höchstbedeutsamer Weise fortgesetzt. Sein Buch mit der Synthese im Titel erscheint in einem Augenblick, in dem dio Sozietät zwischen Judentum und Umwelt einen politischen Abschluß finden soll. Es würde daher naheliegen, dem Autor eine geheime apologetische Absicht zuzumuten.. Nichts von alledem. Dieses Buch ist in höchstem Maße unpolitisch. Es ist Wissenschaft und damit von jener dauernden Aktualität, die es nicht notig hat, sich an Tag und Stunde zu klammern. Trotzdem ist es wichtig, daß es gerade heute erscheint und gerade heute gelesen wird. Wennschon es zur Fortdauer und -gcstaltung der gedanklichen Gcmajnschafts- Orbeit von Deutschtum und Judentum nichts sagen will und nichts sagen kann, so bringt es doch auf 568 Seiten den unabweisbaren Beweis, daß diese Synthese eine historische Tatsache ist. Das Buch ist Darstellung und Kritik zugleich. Hierbei hält der Autor aus systematischen Gründen eine Trichotomie für angemessen, und zwar unterscheidet er in den bewegenden Kräften des 19. Jahrhunderts die folgenden Bich hingen: ethischer Rationalismus, Pantheismus (d. i. die Romantik), Naturalismus (d. i. Positivismus, Materialismus, Irrationalismus). Im einzelnen verfahrt der Verfasser in der Weise, daß er zunächst den deutschen bzw. europäischen Vertreter — also etwa Kant — auszugsweise zu Worte Kommen Iftßl (wobei besondere Sorgfalt auf die Wiedergabe der jeweiligen- Stellung zum Judentum verwendet wird), sodann der unter dessen Einfluß stehende Jude — also etwa Hermann Cohen —, woran sich ein vergleichender kritischer Rückblick anschließt. Auf diese Weise erhält der Leser zumindest einen ausgezeichneten Überblick über die gesamte geistesgeschichtlicho Literatur des 19. Jahrhunderts. Es erhellt aber, daß in dem Vorzug dieser strengen Systematik gleichzeitig die Gefahr einer gewissen Willkürlichkeit begründet liegt. So kann es z. B. nicht ausbleiben, daß trotz aller Ausführlichkeit der Zitate sowohl die zitierte Persönlichkeit in ihrer Gedankenführung wie der Leser bisweilen „zu kurz" kommen. Den Begriff der Cohenschen Korrelation kann man nun einmal ohne die unverkürzte Darstellung seines Werks nicht befriedigend verständlich machen bzw. verstehen. Auch das Verhältnis Cohens zum Begriff der Geschichte bleibt undeutlich, sofern man nicht seine Methode der deduktiven Gedankenführung erkennt und anerkennt. Darüber hinaus leidet aber auch naturgemäß eine Kritik unter, dem Vorwurf einer begrenzten Stoffwahl. Die Fülle'der oft stenographischen Textwiedergaben gibt nicht immer die Möglichkeit zur gründlichen Stellungnahme. Was bisweilen widerspruchsvoll erscheint, würde sich im' Rahmen einer ausführlicheren Darstellung eher auflösen lassen. Die Reihenfolge birgt vielleicht gleichfalls den Keim zu einem Mißverständnis. Die Tatsache, daß zunächst stets der nichtjüdiBche Vertreter und dann der durch ihn mehr oder weniger beeinflußte' jüdische Vertreter der einzelnen Richtungen zum Leser spricht, birgt — ungewollt — den Verdacht der mangelnden geistigen Eigenständigkeit des Judentums in sich. Lediglich auf dem Gebiet der materialistischen Denkweise scheint hiermit der Jude autonom zu sein. Wie wenig das in Wirklichkeit zutrifft, wird ■ von Lewkowitz ' dabei selbst verschiedentlich nachgewiesen. Lewkowitz kritisiert. Ab Vorlage seiner Kritik dient ihm dabei nicht so sehr ein eigenes „System" wie vielmehr eine einheitlich immer wieder erneut angewandte Konzeption vom Judentum als „heiligem Volk". Hierbei versteht er unter dem Volksbegriff keinen Artikel sui generis, sondern eine ethnische Gemeinschaft in ihrer ganzen ungeheuer kompakten „historischen Individualität". Der „Universalismus bedeutet ihm nicht Gleichgültigkeit gegen das jüdische Volk, sondern die prophetische Schau der übernationalen, sittlich-religiösen Bestimmung des jüdischen Volkes", zum „Licht der Völker" zu werden. (S. 112.) Mithin " mißfällt ihm dio radikale-auff^ ' ' - Bewegung im Judentum, da sie ihm zur Auflösung zu "führen scheint. In dieser Kritik geht Lewkowitz so weit, die negative Haltung eines Moritz Lazarus zur geschichtlichen Individualität des Judentums lediglich mit der Besorgnis zu erklären, „durch dio Aufrechterrialtung des Partikulanamus dio staatsbürgerliche Anerkennung der Juden zu gefährden. Weiter beklagt Lewkowitz die „ü n w i r k 1 i c h k e i t Gottes'' (siel) bei Hermann Cohen, verwirft mehr oder weniger den Korrolationsbegriff in dieser Auffassung, um an anderer Stelle zu behaupten, daß „konkrete Roligion in der Spannung von Gott und Mensch" lebt. In der Verbindung von Religion, Politik, Staat und Moral liegt nach Lewkowitz die charakteristische Idee der jüdischen Religion. Es nimmt daher nicht wunder, daß Lewkowitz in dem Maße wie er die Verflüchtigung des konkreten Gehalts der Religion durch die Aufklärung besorgt, gleichzeitig die Säkularisierung des ideelich-religiösen durch den politischen Zionismus besorgt. In der Einheit von Idee und Gestalt scheint Lewkowitz die rechte Mitte zu liegen. So findet er die wahre Treue zum Judentum in der Romantik, die „aus dem Volksgciste stammt" und erblickt bei Fichte die innigste Synthese jüdischer Gottesanschauung und europäischer Philosophie. Der jüdische Gegenpol aber ist ihm „die Wissenschaft deB Judentums", namentlich bei Frankel, Zunz und Graetz, die er daher ebenfalls der Romantik zuteilt. Es ist hier nicht der Raum, auf diese teilweise äußerst überraschenden Spekulationen einzugehen. Uns bleibt der Hinweis auf ein im gesteckten Rahmen denkbar ausführliches und anregendes Nachschlagewerk, das seinen wissenschaftlichen und historischen Wert gerade heute im besonderen Maße hat. H. K. Die illufirierte Jofephslegende Es handelt sich nicht' etwa um eine 'Illustration zur Pantomime „Die Josephslcgendc" von Richard Strauß^ sondern um eine entzückende, naive Bebilderung der biblischen Erzählung. Ein liebevoll ausgestattetes Mappenwerkchen (erschienen als Band 22 der Bücherei des Schocken-Verlages), das sechs aquarellierte Zeichnungen eines unbekannten russischen Juden der Empirezeit enthält. Primitive Kunstäußerungen eines Menschen, der die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern in die ihn .umgebende Welt versetzt. Die Brüder, die den bunt berockten Joseph an die Ismaeliter verkaufen, sehen aus wie russische Juden. Im Empire- Zimmer Jakobs steht eine zeitgemäße Pendeluhr, und eine Dienerin mit Spitzcnhüubchcn serviert den Tee, wahrend einer der Brüder den blutigen Rock vor den Augen des Vaters ausbreitet. Joseph als König wirkt wie der Zar persönlich, und auch die Garde, die dem toten Jakob das letzte Geleit gibt, hat augenscheinlich nie in Ägypten Dienst getan. All das und die rührende Kindlichkeit der Auffassung sind dazu angetan, den Reiz der Veröffentlichung zu erhöhen. TJrna Stein hat den- Blättern einen.. gut unterrichtenden Text vorangeschickt. Die Bibelstellen, die die Fantasie des unbekannten Malers angeregt haben, entstammen der Verdeutschung von Buber und Rosenzweig. u. Zur Berufsumfcliichtung der Juden Auf eine Schrift, die sich ah die Adresse der Eltern, Erzieher und Berufsberater ebenso wie an die Berufsanwärter und älteren Umschichter wendet, seigerade" jetzt, da die Schulentlassungen bevorstehen, nachdrücklich hingewiesen. . Aus praktischen Erfahrungen der letzten Jahre bat Dr. Heinrich Kuhn die Ergebnisse psychotechnischer Eignungsprüfungen verwendet, um daraus wichtige praktische^ Winke für die Berufswahl abzuleiten. Ausgehend von der Frage ^Berufswechsel oder Umschichtung?", zeigt der Verfasser die Gefahrenmomente auf, die aus einer allzu starken Orientierung nach der technisch-handwerklichen Seite resultieren. Nach einer klugen Ubersicht über die körperlichen sowie die geistig-seelischen .Voraussetzungen, die bei der Umschichtung vor-1 material durchsetzte Bflndchen ist nicht nur eine kulturhistorische Monographie lokalen Charakters, es ist darüber hinaus ein beachtenswerter Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums, der auch außerhalb Hamburgs Interesse verdient und finden wird. handen sein müssen, beschäftigt sich Dr. Kuhn mit der Wahl des Schulsystems und macht dabei ausdrücklich auf die schädigenden Folgen einer abgebrochenen Sdiulbildung aufmerksam, um zum Schluß Beiner Aufklärungsschrift der Bedeutung der Psychotechnik, die die spezifisch jüdischen Bedingungen in ihren Methoden berücksichtigen muß, im Rahmen der sozialen und wirtschaftlichen Umschichtung der Juden ihren Platz anzuweisen. Dr. Kuhns Schrift verzichtet erfreulicherweise auf die Theorie und bietet statt dessen praktische Beispiele. Das Heft, das im Verlag Dr. M. Goldmann erschienen ist, ist ein wichtiger Beitrag zu dem bedeutsamen Problem, zu einer normalen BerufsumBchichrung der Juden zu gelangen. „Rejte Pomeranzen" Anekdoten, die eines Kommentars bedürfen, erfreuen sich im allgemeinen mit Recht keiner großen Beliebtheit. Bei den ostjOdischcn Schwänken und Erzählungen, die Immanuel 0 1 s v a n - e'cr unter dem Titel „Reite Pomeranzen" vereinigt hat (Band 23 der Bücherei des Schocken-Verlages), Bind die reichlichen Fußnoten zum Verständnis, für den deutsch-jüdischen Leser geradezu unentbehrlich. Diese Lebensbeobachtungen in anekdotischer und glossierender Form sind nämlich in jiddischem Text niedergeschrieben. Wer sich mit Hilfe des Wörterverzeichnisses in diese Köstlichkeiten eingelesen hat, wird seine 'Freude finden an dem lebensnahen Humor, der die Dinge umspielenden leichten Ironie und der unterhaltsamen Einführung in eine uns deutschen Juden in vielem fremde Welt ostjüdischen Lebens und Empfindens. a. Gefchichte einer Synagoge Vor kurzem hat die Hamburger Synagoge Kohthöfen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde einer Neugestaltung der Hamburger Altstadt weichen müssen. In einer (im Verlag Albert Davis, Hamburg, erschienenen) Schrift widmet Julian Lehmann als gründlicher. Sachkenher diesem Gotteshaus und seiner 75jäbrigen Geschichte einen liebevollen - Nekrolog. Das mit reichem Bild- Franz Kafkas Werk Bald sind es elf Jahre her, seit Franz Kafka, der Einsame; Stille, von ewigem Geheimnis Umsponnene, 41jährig, im Ringen mit dem Leben oiner langen Krankheit erleben ist. Ddr jung Verstorbene war ein Frühvollendeter. Er hat nicht viel geschrieben urld noch weniger veröffentlicht. Sein- Name ist nicht in die breite Masse gedrungen. Seine Werke Bind nicht populär geworden, umsomohr geschätzt von oincrv'ihm über den Tod hinaus treu anhängenden Gemeinde. Es ist ein Verdienst des Schocken-Verlages, daß er jetzt eine Gesamtausgabe von Kafkas Schriften verunstaltet, in denen jedes Wort von unbeirrbarem Formwillen gestaltet, jeder Gedanke mit durchleuchtetem Tiefsinn dargestellt ist, so daß niemand Bich der Wirkung entziehen kann. Max B r o d , der Verwalter seines Nachlasses, der manches Werk vor der Vemichtungswut seines Schöpfers bewahrt hat, hat es in Gemeinschaft mit Heinz Politzer übernommen, die fast verschollenen und vielfach in entlegenen Zeitschriften vergrabenen Schätze zu sammeln. Der soeben erschienene ersto Band voreinigt alleB, wob Franz Kafka selbst veröffentlicht hat. Zwei frühe Gespräche aus einer später vernichteten Erzählung, Betrachtungen von unheimlicher Genauigkeit, Skizzenhaftes, Novellistisches und das einzige Kapitel eines nicht fortgeführten Romans „Richard und Samuel", den Küfka, gemeinsam mit Max Brod, verfaßt hat. Eine der Erzählungen führt den Titel „Vor dem Gesetz". Da schildert Kafka einen Mann, der sein ganzes Leben lang vor der Tür des Gesetzes steht, in der Hoffnung, Eingang zu finden. Der Wächter wehrt ihm den Weg, und so stirbt der Mann angesichts des Glanzes, der unverlöBchlich aus der Tür des Gesetzes bricht, ohne Einlaß zu erhalten. Der Weg des Juden -zu Gott ohne Mittler durch das Gesetz — das iBt auch deB Dichters und Juden Kafka Weg. Es ist ein Weg ohne Ende. Dem Dichter ist die Welt von Rätteln durchdrungen, für die er keine Lösung findet. Sein Schaffen ist nichts als ein ewiges, grübelndes Suchen nach dem Unbekannten, nach der ewig gültigen Formel menschlicher Existenz. Kafka ist gestorben, ohne sie zu finden. Sein Werk aber lebt. Mit all seiner Problematik und Metaphysik, mit seiner rückhaltlosen Offenheit, seiner Reinheit und Klarheit des, Wort- und Satzgefüges, bei dem man mit Hecht 'an Bachscho Fugen erinnert hat. Wunderbares Geschehen und Realität durchdringen einander. Bei ihm ist der Traum Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. So wenn Gregor Samsa, der Held der „Verwandlung" eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, sich in Beinern Bett in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sieht, als ein aus jeder Gemeinschaft ausgestoßenes Scheusal, dem es vor sich selbst graut. Mit dem ersten Satz dieser Erzählung stößt Kafka mitten hinein ins Wunderbare. Doch nachdem dem Leser einmal das Unglaubliche zugemutet ist, vollzieht sich alles weitere bis zum Entschluß, durch den Hungertod die Umgebung von der unerträglichen Last seiner Existenz zu befreien, mit unerbittlicher, zwingender Logik, als ob es Bich um strengste Wirklichkeit handele. Kafka schöpft gewissermaßen aus dem Nichts; doch er versteht so zu gestalten, daß Interesse und Spannung des Lesers bis zum letzten Wort wachgehalten werden. Seme Darstellung erweckt den Schein der Objektivität, ja, des Unbeteiligtseins. Wenn er etwa in der Erzählung „Der Hungerkünstler" dos selbstgewählto Schicksal eines Menschen schildert, der aus dem Rampenlicht populären Ruhms vei schwindet, um in einem achtlos beiseite gestellten Raublierkäfig eines Zirkus ohne Nahrungsaufnahme zu enden, oder wenn Kafka „tu der Strafkolonie" die Folterung eines aufsässigen Soldaten bis ins letzte grausige Detail beschreibt, so geschieht das anscheinend ohne jede innere Teilnahme, und erst zum Schluß und rückschauend wird der Grundgedanke des Dichters wahrnehmbar: seine große gütige Liebe zum Menschen und zu seinem Leid. Man hat um jeden Preis nachzuweisen versucht, daß Kafkas geistige Struktur jüdisch sei. Rein jüdische Dinge hat Kafka, den man in sprachlicher Hinsicht am ehesten mit Kleist vergleichen ' kann, und dessen Weltanschauung der -des alternden Tolstoi vielleicht am nächsten kommt, in Beinern Werk kaum behandelt. Eine Untersuchung über dos jüdische Element in seinen Dichtungen soll biB zum Abschluß der vom Schocken-Verlag angekündigten gesammelten Schriften zurückgestellt werden. Eugen Tannenbaum. Praktische Judentumskunde. Ende März erscheint im Vortrupp-Verlag die ,J?raktische Judentumskunde", eine Einführung in die jüdische Wirklichkeit für jedermann von Leo Hirsch. Das Buch gibt in einer zusammenfassenden und mit Geschichten, liegenden, Anekdoten und Liedern, illustrierten Darstellung einen Querschnitt durch den jüdischen Alltag und das Jähr mit seinen Fest- und Trauertagen. Waicherelbetileb Wilhelm Mertitz Berlln-Adlershof, Selchowstraße 15. F 3 Adlerebol 7347 . y leearfhufet 11881 rfaDER MASKENBILDNER des Kulturbundes \A MAX SCHULZ, Herren-und Damenfriseur: . T ■ ■'. 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