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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-03-06 · 10 (6.3.1935) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
10 (6.3.1935)
Date
1935-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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2. Beilage 6. März1935 JÜDISCHE AilGEMEWE ZEITUNG Fräulein ftud. jur. wird ßioiQü Buch gehSrl Cur Biblicthok dor M Sfimelnda Bsrtlit Wenn ein junges Mädchen sich darauf eingestellt hat, einen akademischen Beruf zu ergreifen, so mag es für eine atud. jur., med., phil. oder rcr. pol. nicht immer ganz einfach sein, sich mit dem Beruf einer Kindergärtnerin oder Fürsorgerin zu befreunden, der ihr bis, dahin wohl völlig' fern' gelogea hat. Und doch geht heute eine ganze Reihe von Studentinnen in ihrem neuen Wirkungskreis auf, den sie sich, zusammen mit zahlreichen andern jungen Mädchen zwischen 17 und 26 Jahren, ausgewählt haben. Ausgewählt aus dem einfachen Grunde, weil dieser Beruf dem weiblichen Nachwuchs Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bietet. Im Kindergärtnerinnenseminar herrscht reges Leben. 38 Schülerinnen arbeiten dort, von denen fünfzehn, irgendwo im Reich beheimatet, in dem angegliederten Internat wohnen. Seit dem Mai 1934 besteht die Anstalt, das heißt, damalB existierten eigentlich nur frisch gestrichene Wände und hcllgetünchtc Decken. Die Berliner Schülerinnen wurden eingespannt, halfen daB Internat, die Unterrichtsrüume mit einzurichten. Und man muß es ihnen lassen: sie haben es mit einfachen Mitteln, unter sachgemäßer Anleitung, sehr hübsch und zweckmäßig fertiggebracht. Gardinen, Bettdecken, Bettbczüge wurden genäht, Möbel gestrichen, zum Teil selbst gezimmert, Kissen überzogen, Sofa- und Tischdecken gearbeitet, die Zimmer durch kleine ZiergegcnBtände wohnlich gemacht. Kurzum: nach vier Wochen „stand" die Einrichtung, die jungen Mädchen aus dem Itcich trafen ein, der Unterricht konnte beginnen. 6 Uhr 40 Der Tag im Seminar fängt 5 Minuten vor dreiviertel sieben Uhr an. Da boginnt nämlich der Run der Internatsschülerinnen auf das Badezimmer. Wie die fünfzehn jungen Mädchen es fertig bringen, innerhalb von 25 Minuten alle Bamt und sonders nacheinander sich das Wasser der Brause intensiv um die Ohren sausen zu lassen, ist allen Beteiligten bis heute selbst noch ein Rätsel. Tatsache ist jedenfalls, daß sie alle, wie aus dem Ei gepellt, um 7 Uhr 5 Minuten einträchtig um den Frühstückstisch versammelt sind. ' Nach dem Frühstück ein kurzes Verschnaufen, und dann geht's an die Arbeit, vorerst an die hauswirtschaftliche. Es gibt da nämlich eine Liste, die, immer für vier Wochen aufgestellt, den jungen Mädchen die verschiedensten „Ämter" überträgt. Einige werden zum Abräumen kommandiert, andere zum Abwaschen, wiederum welche zum Staubwischen, andere hingegen zum Kehren, Aufwischen. Daneben müssen sie aber selbstverständlich alle ihr Zimmer aufräumen, in Ordnung halten. Acht Uhr ist es inzwischen geworden, die Externen erscheinen, der Unterricht in zwei getrennt arbeitenden Klassen beginnt. Schon die Arbeitszeit — der Unterricht findet vormittags von 8—1 Uhr und nachmittags von 3—6 resp. 7 Uhr statt — verrät, wie intensiv die Mädchen an die Materie gebunden sind, wie die Ausbildung sie völlig mit Beschlag belegt. Die Lifte als „Klaffenarbeit" Kindergarten- und Hortlehre. Listen, wie man sie in den Kindergärten führt, sollen eingerichtet werden, aus denen man ersieht, ob ein Kind fehlt bzw. krank ist, ob es vielleicht verschickt wurde oder wegen ansteckender Erkrankung seiner Ge¬ Bohren, Hämmern, Sägen ... schwister fehlen muß, alles, alles muß aus der liste hervorgehen, damit der Kreisarzt bei einer Prüfung sich sofort über alle Vorgänge ein'Bild machen kann. Und — um nicht das Wichtigste zu vergessen: die Zahlung für den Aufenthalt des Kindes im Kindergarten oder im Hort muß ordnungsgemäß verblicht werden. Hier beginnen bereits die Schwierigkeiten. Manche, stolpern schon bei dem Namen des Kindes. „Kommt der Vorname zuerst oder der Nachname?" „Wie markiere ich ,fehlen\ wie zeichne ich .anwesend* ab?" „Fehlen — ein waagerechter Strich, da Bein — ein Punktl", wird man freundlich belehrt, denn es will ja wirklich alles gelernt sein.' „Wieviele Kinder darf man aufnehmen?" „Das kommt auf die Räume und auf das Personal an, die einem., zur Verfügung, Btehen, 25 Kinder kann man allein beaufsichtigen 1" Unter vielen Rückfragen werden die Listen fertig, eingesammelt, als .„Klassenarbeit" bewertet. Die iiflphste Stunde gehört dem Runs tband w e r k. _ Es ist nicht gerade alles künstlerisch. zu nennen, was da fabriziert wird, aber .cb wird .mit so viel,Laune und Liebe getan, es wird . so viel Mühe daran gewandt (zumal der Elternabend , dicht bevorsteht), .«laß eich doch Sehenswertes herauskristallisiert, Auf riesigen Papiertransparenten werden „Kulissen". gemalt, Schriften aufgezeichnet, kleine Geschenke — hübsche Bucheinbände, mit Stoffen überzogene Kartons, Keramikgcgenatände — gearbeitet. Kindergärtnerin Man ist so ausgesprochen dabei, daß die zwei Stunden im Nu verfliegen. Die große Pause. Die Internen wandern ins Eßzimmer, wo auf dem Büfett ein zweites Frühstück bereitgestellt ist, man tut sich gütlich, schwatzt, macht es sich auch auf dem Sofa bequem, flitzt mal schnell ins eigene Zimmer oder zu einer erkrankten Kollegin, um sie über die Tagcsncuigkcitcn zu informieren. Nach der Paufe Pädagogik Pädagogik zu lehren, Psychologie und Erzichungslchrc zu vermitteln, mag an Bich nicht leicht sein. Hier hat man allcrclamit der Körper — durch viele Stunden hindurch zum Stillsitzen verurteilt — beweglich und geschmeidig bleibt. Freiübungen wechseln mit Ballspielen, rhythmischer Gymnastik, nach den Klängen des Grammophons, ab. Im nächsten Raum wird modelliert, gezeichnet. Manchmal spielen die angehenden Kindergärtnerinnen selbst Modell. Dafür müssen sie sich dann in aller Freundschaft Aussprüche wio „Du, ich kriege Deine Kartoffolnasc nicht raus" gefallen lassen, und ihr „Empörend, ich mache nicht mehr mit!" verpufft unter schallendem Gelächter. Es ist übrigens ein Zcicbcnraum von ganz besonderer Prägung. Auf dem Schrank stehen Sclmcidcrliflstcn, an den Wänden Nähmaschinen, ein Zeichen alßo, daß der Raum zwecn Herren dient. Zahllose Kartons mit Glas- und 1 lolzpcrlcn, Hobeln, Zangen, Sandpapicr, Drähten, Flitter, Schnitzmesser sijid im Schrank aufgeschichtet, Lcimtöpfc, Behälter für Modellier-, Schlingen und -Meißel beleben die ohnehin schon vollbclcg'ten Arbeitstische, dazwischen eine Sflgo für Ifolzarliciten, Nälikästcn usw. Der Fantasie der Schülerinnen sind keine Schranken gesetzt, und oftmalB kommt eine bis dabin nicht erkannte künstlerische Begabung zur Entfaltung. Hebräisch ist eine verteufelt schwierige Sprache. Schriftliclkc Arbeiten werden zurückgegeben, die zum größten Teil „verpatzt" sind. Aber trotzdem ist dio junge Lehrerin zufrieden, ja sogar stolz auf ihre Schülerinnen, daß aic in so kurzer Lernzeit schön eine Ubersetzung vom Deutschen ins Hebräische fertiggebracht haben. u Von 11—1> Modellieren Aufn.: Sonnenfold dings den Eindruck, es ist das Allereinfachstc auf der Welt. Man weiß kaum, wen man mehr "bewundern soll: die Schülerinnen, die in so hervorragender Weise von ihren Lehrmeisterinnen zum Studium angeleitet werden, oder die Pädagogen selber, denen ein so gescheites, weit über dem Durchschnitt bogabtes junges Menschenmatcrial zur Verfügung steht. Wie eine Doktor-Dissertation formuliert eine ehemalige Studentin ihr Referat über ein Buch, wie aus der Pistole geschossen, erheben sich Einwände, melden sich die Diskussionsrednerinnen zum Wort, verweisen uuf andere Werke, werfen immer neue Gedankengänge auf. Im Nebenzimmer geht's etwas lauter zu. Hier wird geturnt, Judentumskunde, Gesundheitslohre, Gegenwartskunde, Naturr und Kulturkundc, Deutsch, Englisch, jüdische Geschichte usw. verbunden mit Musiklchrc und Werkarbeit vervollständigen den anderthalb Jahre dauernden Ausbildungslehrgang. Die Betätigung in den Kindergärten und Horten der jüdischen Gemeinde gibt den jungen Mädchen nebenbei die Gelegenheit, bereits praktisch für ihren künftigen Beruf vorzuarbeiten,' die eigene Persönlichkeit zu festigen, sich psychologische Erfahrungen anzueignen und vor allem den richtigen Kontakt mit den ihnen anvertrauten Menschenkindern zu finden. Hilde Rosen. Vier Klaffenauffätze: „Im Jüdifchen Mufeum" Museumsbesuch — das bedeutet für eine Schulklasse Ausfall einer peinlichen Rfchenstunde oder einer französischen Klossenarbeit. Es bedeutet aber auch Bereicherung der Kenntnisse und des Wissens, die in anschaulicher Weise vermittelt weiden. Die Mädchenklasse einer Berliner jüdischen Schule hat dem Jüdischen Museum einen Besuch abgestattet. Um den Klassenaufsatz sind diese Zwölfjährigen allerdings nicht herumgekommen. Hier folgen einige Ergebnisse dieser Arbeit, die wir ohne stilistische und orthographische Änderungen wiedergeben. „Sehr fchön fand ich i( Am Donnerstag gingen wir in das Jüdische Museum. Uns fiel zuerst ein Bild, welches Jeremias darstellt, in die Augen. Er kniet nieder und man kann annehmen, daß es ein Felsen wäre. Dann gingen wir in einen anderen Raum. Hier besahen wir uns Bilder und Selbstporträts von dem verstorbenen Professor Max Liebermann, die er mit 85 Jahren gemalt hat Auch sehr gut gefiel mir ein Bild, welches die Überschrift „Der Potsdamer-Platz im . Regen" trägt; dieses hat der jüdische Maler Lesser-Ury gezeichnet. In einem weiteren Raum befinden sich in einigen Glasvitrincn Bsomimbüchsen von verschiedener Art. Wir sahen uns auch verschiedene Chanukknleuchtor an; ein ziemlich großer gefiel mir sehr gut. Er War einfach und schlicht gebaut. Sehr schön fand ich ein Standbild des jungen David. In verschiedenen Räumen befanden sich einige Bilder und Büsten von Mendelsöhn. Auch alte Schmucksachen, Schminktöpfe und dergleichen sahen wir uns an. Man erklärte uns auch wie in alter Zeit die Lampen fabriziert wurden. Man hatte damals keine Töpferscheiben, und so mußte man die Formen mit der Hand formen, was natürlich viele Mühe machte. In einem kleinen Schrank ruhte eine Thorarolle. Weiter nach hinten befand eich eine alte märkische Synagoge. Wir sahen auch einige Münzen des Barkochbaraufstandes. Annjelies L. Die Synagoge im Mufeum Als wir mit der Klasse im jüdischen Museum waren, sahen wir uns zuerst die modernen Gemälde an. Ein wundervolles Bild ist das, dos den trauernden Jeremias nach der Zerstörung Jerusalems zeigt. Im Anfang denkt man, es sei ein Felsen, und erst bei näherer Betrachtung liebt sich die liegende Gestalt vom Boden ab. Dieses Bild wirkt sehr erhebend. Ein anderes, besonders schönes Bild ist von dem russischen Maler Hirszenberg. Es zeigt uns einen langen Zug wandernder Juden, die nach den Judenverfolgungen ihre russische Heimat, verlassen.1 Die weite bläuliche Scluieelandschaft, durch die die frierenden Juden ziehen, die nur das Notwendigste mitnehmen konnten, wirkt ergreifend. Von dem dieser Tage Verstorbenen Max Liebermann sahen wir ein Selbstporträt. Gut gefiel mir der Potsdamer Platz im Regen von Lesser- Ury, der vielfach Berliner Straßen und Plätze gemalt hat. Die schillernden Farben wirken sehr natürlich; aber nur aus der Entfernungj üi der Nähe sehen sie wie bunte Kleckse aus. In den anderen Sälen sind die Kultgeräte ausgestellt.: Da sahen wir alte und neue Kidduscn-Becher, kunstvoll verarbeitete Chanukka- Leuchter und viele andere religiöse Gegenstände. Zuletzt waren wir in der kleinen alten märkischen Synagoge, die in einem besonderen Raum des Museums untergebracht ist. Da ich jetzt zum zweiten Male da war, war mir schon das meiste bekannt. Eva. T. Ein Bild Als wir am Donnerstag das Jüdische Museum besuchten, fiel mir ein besonders großes Bild, dos den Titel „Golus" trug in die Augen. Wir blieben eine Weile vor dem herrlichen Gemälde stellen und wärend wir es betrachteten, erklärte es uns der Vater einer Schülerin, der die Führung übernommen hatte. Die Landschaft des Bildes ist, der Stimmung gemäß trübe und unfreundlich. Wohin man blickt weißgraue Schneefelder, und im Hintergrund ein trüber, dunkler Himmel. Dick vermummt gegen die eisige Kälte, ihre wenige Habseligkeiten im Arm, wandern die armen Juden einer ungewissen, traurigen Zukunft entgegen. Auf den Gesichtern der meisten spiegelt sich eine dumpfe Verzweiflung, aber es sind auch einige unter ihnen die fest und entschlossen in ein fiemdes Land ziehen. Zu diesen gehört ein alter Mann, einer der vordersten im Zuge. Er hält ängstlich, daß sie ihm Winter und Wetter nicht entreißen, das Wertvollste was die Juden mitgenommen haben, die Thorarolle im Arm. Dazwischen laufen weinende Kinder, die die Eltern wohl im Gedränge verloren haben. Kurz ist dies ein Bild des Elends, des Jammers und der Armut. Noch einmal betrachtete ich das herrliche Kunstwerk, prägte es mir noch einmal genau ein, und schloß mich dann den andern an, um das Museum weiter zu besichtigen. Ursula Seh. »Ich war ganz davon, ergriffen" Am Donnerstag ging unsere Klasse in das Jüdische Museum. Dort gefiel mir am besten ein: Bild, welches „Die Vertreibung der Juden aus Lodz" darstellt. Ein russischer Künstler namens Hirszenberg hat es gezeichnet. Man sieht ein armseliges Häuflein Juden durch dio weite, endlose Schneelandschaft ziehen.- Nur notdürftig sind eio gegen die grimmige Kälte geschützt. Die meisten Eltern tragen ihre Kinder auf den Armen, weil diese vom vielen Laufen müde geworden sind. Viel Hausgerät hoben sie nicht mitrommen. Ein .paar Kannen und Töpfe sind alles, was die/Leute ihrer Hast, ergriffen haben. Aber einen großen Schatz tragen sie bei sich. Das ist ihre Thora. Sie ist ihr einziger Trost. Der Älteste aus ihrer Mitte trägt sie mit halberstarrten Händen voran, Aber nicht alle sind verzweifelt. Man sieht auf ihren Gesichtern, daß sie noch fest auf Gott vertrauen. Der Maler, verstand es gut, alles zum Ausdruck■■ zu bringen und da9 Mitleid der,An»chauen«en zu erregen. Auch ich war ganz davon ergriffen. Dorothea B.

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