Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 10 (6.3.1935)
- Date
- 1935-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I?1 «'.''K'T"!1. PJ '■1 ' '4^ „•< i-. ' ' ^HSJs 1. Beilage 6. Marx 1935 JÜDISCHE AUGEMHNE .. ZEITUNG , \ ■<i // // // In dem gesunden Instinkt, die Antwort auf die Fragen der: Zeit nicht in Worten, sondern im schlichten Tun zu geben, versuchte das deutsche Judentum, das Lehrhaus zu einer neuen Kraftquelle werden zu lassen. Der Wünsch, nichts anderes zunächst einmal zu tun als zu lernen, war schon deshalb berechtigt, weil der Wert des Lernens von allen Seiten in Frage gestellt wurde. Da waren jene, die in der neuen Zeit die „Umwertung der Werte" forderten und aus der richtigen Erkenntnis, daß.das Ansammeln von Wissensstoffen dem Lernenden allein nicht genügen kann, alles Lernen in einer falschen Schlußfolgerung ablehnten. Ihnen gegenüber standen die, die im überlauten Lippenbekenntnis zum „Lernen um des Lernens willen" das vertiefte Lernen nicht minder gefährdeten. Und es waren nicht zuletzt die vorhanden, die auf die Ereignisse der Zeit „religiös reagierten", alles Fragliche fraglos machen wollten und sich so der Verpflichtung eines unbequemen Neuanfangens leicht* entziehen konnten. Das alles hatte aber selbst im günstigsten Falle wenig mit Bildung zu tun, denn Bildung, daran sah man allzu häufig vorbei, kann nicht erworben werden, gebildet wird man/ lind das Lernen allein, ist dann keine genügende Antwort, wenn der ganze Mensch mit seinem ganzen Leben gefordert wird. Lehrhaus, Kulturbund, Bund, Hochschule, Schule, weltanschauliche Organisationen, alle haben sie sich zum Träger des Bildungswillens, gemacht, keinem ist es, gelungen, dem Bildungswillen der jüdischen Mehrheit zu begegnen. Denn bei den Älteren fehlt, jene innere Voraussetzung nur allzu häufig bei den Lehrern, wie bei den Lernenden. Aus der Not ist Vortragshunger, aus der Lebendigkeit Betriebsamkeit geworden. Bei den Jüngeren aber verkennt man noch immer, daß ihre Situation eine andere geworden ist. In sie muß es nicht mehr hineingelegt werden, daß ihnen „nichts Jüdisches fremd ist . In dem, was die Älteren für sich erobern müssen, wachsen.sie auf. Was aber den Älteren selbstverständliche Umgebung war, deutsche Kultur, was sie selbstverständlich lernten, ohne jede Problematik, deutsches Wissen, beginnt ihnen fremd zu werden. Die jüdische Schule hat nicht überall den Weg zu einer solchen Bildung gefunden, der Wunsch,' Jüdischkeit um jeden Preis zu erzeugen, hat nur allzu oft zu Verkrampftheit geführt. Die deutsche Hochschule hat sich ihnen verschlossen. Eine tote Verbindung mit dem, was nur der Vergangenheit angehört, ist für sie keine Verbindung. Die Generation der Achtzehn- bis Zweiund- " zwanzigjährigen, die aus ihrem Erleben in den Bünden den Zusammenhang wahren könnten, fehlt teils durch die Kriegsjahre, teils durch die Abwanderung, fast völlig. Hier, wo es ganz besonders nicht nur um das Lernen, sondern um Bildung im echtesten Sinne geht, ist wenig, gar nichts bisher gesagt worden. Und darüber hinaus: gibt es eine lebendige Beziehimg zwischen Lehrenden und Lernenden? Der unrationelle Einsatz der vorhandenen Kräfte hat eine nicht mehr. erträgliche Uberbelast'ung der einzelnen Menschen mit sich gebracht. Wahre Bildung kann dort nicht ausgehen, wo unmittelbar nach dem Vortrag oder der Vorlesung, dem, der mit irgendwelchen Fragen kommt, die nicht mehr im Vortragssaal zu behandeln sind, die stereotype Antwort: „Ich habe keine Zeit!" wird. Bildung ohne menschliche Be-, Ziehungen, .welch unvorstellbarer Gedanke! Denn gibt es für, dehj der gebildet wird, .einen Lehrstoff; "der ohne den Einsatz des"Lehrenden bilden-könnte? Es scheint uns gerade heute weniger denn je auf das, was, und mehr denn je auf das, wie gelehrt und gelernt wird, anzukommen. Die Kluft, die zwischen Rabbiner und Gemeinde,.zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Professor und Student bestand, besteht. Und wo sie überbrückt ist, ist sie doch nur eben überbrückt. Geschlossen hat sie sich nicht. Und wie steht es mit denen, die morgen Lehrer sein werden? Sie werden gebildet, fern von denen, die sie mqrgen bilden sollen,' den Menschen in den Bünden. Immer waren die Träger der jüdischen Bünde die Menschen an den Hochschulen. Heute, wo ihre Schar' bis auf einen Bruchteil ihrer früheren Zahl Von GÜNTER FRIEDLÄNDER zusammengeschrumpft ist, wo die Bünde ihre Mitglied§rzahlen verdoppelt, verdreifacht haben, wo man diese paar Studenten mehr braucht denn je, macht ihnen die jüdische, Hochschule ihre. Mitarbeit dort so gut wie unmöglich. Traurige Generation künftiger Lehrer, die nichts vom Leben derer wissen sollen, die sie einst zu betreuen haben, die im Hörsaal und am Schreibtisch lernen sollen, wo es um die Bildung geht, die Zeitloses in sich aufnehmen sollen, wo die Zeit sie fordert, wie keine Generation zuvor. Wie soll es um das deutsche Judentum aussehen, dessen Erzieher und Bildner nur Wissensvermittler sein können? / Und weiter: Wird es nicht überall vergessen, daß unsere Bildung sich ausrichten muß an den soziologischen Gegebenheiten? Wo sind die Ansätze einer jüdischen Pädagogik, einer jüdischen Bildungsprogrammatik, die nicht nur anknüpft an das, was erreicht werden soll, sondern die sieht, was ist? Echteste Bildung muß anknüpfen an das, was im Menschen schon verankert ist, was sein Wesen von vornherein bestimmt. Aber nicht genug daran muß sie in lebendigster Beziehung stehen zu der Lage, in der die Menschen sich befinden, zu ihrer geistig-seelischen Lage ebenso wie zu ihrer sozialen Lage. Es gibt kein Bildungsideal, des edlen Menschen etwa, schlechthin edle und ritterliche Haltung, Ideale einer früheren bündischen Jugend, gelten auch heute noch in den Bünden. Aber — sie genügen nicht. Verbindung dessen, was im jüdischen Menschen liegt mit dem, was 9ich aus seiner Situation ergibt, das sollte der Schlüssel für die Auswahl der bildenden Lernstoffe, der Ansatzpunkt jüdischer Pädagogik sein. Wo schließlich ist die Plattform der Bildenden, wo die Grundlage der Programmatik? Genügt es, die Synagoge zum Lernhaus zu erklären? Wo ist Entscheidendes gesagt worden zum Aufbau der Familien- Ordnung unter diesen neuen Verhältnissen? Wo der Anfang für die, die sich dem Gesetz stellen wollen und keine Möglichkeit sehen, sich von ihm formen zu lassen, weil die Formenden, die Bildner, fehlen? Von Bildung ist viel gesprochen worden. Lehrhäuser entstehen immer noch, man setzt sich mit den Fragen der Bildung 'auseinander,' man gibtihr -geschichtliche, jüdische, deutsche, westeuropäische Legitimation. Bildung, wohin wir hören, Bildung —- und doch das Ende. Noch herrscht Konjunktur für .Kulturbünde und Lehrhüuser, noch geht man hin. Aber überall wird sie gleichermaßen sichtbar, die Krise der Bildung. Die Bünde von sich aus können ihr allein nicht mehr begegnen, die Älteren scheinen ihre Quellen nicht zu kennen und machen so ihre Mitarbeit — sollte es überhaupt dazu kommen — von vornherein fruchtlos. Ware es sonst möglich gewesen, daß das J u - gendseminar des Lehrhauses, von Tausenden jüdischer Jungens und Mädek mit Sehnsucht erwartet, nach wenigen Abenden nur noch sechs Menschen in seinen Räumen sah? Noch ist es Zeit, dieser Krise zu begegnen. Oft genug sind Menschen des Bundes mit ihren Vorschlägen zu den Älteren gegangen. Immer wieder werden sie sie vortragen müssen, weil hier ein Ansatz zur Uberwindung der Bildungskrise mindestens in der jüngsten Generation erblickt wird, was schon sehr viel wäre; obwohl entscheidende Fragen offen stehen: 1. Ein Kreis jüdischer Theologen und Lehrer muß die Arbeit übernehmen, die Auswahl der Lernstoffe nach den angedeuteten Gesichtspunkten gemeinsam mit Führern des Bundes zu treffen. 2. Theologen. und Lehrer, die aus der Jugendbewegung kommen, sollen nicht so stark in den Bildungsbetrieb . eingespannt werden, daß ihnen nicht mehr die Zeit bleibt für den Kreis von Menschen, denen sie deshalb nicht zuletzt ihre Einsatzmöglichkeit verdanken, weil sie von ihm geformt wurden (z. B. Einstellung von Jugendrabbinern). 3. Das Jugendseminar' muß neu mit Menschen, die lebensmäßig den Bünden nahe stehen, aufgebaut werden.; Die ThemenauBwahl muß unter der Berücksichtigung der Gebiete erfolgen,* die, wie angedeutet, besonders vernachlässigt wurden (z. B. Liteim Wochenabfchnitt Pekude von der Schätzung der für den Bau des Stiftszeltes gespendeten Gaben und von der Herstellung der- Priestergewänder. Mose richtet das Heiligtum auf und weiht es. Dann bedeckt eine Wolke das Zelt und die Herrlichkeit Gottes erfüllt es. Erhob sich die Wolke, dann setzte das Volk seine Wanderung'fort, ruhte sie, dann schlug Israel seine Zelte auf. O Der Midrasch erzählt, daß die Wände des Stiftszeltes sich von selbst zusammenfügten und die StiftBhütte sich durch ein Wunder erhob. So entsprach es dem frommen Empfinden früherer. Geschlechter. Das Heiligtum, in dem Gott thronen Bollte, müßte auf übernatürliche Weise entstehen. Den Menschen der Gegenwart aber ist das Wunder nicht mehr des Glau-, bens liebstes Kind. Erzählungen von übernatürlichen Ereignissen rufen vielmehr Zweifel an. der Wahrheit der religiösen Lehren hervor. Wir geben daher den schlichten Worten der Bibel den Vorzug: „Und Mose richtete das Zelt auf." Wo ein Heiligtum Gottes entstehen soll, ist menschliche Arbeit notwendig. Nicht durch ein Wunder? wird religiöses Leben geschaffen, sondern durch intensive erzieherische Leistung. „Eine Wolke bedeckte das Zelt." Die jüdische Religionsphilosophie weist auf die Vernunftgemäßheit des Judentums hin. Sie bedeutet für uns nicht, daß unser Glaube aus menschlichem Denken entstanden iBt. Ebensowenig ist das Judentum auf ein System wahrer Gedanken reduzierbar. Alle Religion wurzelt im Erlebnis. Gott offenbart sich dem frommen Empfinden des Menschen. Das Geheimnis des Göttlichen entschleiert sich, aber es verhüllt sich auch dem Blick des Sterblichen, sowie die Wolke das Stiftszeilt bedeckt. Unserem Erkennen sind Grenzen gezogen. Es ist jetzt die Neigung vorhanden, das Irrationale am Judentum einseitig zu betonen. Demgegenüber ist der Hinweisnotwendig, daß die Lehren unseres Glaubens trot2 ihres Offenbarungscharakters in Ubereinstimmung mit dem Denken des Menschen sind. Solche Vernunftgemäßheit ist ein wesenhaftes Merkmal des Judentums. Erhob sich die Wolke, so brachen die Israeliten ihre Zelte ab, und wo sie ruhte, schlugen sie ihr Lager auf—Bewegung und Ruhe, Vorwärtsschreiten und Stillstand sind nicht dem Belieben des Volkes überlassen, sondern werden durch den Willen Gottes bestimmt. Darin kommt der Anspruch des Glaubens zum Ausdruck, das Leben des Volkes ganz zu beherrschen. ,Tn der Erzählung unserer Sidra aber offenbart sich auch die Bereitwilligkeit der Israeliten, der göttlichen Leitung zu folgen. Vertrauen und Gehorsam bilden die Grundhaltung jüdischer Frömmigkeit. Sie müssen auch heute vorhanden sein, wenn .eine Wiedergeburt unseres religiösen Lebens möglich sein soll. Wie weit aber reicht denn der Anspruch des Glaubens? Seitdem die Kultur autonom geworden ist und sich von aller religiösen Bindung befreit hat, ist dem Judentum die Aufgabe gestellt, die Herrschaft über die menschlichen Seelen zurückzugewinnen, ohne jedoch den alten Totalitätsanspruch der Religion zu erheben. Eine neue Grenzziehung ist notwendig, die das Geltungsgebiet des Glaubens bestimmt. Lewkowitz-Berlin.: - raturgeschichte, Bildende Kunst, Musikgeschichte; besondere Berücksichtigung erfordert hier das Singen und das Laienspiel). 4. Der ,;Bund" ist des. Ort, an dem der deutschjüdische Mensch neu geformt wird. Deshalb gehören die angehenden Rabbiner und Lehrer in den Bund. Ihre Mitarbeit in einem Bund darf Von Seminaren nicht verhindert, sondern muß im Gegenteil von den Seminaren gefordert werden, da nur der Lehrer und der Rabbiner Bedeutung für das deutsche Judentum haben wird, der mit den Menschen,'die1 ereinst' füllten' und erziehen soll, groß geworden ist. Noch ist es Zeit, durch derartige Maßnahmen der Bildungskrise wenigstens deutsch-jüdischer Jugend zu begegnen. Wartet man aber weiter, steht man ^ih den Kreisen der Älteren noch lange so verständnislos dem gegenüber, so wird es nur noch zwei Möglichkeiten ü~ .a..-. ±*vM*Ai tw'f-.> r, W '« tu >■> i™. «1 "—iv*v' .>r!< u, *"n Ci» ^^^^J^^^^^WN^^T^^g^QÄ