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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-02-27 · 9 (27.2.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
9 (27.2.1935)
Date
1935-02-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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2. Beilage 27. Februar 1935 JÜDISCHE AIJ.GEMEINE ZEiTUNG Wer hält Schickfalsfchlägen ßand? Die Handfchrifi gibt Auskunft I Von hans jaooby, Bert« „Können Sic das Schicksal eines Menschen aus der Handschrift erkennen?" — so wird der Graphologe oft von Laien gefragt. Wenn der Graphologe nicht gerade ein scharlatanhafter Tausendsassa ist, bo muß dio Antwort lauten: Nein, doB Sclucksal eines Menschen iflßt sich graphologisch nicht mit Sicherheit erkennen. Aber etwas anderes liißt sich der Schriftuntersuchung entnehmen, und dicscB andere zu erfahren, ist von viel größerer Bedeutung und sichert im Lebenskampf viel - starker als die zweifelhafte Schilderung des „Schicksals" durch graphologische Dunkelmänner. Dieses andere ist dos Verhalten eines Menschen gegenübejr Schieksalsschlägcn. An zwei psychologischen Grundtypen soll liier dio Bedeutung der individuellen' Charaktcranlagc för die Reaktion auf Schicksalsschlflgc anschaulich werden. Wir unterscheiden MenBchcn mit mehr stabilem und solche mit mehr labilem Charakter. Der Schrifturheber der Abb. 1 ist ein Prototyp des stabilen Charakters: die Schrift ist TegelixfaMbufat/i^ Uvu&y <iM>< Abb. 1 ^f. Abb. 2 rnisaen, nsmaxime müßig, druckstark, meist winklig, steil, eng, groß, — .las Bild eines Charakters von zäher Widerstandskraft. Der Schrifturhchcr, so zeigen die angegebenen Merkmale, besitzt Festigkeit und Gleichmäßigkeit des Verhaltens. Er bleibt immer er selbst, unbeugsam und beharrlich, ausdauernd und entschieden, unwandelbar und kompromißlos, ohne Scheu vor Schwierigkeiten und I linde treu zu sich und der einmal als richtig erkannten Lcbci stehend. Der Schrifturheber, der sich kraft dieser Wesenszüge bis zur leitenden Stelle eines weitverzweigten Industrieunternehmens emporgearbeitet hatte, mußte vor zwei Jahren nach England auswandern und seine Laufbahn völlig neu beginnen. Daß die Prognose des Graphologen, der Neuaufbau der Existenz werde von vollem Erfolg gekrönt sein, sich inzwischen l>ewahrhoitet hat, wird den Leser nach Schilderung des Schriftchoraktcrs nicht verwundern. Den Gegenpol dieses stabilen Charakters finden wir in der Schrift Abb. 2, Sie wirkt in ihrer größeren Eile, geringeren Druckgebung, bogigeren Formung, in Weite und Betonungen der rechten (der Umwelt-) Seite labiler, gelockerter, beweglicher als die Schrift Abb. 1. Und ihr Urheber hat infolgedessen bei einschneidenden Lebensverändorungcn auch keine der Eigenschaften einzusetzen, wie wir sie in Abb. 1 ausgeprügt finden, und doch iBt auch er auf seine Art befähigt, Widrigkeiten des Lebenskampfes erfolgreich zu begegnen. Demi seine Schrift verrät in den angeführten Merkmalen geistig-seeUsche Geschmeidigkeit, vorzügliche Einfühlung in andere, gewandte Anpassung an veriindortc Lebensbedingungen. So sind beide Typen, jeder in seiner Art der Ileuktionswcisc, befähigt, SchicksalBBchlSgen standzuhalten, der eine, indem er in ollen Lebenssituationen dieselbe Ichstobilität einsetzt, mit der er llindonusse zwingt, — der andere, indem er einstcllungsmäßig gerade das Gegenteil tut, nämlich durch geschmeidige Labilität sich jeder neuen Situation gewandt anpaßt. Beide Typen haben aber auch ihren Schatten, ihr Zerrbild. Beide, jeder in seiner Art, können sogar zum Zusammenbrechen unter Schicksalsschlägen führen. Zum Verderb werden sie nämlich dem Charakter, der die eine oder die andere Lebenshaltung in einsoitiger, extremer, überspitzter Form besitzt, in Abb. 3 sehen wir einen solchen überspitzt stabilen, in Abb. 4 einen extrem labilen Charakter. Abb. 3 wirkt ouf uns wie eine Entartung des Typus in Abb. 1, Abb. 4 |\ | wie ein Zerrbild des~TypUB~in Abb. 2. Wir sehen zwar in Abb, 3 Schiifurorkmalc wie in Abb.. 1, numlich Regelmäßigkeit, Btarkcn Druck, Winkel, Enge, Größe, — aber dio Größe ist hier verstiegen groß, die Enge extrem eng (verglichen an der Höhe der Buch-' Stäben), statt steilstchcnd wie - ~ die Schrift in Abb. 1 neigt sicli Abb. 4 die Schrift in Abbildung 3 zur Linksschräglage zurück, — kurzi was an Merkmalen wir auch aufgreifen, es ist jedes Merkmal an sich und im Zusammenhang des Ganzen überspitzt, übersteigert und damit, wie jedes Zuviel oder Zuwenig im psychologischen Aspekt, minderwertig. Diese Schrift verrät ihren Urheber als Btarr, unbeweglich und anpassungsunfäbig, als verbohrt und blind für veränderte Verhältnisse und Bedürfnisse, als eingeengt und egozentrisch. Der Urheber dieser Schrift kann'allenfalls in Milieuverhälmissen und unter Lebensbedingungen, die gesichert sind, ohne Bein eigene» Zutun, ungefährdet leben. Trägt, dos Schickaal aber veränderte Lebensumstände'an ihn heran, dann versagt er gänzlich, wie dio Schrift mit großer Eindeutigkeit zu erkennen gibt* infolge der unnatürlichen Starrheit und' Einseitigkeit seines Lcbcnsverhaltcns. Das Gegenbild, ebenso ungünstig zu beworten bei der Frngo deB Standhaltens gegenüber SchicksalBachlögcn, ist die Schrift Abb. 4. liier ist es die Labilität deB CharaktcrB, die bis zum Extrem gesteigert-ist und daher in minderwertiger Form auftritt. Die Druck- und Formlosigkeit, die Kleinheit und Fadigkcit des Duktus zeigen einen Charakter, der jedem Antrieb widerstandslos nachgibt, jedem fremden Einfluß rasch erliegt, keinen Ruhepunkt in sich hat, rasch verausgabt und erschöpft ist, nicht nur nicht geeignet, Schwierigkeiten Widerstand zu bieten, sondern gleichsam geradezu auserschen, zum Spiclball des Schickaals und seiner Launen zu werden. Sicht der Urheber von Abb, 3 vor lauter ichaufgeblähter Größe gar nicht mehr das ihn umgebende Leben in seiner Wirklichkeit, so möchte man hier, angesichts der extremen Kleinheit in Abb. 4, sagen, der Schreiber habe sein Ich verloren, habe sich völlig erdrücken lassen von Tatsachen und Geschehnissen. — Es ist bezeichnend, daß die beiden ersichtlich lcbcnsuntttchtigcn Urheber der Abb. 3 und 4 nm auffallendsten hinsichtlich ihres Selbstgefühls bub dem Rahmen fallen, der erste durch maßlose Uberwertung seines Ichs* (übertriebene Schriftgröße), der zweite durch völlig entmutigende Minderwertigkeitsgefühle (extreme Schriftklcinhcit). Die geschilderten Typen heben Bich für den erfahrenen Graphologen deutlich voneinander ab. Der Graphologe kann daher mit großer Sicherheit dia- und prognostizieren, wie ein Mensch auf Scliicksalsschlägc reagiert oder reagieren wird, wieweit er tragfähig für gravierende Lcbcnsverändcrungen ist und schließlich: wo seiner seelischen Tragfähigkeit, seiner Widerstandskraft und seiner Anpassungsgabc die Grenze gezogen ist. Die praktische Bedeutung, die dieser graphologischen Erkcnntiiismöglichkcit zukommt, sollte nicht unterschätzt werden, insbesondere nicht angesichts der einschneidenden Schicksalsvcrändcrungrn, denen heute der einzelne deutsche .Jude standzuhalten hat. Ein Beispiel aus der graphologischen Praxis mag das veranschaulichen. Abb. 5a rührt von einem 30jährigen Mann her. Ihre Aufgclösthcit, die bis zu schwerem depressiven Sichfallculasscn geht (Uberlabiütüt in Faden, Doppelbogen, hemmungsloser Weite, Drucklosigkeit, sinkenden Zeilen etc.), entspricht dem widerstandslosen, energiemäßig überanstrengten Scclcnzustand eines an »ich selbst verzweifelnden Menschen. Sic erinnert an Abb. 4, der wir bei einschneidenden Lcbcnsverändcrungen eine ungünstige PrognoßC stellten. Und Abb. 5a ist bereits das Ergebnis fortgesetzter beruflicher Umstcllungsvcrsuche, die BümtHch scheiterten und den Schrifturheber zu seelischen Zusammenbrüchen führten, weil sie seine Tragfähigkeit nicht berücksichtigen, ihm ein Zuviel an schieksalBmäßigcn Belastungen (völlig veränderte Milicuhcdingungen, Klimawechsel, Verzicht auf haltgcbendc mit- ^&£%g Abb, 5o Abb. 5 b menschliche Bindungen u. a. m.) aufbürdeten. So eingreifenden Lcbcnavcrandcrungcn konnte dieser Mann» wie seine zerlüsto Schrift zeigt, unmöglich gewachsen sein. Die auf Grund diesen Schrifteindrucks erteilte Beratung zielte daher darauf ab, eine neuerlich notwendig gewordene Umstellung in dem Maß und der Grenze zu halten, die die geringe natürliche Tragfähigkeit dieses Ühcrlabilen Menschen verlangte. Die graphologische Beratung gab ganz konkrete Richtlinien. Daß diese sich -als richtig erwiesen, bezeugt Abb, 5b, wenige Monate spater geschrieben. Die frappante und günstige Veränderung dürfte auch dein Nichtgraphologcn sichtbar sein: die Schrift ist druckrcichcr, fester, zusammengefaßter, entschiedener geworden, ihre Frische, Vcrlebendigimg und Kräftigung zeigt neuen Lebenswillen, erfolgreicheres Standhalten gegenüber gravierenden Veränderungen von außen. Hat die graphologische Beratung Wunder verrichtet? Nein. Sie hat diesen Mann nur gelehrt, sich auf die in ihm liegende Möglichkeit, dem Schicksal zu begegnen, zu besinnen, seine Energien nicht zu zerstreuen, den Launen des Schicksals nicht widerstandslos zu erliegen. Nicht ein unabänderliches Schicksal schildert die Graphologie. Sondern die Mittel und Wege, die jedem Charakter gegeben sind, um Schieksalsschlägcn standzuhalten. Das ist weniger. Uder, wenn man dus letzte Beispiel berücksichtigt, viel mehr. Arzt;, Dichter, Mufiker und Geigenmacher Von Dr. LUDWIG DAVIDSOHN Der stille, feine, weltscheue imd -abgewandte jüdische Gcistcsmensch ist ein ebenso häufiger „jüdischer Typus" wie Bein Gegenpart, der äußerlich hyperaktive, auffallende. Leider beurteilt die Allgemeinheit „den Juden" öfter nach dem letzteren Typus, als nach dem mindestens ebenso zahlreichen erstcren! Hans Kafka und Walter Cale z. B. haßten jegliche Berührung mit der Öffentlichkeit, vernichteten ihre Manuskripte vor ihrem Tode und beschworen testamentarisch ihre Nachlaßverwalter, nur um Gottes willen ja nicht die Allgemeinheit mit ihrer Person irgendwie zu behelligen. Nie in seinem Leben sprach Julius L c v i n, der vor kurzem ols Dreiundsiehzigjähriger in Brüssel starb, je von sich selbst. In bescheidener Zurückgezogenheit, fast in Anonymität, hat er jahrzehntelang gewirkt und geschaffen. Es lag nicht in seinem Wesen, irgendetwas von sich her zu machen. Aber der objektive Chronist und zumal heute, der jüdische, hat die Ehrenpflicht, auf das Große an diesem seltenen „Schweiger" hinzuweisen, der sehr viel mehr war als ei seiden und dessen Leben Leistung und Erfüllung in ungewöhnlichem Ausmaß war. Julius Levin stummte aus Elbing in Ostpreußen, ward zunächst Arzt, medizinischer Forscher und führte u. a. wichtige Neuerungen ouf dem Gebiete der Dermatologie ein. Er war schon in reiferem Alter, als er seine ärztliche Tätigkeit aufgab und sich der Kunst zuwandte, nach der er sich immer gesehnt hatte. Er wurde zunächst Journalist und war. ein kenntnisreicher, reger und überaus nobler Musik- und Kunstreferent großer deutscher Zeitungen. Man schätzte den klugen, feinsinnigen Kritiker bald allgemein hoch, dessen programmatische Schriften „Modemalcr" und „Was tut der deutschen Kunst not?" Aufsehen erregt hatten. Aber nach goraumer Zeit erweiterte Levin seine Tätigkeit, übersiedelte nach Paris und wurde Kulturmittler von . Haag. Er schrieb für französische Zeitungen über deutsche Kultur, propagierte begeistert deutsche Kunst und Musik in Paris und hielt jahrelang vor französischen Studenten Vorträge über die künstlerischen Bestrebungen seines deutschen Vaterlandes. Durch den Weltkrieg fühlte er seine Lebensarbeit unterbrochen. Er nahm seinen Wohnsitz nach dem Kriege in Berlin, und nun bcgann;der ganz ernst und reif gewordene Mohn'seine dichterische Tätigkeit. Er schilderte zunächst die Welt seiner Jugend. Zuerst erschien sein Roman aus der polnischen Gesellschaft „Das Lächeln des Herrn von Golübice", dor u. a. auch das Kulturmittlertalent Levins in bestem Lichte zeigt. Diesem Erstlingsromans aus der Welt des polnischen Kleinadels Levins haftet noch etwas von der schwermütigen Resignation des tief Enttäuschten an. Dos Lächeln des Herrn von Golubice ist noch das müde, etwas verächtliche Lächeln des Alternden, der einsieht, daß ■Qf „alles schließlich doch ganz, »innlos ist und eigentlich gar keinen Zweck hat", wie der greise Fontane zu Bugen pflegte. Doch bald überwand der Dichter den wcltschmcrzliclicn Zug seines ersten WcrkcB. Es folgten die symbolische Erzählung „Der Ponzer" und der ernste „Wehrmann Ismcr", die beide krflftigore Töne anschlugen. Das tiefe, cchtjüdische Mitleid Levins mit der leidenden Kreatur, sein Mitgefühl mit irrenden und verwirrten Menschen finden in diesen Büchern einen ergreifenden Ausdruck. Im „Panzer" ist die ungeheure Einsamkeit des Baucrnjungcii, die seine stummen Genossen, seine Pferde, zu seinen Vertrauten und Kameraden macht, mit einem an Hansum erinnernden Pantheismus gestaltet. Einen imvcrgcßlichcn Eindruck macht die unveriionuneue und nie getröstete Ankloge des urmen, unter unheilbarer Krankheit dahinsiechenden Joachim Lamm; dieses Sinnbild der leidenden, uncrlÖBtcji Menschheit hat mit mitfühlendem Herzen der jüdischo Arzt gezeichnet! Der Roman „Die Croßfflrstin", die Novelle „Die Bingcnde Dame", halten bei aller talentierten Behandlung des Stofflichen ctwuB SpieleriBchcB an sich; aber ein Kunstwerk von bleibendem Werte ist sein im deutsch-polnischen Landstädtchen spielender jüdischer Gottsucher-Roman „Zweie und der liebe Got t". Mit einer fast alttcstemcnturisch-zähen Kraft ringen hier die beiden Gegenspieler Heb Salme Guttmann und Chaam Jckcff in leidenschaftlichem Eifersuchtskampf um den „gorechten" Gott, der die Sünden der Menschen nur nach Gebühr Btraft und der Untergang und Freitod des Helden, der ohne zu wissen „Gott versucht hut", wirkt wahrhaft tragisch. Seinem deutschen Vatcrlaudc machte der Dichter noch ein Geschenk von dauerndem Wert: or schrieb das erste „für Hörer aller Fakultäten" bcrecluiete prächtige Werk über Joh. Scb. Bach, das in seiner klaren Allgcmcinvcrständlichkclt und klug-übcrlcgcnen Darstellung zu dem Musikgcnie' Bach führt, und auch dem Laien die rügende Größe dieses Mannes klarmacht. Wie gut sind hier — auch dem Ungebildeten — Fugen und andere muBiktheoretische Problemo erklärt! Dann legte der inzwischen alt-gewordenc Dichter die Feder aus der Hand, und er begann dio letzte — ihn auch wieder zur Meisterschaft führende — Epoche seines Lebens. Er-wurde Geigenbauer. Widerte ihn die Harmoniclosigkcit seiner Zeit an, war er der nur-goistigen Beschäftigung müde geworden? Aua seiner Wohnung in der Heilbronner Straße wurde eine Streichinstrumentenwerkstatt. Er hatte viel in seinem Leben über Musik, ihre Wissenschaft und Theorie nachgedacht und geschrieben und hatte alle Probleme der Akustik durchforscht. „Einmal, vor Jahrhunderten," Bagte or, „haben die alten italienischen Geigenbauer wie Amati, Stradivari u. a. etwas von der ewigen Sphärenmusik in ihren, von undurchdringlichem Geheimnis umwitterten Meistergeigen eulgefangen. Ob es auch mir gelingt, ein Stückchen von dieser rätselhaften Schönheit vom Schicksal geschenkt zu bekomkommen?" Da saß nun der Greis mit dem gütigen, aufmerksamen, klugen Gesicht fast den ganzen Tag im Arbeitskittel am Werktisch, bohrte und sägte, leimte, lackierte und setzte seine Violinen, Celli und Bratschen zusammen. Und bald rühmte man die LovinVhen

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