Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 9 (27.2.1935)
- Date
- 1935-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1. Beilage 27. Februar 193S JÜDISCHE AUGEMHHE ZEITUNG Zurück zum Freitagabend! Von MARGARETE GÖLDSTEIN, Berlin Ich möchte mit einer kleinen Legende beginnen, die mitten hinein in das Thema {Ohrt: Ein frommer Mann hatte eine fromme Frau. Da ihnen Kindersegen versagt war, dachten sie: Gott kat kein Wohlgefallen an unserem Beisammensein. Was nutzen wir der Welt? Und sie trennten Bich. Der Mann heiratete wieder. Er traf auf eine uiifroinmc Frau, und sie machte aus ihm einen' unfrommen Menschen. Die Frau ging ebenfalls eine neue Ehe ein: Ihr Mann war bisher unfromm, aber unter ihrem Einfluß wurde er ein frommer Mensch! Und die Legende schließt mit dem Satz: Man sieht: Alles hfingt Von der Frau abl — Die Frömmigkeit des Hauses hingt allein von der Frau abl Das Judentum halte von je zwei. Heiligtümer t Das Gotteshaus, in dem der Priester waltete, urid das Heim. Hier im 'Hause war die Frau von je Pricstcrin. Sie entzündete die heiligen Lichter. Sie prügle die Frömmigkeit des Hauses. Und die Symbolo des Tempels, die heiligen Lichtor, sie wanderten in das Heim auf den Tisch der Familie, um am Sabbat, Am Festlag, von der Frau entzündet zu werden. Hier im Hause bestimmte die jüdische Frau von je die Lebensführung. Von ihr hing es ab, ob die Kinder dem Glauben der Väter erhalten und zu einem Leben der Reinheit und Wahrheit erzogen wurden, oder ob sie religiös in nichts verfielen, denn „des Kindes Schicksal ist der Mutter Werkt" — Wie können wir auch heute, in unserer Zeit des Hastens und Treibens, der Mühen und Sorgen, dem Kinde daB köstlichste Gut erhalten? Indem wir cb zum Besten, wbb wir besitzen, zum Religiösen, zurückführen! Wohl ist es in vielen Landern und manchen Kreisen heute unmöglich, den Sabbat vom Aufgang des ersten Sterns am Freitag abend biB zum Erbleichen des Sonnabend in allen Einzelheiten genau durchzuführen: Die Gruppe gesetzestreuer Juden halt daran fest, voll Ehrfurcht. Aber in manchen Familien ist das nicht ohne weiteres einzuhalten, weil der Mann im Berufsleben steht — vielfach auch die Frau — weil die Kinder in der Ausbildung stehen und am Sonnobcnd ebenfalls beschäftigt sind. Gibt uns dos aber ein Recht — eine Handhabe, den Sabbat völlig aufzugeben? Gibt es nirgend» einen Weg zurück? Ja! Es gibt einen Weg: Zurück zum Frcitagabcndl Er war von je im Judentum der höchste und der schönste Festtag. „Wie »oll das geschehen?", höre ich viele fragen, die diesen Abend längst aufgegeben, die ihn vielleicht, selbst in ihrer Jugend, niemals gekannt haben. Gar oft begegnet man auch dem Einwand: „Ich halte nichts mehr, aber ich bin aus Pietät noch Jude, weil ich im Elternhaus jene alten Bräuche noch erlebte. Das mag allenfalls für den Betreffenden selbst noch angehen. Auf ihm liegt noch der Glanz einer religiös erfüllten Jugend. Aber was kann er seinen Kindern vermitteln, weitergeben? Ihnen ist jeder Glanz vorenthalten geblieben — nichts leuchtet in ihnen! Und doch: Die alt-heiligen Worte des Schima: „Du solkit sie Deinen Kindern einschärfen und von ihnen reden, wenn Du in Deinem Hause sitzest", sie gelten auch heute noch unvermindert für uns! Ich wende mich im folgenden nicht an jene, die noch in festgefügten Zusammenhängen stehen, sondern an Juden, die nicht wissen, wo sie anknüpfen, wie sie den Weg zurück finden sollen, obwohl in ihnen das religiöse Verantwortungsgefühl, der Wunsch wieder erwacht ist, die ehrwürdigen Bräuche in neuem Geiste zu erleben und sie ihren Kindern zu vermitteln. Was bedeutet uns heute der Sabbat? Das gleiche Glück, das er unsern Vätern seit Jahrtausenden bedeutete! Er ist der Tag der Einkehr, der Rast und Besinnung, den Gott uns beschert hat, da er nach seinem Werke am siebenten Tage ruhte. So sollen auch wir nach dem Jagen und Treiben der Woche, nach aller Arbeit und Mühsal Halt machen — Einkehr halten —, Rückschnu. Nach sechs erfüllten Arbeitstagen soll auch über uns die beseligende Sabbatstillc kommen! An jenen Sabbatabenden Wollen wir Mut schöpfen zur neuen Arbeit der kommenden Woche, und wir sollen und möchten uns Rechenschaft ablegen über unser Werk in der vergangenen Woche. ' Wir sollen und wir wollen den Sabbat halten und heiligen, mit dem -uns Gott begnadet und verpflichtet hat, seiner und seiner Werke zu gedenken im ehrfurchtsvollen Wissen. Den Ruhetag, den alle großen Weltreligionen von dem kleinen Volke Israel übernommen haben, den Sabbat, in dessen Eingangsfeier die ganze tiefe Innigkeit und die hinreißende Schönheit des jadischen Familienlebens in alter Überlieferung und wahrem Empfinden sich verkörpern. Am Sabbat werden) wio die deutsche Übersetzung des Segens über die Lichter sagt, alle Trauer und Sorge, jeder Kummer und Not, alle Verfolgungen und Trübsal üinweggescheucht werden durch den alles überstrahlenden"' Glanz deiT'Ketxen, die ■ die Mutter' mit segnenden Hfindeli entzündet. So begrüßen wir noch heute den Sabbat, die festlich geschmückte Braut! ' Ich erinnere hier an die Verse Heines, in denen er diesem Gedanken so beredten Ausdrück verliehen hat. Er sieht den Ghettojuden vor sich: gehetzt, gejagt, arm, vorspottet. Die ganze Woche über führt er oftmals ein Leben wie ein Hund, voller Sorgen und Mühsal. Doch am Sabbat, da ist er Fürst! „Festlich, reinlich schier bekleidet", geht er ins Bethaus. Und wenn er dann nach dem Gottesdienst daheim am Tische sitzt — welch anderes Bild -als während der Woche: Leuchtende Kerzen, die festlicho Tafel, ein gutes Mahl, reinlich gekleidete Kinder, leuchtende Augen! Und hier waltet seine Frau ab Fürstin, als Priesicrin des häuslichen Herdes I Und er besingt sein Weib — or besingt die Echcs Chajil. . Mit diesem Freitagabend kann auch jede Frau heute wieder neu anknüpfen, neu beginnen! Jede unter unB kann esl Das lebendige fortschrittliche Judonrum hilft ihr dabei! SelbBt wer nicht in der Tradition aufgewochBen ist: Hier ist der Weg zurück! — Ein Wort des alten Schrifttums lautet: „Lo liamidrasch ikkar el ha maase". „Nicht das Lornen ist die Hauptsache, sondern das Tun!" Uns religiös-liberalen Juden in oller Welt ist heute das Judentum nicht nur eine Religion des DIE BIBEL ERZÄHLT im Wochenabfchnitt Wajakhel von der Opferbereitschaft der Israeliten. An sie war die Aufforderung Mosis ergangen, zum Bau des Stiftszeltes Gaben zu spenden. Freudig brachten Manner und Frauen Gold und Silber, Edelsteine und kostbare Stoffe. Längst war alles zum Bau Notwendige vorhanden, aber immer hoch wurden Geschenke gebracht. Da ließ Mose im Lager verkünden, es bedürfe nicht weiterer Spenden. Unsere Sidra berichtet dann vom Bau der Stiftshütte, von der Herstellung der Altäre und Kultgeräte. Sie nennt auch den Namen des Mannes, der das Heiligtum schuf: Bezalel ben Uri. S Die Erzählung von der Bereitwilligkeit der Israeliten, für den Bau des Stiftszeltes kostbare Geschenke zu stiften, bildet die notwendige Ergänzung zu den Gesetzen der Tora, die sich auf die Gestaltung des Heiligtums beziehen. Welche Form das Zelt, die Altäre, der Leuchter erhalten sollten, war bis in die letzte Einzelheit durch genaue Vorschrift geregelt. Das Entscheidende aber, die Beschaffung der zum Bau notwendigen Stoffe, war dem freien Willen des Volkes,. überln^acJl« fDiese .Synthese von Freiheit jund Bindung ist bezeichnend für die jüdische Frömmigkeit. Wir begegnen noch immer der Behauptung, daß das Judentum sich mit äußerlicher Beachtung von Gesetzen begnügt. Aus der Erzählung unserer Sidra ist deutlich erkennbar, daß die Errichtung eines Gotteshauses, die Entstehung religiösen Lebens, die Bereitwilligkeit menschlicher Herzen, religiöse Empfindung zur Voraussetzung hat. „Gott will das Herz", lehrt darum der Talmud. Das Bild des Stiftszeltes, wie unsere Sidra es zeichnete, ruft den Eindruck eines vollendeten Kunstwerks hervor. Nicht nur das Zelt, die Altäre, die einzelnen Geräte weisen ästhetische Formen auf. Auf dem Deckel der Bundeslade standen zwei geflügelte Cherubim. Demnach war auch die Plastik in den Dienst der jüdischen Religion gestellt. Das Gebot der Tora: „Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt" erklärt sich aus der Tatsache, daß alle antike Kunst religiösen Charakter besaß. Wenn es dem Volke gestattet gewesen wäre, sich „Bilder und Gestalten" zu machen, dann hätte es nicht nur den unsichtbaren geistigen Gott in die Welt des Körperlichen hinabgezogen, auch der Monotheismus der Bibel wäre dann bedroht gewesen. Seitdem aber die Kumt einen weltlichen Charakterzug gewonnen hat, ist auch der Gegensatz zwischen Judentum und Plastik geschwunden. Die Bibel erzählt von Bezalel, daß Gott ihn berufen und ihm die Gaben verliehen hat, „Gedanken zu denken"^ Wer ein religiöses Werk schaffen will, darf nicht vo fn Ehrgeiz odei1 materiellen Interessen geleitet Bein. Er muß von. Gott berufen sein, den seelischen Zwang zum Schaffen empfinden. Seine Berufung aber wird daran erkennbar, daß er die Gabe schöpferischen Denkens besitzt, nicht fremde Vorbilder nachahmt, sondern Eigenes schafft. Lewköwilz-Berlin. Gotteshauses, sondern ebenso eine Religion der Tat, verwoben mit dorn Leben unseres Alltags, verwoben vor allem mit unserem Heim. Wir alle, die wir ohne religiöse Erfüllung in der Jugend aufgewachsen sind, wissen es. Wir naben es oftmals von unsern Kindern erfahren, dio sich wieder nach Ausdrucksformen eohnon und mit fragenden Augen oder fordernden Worten danach verlangen. Wir können dem Kinde Religion und Religiosität nicht nahebringen durch Dogmen und Theorien. Es muß im Religiösen aufwachsen, in den Formen und Bräuchon, wio in einem Märchen. Wir müssen, wo sie erloschen, die Freitagabend-Lichter wieder entzünden, und bei ihrem hellen Schein wird Friede und Glück einziehen bei Eltern und Kindern. Wir haben nicht länger ein Recht, dem Kinde jenen köstlichen Besitz, jene alt-chrwflrdigcn Erinnerungen vorzuenthalten. Hier darf es kein „Ich kann nicht" geben. Jede Frau, jede Mutter kann neu beginnen, ernst machen, kann wieder anknüpfen an die ewige Tradition. Niemand von uns hat das Recht, die tiefen roligiösen Ausdrucksformen-des Judentums der Jugend vorzuenthalten I Welch köstliches Geschenk wird damit unB selbst I Das Herz dor Kinder wird uns neu geschenkt und zugewendet! An diesen Abenden offenbart sich uns wieder die Schönheit der Bibel, die Bedeutung unseres 6 w igen Schrifttums, in das wir uns mit unsern Kindern versenken wollen. Der Sinn und Gehalt des Judentums wird uns neu beschert! Und diesen Freitagabenden, von denen uns nichts abhalten darf — keine geselligen, keine anderen Verpflichtungen —, folgen von selbst die übrigen Festtagsabende, mit ihrer stimmungsvollen häuslichen Feier: der Scderabend, das Fest des Kindes, mit der Fülle seiner großen Erzählungen, seinen altvertrautcn Liedern; die Purim- und Rosch-Haschonoh-Abendc, und vor allem das Lichterfest: Chanukkah) Alle unsere Feiertage beginnen mit dem Abend! Ah Jedem Feste, an jedem Freitagabend, entzünden wir die Lichter im Hause. Er soll und muß wieder der Mittelpunkt religiösen Lebens in Israel werden. Wenn man früher mit Eltern über die Notwendigkeit religiöser Erziehung sprach, so hörte man gar oft den Einwand: „Ich möchte mein Kind nicht in Konflikte bringen". Wir haben cb erfahren, was dos bedeutet! Kinder ohne religiöse Erziehung, oder gar Getaufte; sie sind heute in der allerschwerstcn Lage. Wir alle wissen, daß gerade bei jenen Juden, die nicht mehr Juden sein wollten,'.oder die sich gar vom Judentum abßcwandt hatten, die Jugend am meisten litt, jene, dio da plötzlich ausgestoßen ward aus jener Gemeinschaft, dio sie bisher allein gesucht hatte, ausgestoßen auch aus Beruf und Geschäft, herausgeschleudert aus ihrer Lebensbahn- Menschen zwischen zwei Lagern! Gerade heute ist es wieder wichtiger denn je, dem Kinde positiv religiöse Werte nahezubringen! Wollen wir ihm, das nach außen so schwere Konflikte und Kämpfe zu bestehen hat, Gegenwerte und Gegenkräfte einpflanzen, wollen wir ihm die Eingliederung in das Ganze erleichtern, so müssen wir ihm 1 jene ewigen Schütze wiederschenken, die ein Teil der vorhergehenden Generation verloren hatte. Die heutige Jugend verlangt nachdrücklich nach religiöser Kraft, nach einer Sinngebung dos Judentums. Wir müssen das heilige Feuer, das am Sinai gelodert, im Herzen unserer Stammcsmütlov geglüht, unseren Kindern neu entfachen. ' Gerade hier hat das religiös-liberale Judentum wieder Ernst gemacht und die Frau zur Verantwortung aufgerufen. Jede einzelne von uns! Es hat die Frau, die von je im Judentum voll verantwortlich war, neu herangezogen. Die jüdische Frau hat heute in erhöhtem Maß Pflichten! Ihr diese zu erleichtern, ihr zu helfen, sie zu erkennen, ist dio Aufgabe der religiös-liberalen Gruppen. Und sie erfüllen diese Aufgaben, veranstalten Bibelkursc und Arbeitsgemeinschaften, führen ein in die Festtage, halten Feiern für Freitagabende und Festtage, sowohl innerhalb der Froucngruppcn, als vor allem innerhalb der heute so bewundernswert tütigen Jugendgruppen. Wohin wir blicken, finden wir heute eine Renaissance des Judentums. Vor allem eine Wiedergeburt des religiösen Bewußtseins in jedem Einzelnen, der — ob er will oder nicht — sich damit auseinandersetzen muß. Und von hier aus allein beginnt auch dio Renaissance dor Fumilic. Hier ist der Weg zurück! Gar oftmals war auch in jüdischen Kreisen ein Zerfall der Familie zu bemerken, trotzdem man noch immer daB mustergültige jüdische Familienleben pries. Hier ist der Punkt, wo wir mit unserer Jugend, dio in vielem eigne Wege geht, eigne Gedanken hat, eine gemeinsame Basis finden. Hier erblüht neuo Achtung und Liebe, neues Verstehen zwischen Eltern und Kindern. Gerade in den Krisen, die heute über alle Länder und olle Kreise hereingebrochen sind, gerade in Zeiten der Not und Sorge, besinnt sich' jeder wieder auf das Teuerste, was er besitzt, auf die unveräußerlichen Werte, die keiner ihm rauben .kann] Ein köstlicher Schatz ist ubb anvertraut! Heben und pflegen wir Frauen ihn wieder, zum Segen unserer eigenen Familie, zum Segen des gesamten Judentums! — ' Als Finsternis in Ägypten war, in jener Nacht der Not und Plagen, da erstrahlte Licht in allen Häusern Israels. Und unsere Vorfahren hätten das Dünkel des Mittelalters nicht ertragen können, hätte nicht das Licht des Glaubens gestrahlt in ihren Häusern und Herzen! In diesem Sinne sind auch wir heute wieder aufgerufen, jeder Einzelne von uns, in jenem Sinne der Sprüche der Väter: „Kürz ist der Tag, und groß Ist das 'Werk. Dir liegt .es nicht ob, das Werk zu vollenden — aber Dir siebt es auch nicht zu, Dich ihm zu entziehen 1"