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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-02-20 · 8 (20.2.1935) · page 8

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
8 (20.2.1935)
Date
1935-02-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Reh Meier fingt Eine chassidische Legende von I. BRITAN In einer kleinen Ortschaft lebte ein frommer, wohlhabender , Chasaid, Heb Meier. Eines Tages erfuhr 'er, daß in der Nachbnrstadt die Versteigerung einer Fabrik stattfinde Reb Meier zählte sein Geld' zusammen, achtzehntausend 'Rubel; (achtzehn'— eine GlückBzahll), nahm seinen Buchhalter mit, ohne den er sich wie ein Mensch ohne Hände fohlte, und fuhr in seinem Wagen zur Stadt Unterwegs wurde es dunkel. Sie'übernachteten in einem Gasthof und setzten am nächsten Morgen ihren Weg fort; denn sie mußten pünktlich um zwölf Uhr mittags zur Stolle sein. Als sie bereits in der Nahe dor -Stadt waren, fuhr iReb Meier plötzlich vor, Schreck zusammen: die Brieftasche mit. dem Geld war , fort. Verloren^ oder im Gasthof zurückgelassen. Achtzehhtausend. Rubelt, Das war vor neunzig Jahren ein Vermögen. Der Buchhalter wollte umkehren, -abor Reb Meier sagte: „Nein, ohne dich wird aus dem ganzen'Geschäft nichts." Es war bereits halb zwölf geworden. Sie'fuhren, weiter. Plötzlich wurden sie ■ angehalten. Es war ein Freund Reb Meiers, ein steinreicher Mann. Sie kamen ins' Gespräch. „Machen Sie Bich keine Sorgen, Reb Meier, hier sind achtzehntausend Rubel, bei Ihnen ist das Geld gut aufgehoben." Reb Meior eilt zur Versteigerung. Er will unter allen | Umstanden die Fabrik erwerben. Und er hat Glück; Eine Woche spfitpr wird ihm, für dio Fabrik das Doppelte, Dreifache, ja das .Fünffache geboten . . -. Reb Meier ist ein reicher Mann geworden. Die Schuld hat er sofort zurückgezahlt. Drei Monate später kommt Reb Meier mit seinem Buchhalter wieder an dem Gasthof vorbei. 1 ■ „Herr,. laßt uns hineingehen, vielleicht ist das Geld unversehrt",'meint der Buchhalter. „Nein, lieber nicht, man darf einen Menschen nicht in Verlegenheit bringen. .Wenn der Gastwirt das Geld aufgehoben hat und es mir zurückgeben will, wird er es schon aus freien Stücken tun", erwidert Reb Meier. Währenddessen , hatte der Besitzer des Gasthofes Reb Meier durchs Fenster erblickt. Er kam sofort gelaufen und rief: „Heb Meier, Sie haben ja bei mir das Geld vergessen, hier ist es." Als Reb Meier das Geld empfangen hatte, — er gab es spater dem Synagogenyorstand zur Verteilung an die Armen —, begann er bitterlich zu weinen. Der. Buchhalter wundorte sich, wtfgte aber nicht zu fragen, um ihn nicht zu verwirren; denn 'er sagte sich, daß dos plötzliche Weinen seinen Grund haben müsse. Fünf Jahre vergingen. Der Buchhalter hatte sich selbständig gemacht und besaß in einem Städtchen ein kleines Geschäft. An einem Freitagabend schließt er den Laden, ging auf die Straße hinaus und erblickte einen armen, hinfälligen alten Mann. „Mein Gott, Reb Meier! Wie sehen Sie aus? Wo ist'das viele Geld geblieben?" , .iAVles -' längst .•dahhv alles,' ich •' habe keine Kopeke mehr." , - Der ehemalige Buchhalter Reb Meiers hatte Mitleid. ' „Hier sind fünf Rubel, kaufen Sie sich Wasche, gehen Sie dann in die Badeanstalt und' kommen Sie zum Sabbatmahl zu uns. Meine Frau und die Kinder werden sich sehr freuen." Der Tisch war gedeckt, das Essen aufgetragen, aber Reb Meier fehlte noch immer., Der Buchhalter wird ängstlich. Vielleicht ist dem alten Manne im Bad etwas zugestoßen. Er-läuft . in die , Badeanstalt. Alles leer. Plötzlich hört er jemanden singen. Der Gesang scheint aus der letzten Badekabine zu kommen. Der Buchhalter. eilt hinein und findet dort Heb Meier vor. Da wird der Gastgeber ungehalten. „Hören Sie, Reb Meier, wir warten die ganze Zeit auf Sie; das Essen ist schon kalt geworden, und Sie sitzen hier und singen. Kleiden vSie sich;an und kommen Sie mit mix." ' „Ich soll mich ankleiden. Dos ist leichter gesagt als getan. Wie soll ich das machen, wenn man mir alles gestohlen'hat, altes, die alte und die neue Wäsche, die Kleider und die 'Schuhe." ,^as ist allerdings ein großes Unglück, * Reb Meier. Aber weshalb singen Sie denn?" „Weshalb ich singe? .Erinnerst Du Dich, daß ich in Tränen .ausgebrochen war,. als ich die achtzehntausend Rubel zurückbekommen hatte. Damals war es gut von 'Dir, daß Du mich * nicht nach dein Grunde meines Kummers gefragt hast. Jetzt aber will ich es Dir erklären. Ich mußte weinen, weil 'mir alles geglückt war. Ich hatte alles. Und es war mir. zum Bewußt- , Bein .gekommen, daß es mir nie mehr besser gehen werde, 'eher schlechter. Du eichst, ich habe recht behalten. Aber jetzt, da ich nichts mehr besitze,, da es nicht mehr schlimmer werden kann; singe ich. Jetzt kann es nur besser werden."' " *" i (Autorisierte Oberiettttng - von Dr. Bernhard H'i r s o h ber g. Ö oh r a d e r) östliche Tonfall des ebenfalls solistisch mitwirkenden Edgar A1 e xanderin besonderem Maße die Hörer hinriß. Anläßlich ihres' 10jährigen Bestehens veranstaltete die J tt d i - sehe Orchester Vereinigung unter'Leo Kop f ein Jubiläumskorizcrt Was hier erreicht wurde, bewies eine Klangfülle mit Weichheit verbindende, vielleicht etwas stark abgeklärte Wiedergabc eines Händclschcn Ctmcerfo grosso. Stofan-Fronkcl spielte Goldmarks, auch heute' noch .fesselndes Violinkonzort mit virtuosem Können' und wunderbar zarter Tongcbungi vom Orchester anschmiegsam begleitet. Eine schwungvolle Aufführung von Mendelssohns Italienischer Symphonie beschloß den Abend. t Mode rne j üdis che'Liedkunst. hörte man bei Hans Baer; itt seinem „Versöhnungstng" sowie in' den Kompositionen von Bruno Glade, Ludwig Schlesinger und Jacob Schönberg erscheint manches Beachtliche; charakteristisch überall die knappe, auf das Nachspiel verzichtende Anlage. Lea Koppel sang, mit intensivem Ausdrucksstrcben, 'aber stimmlich oft unausgeglichen, namentlich in den Außenlagen. Dvpraks f-nioll-Trio' erfuhr durch Charlotte Rosen, G. Zeolandcr und Hans Baer eine frische und sinngemäße Wiedergabo. H. F. Oper auf dem Podium^ Operngemeinfchafi fpielt „Bärbier von Bagdad" Ein Versuch, der ab geglückt bezeichnet, werden muß. Kaum eine andere Oper wäre i wohl zu diesem Zwecke geeigneter, gewesen, als dieses lustige, hciter-bcschwingte, musikalisch reizvolle Werk des Komponisten Peter Cornelius. Demi der entscheidende Wert dieser Opera comique liegt weit mehr in ihrem Melodienreichtum als in der. weniger handfesten Bühnenhandlung. Die „Operngomoinsefaaft der Künstlerhiilfe" hat mit der Verpflanzung dieseB Werkes auf dos Podium immerhin ein Wognis auf sich genommen, aber sie hat auch dafür gewonnen. Ernst Ewald Gebert, der Leiter deB Opernstudios, hat das Ensemble durch straffe Führung zum vollen Einsatz seines gesanglichen Können» emporgerisson, so daß es eine künstlerisch abgerundete Leistung bot. Überragend Kurt R a h m e r, dessen Baßbariton nicht nur voluminös, sondern zugleich warm Berliner Konzerte Ein vorbildlich abwechslungsreiches Programm brachte das Konzert des Kulturbund-Opernchores unter Leitung von Herfhold Sander. Vor allem erschien auf ihm, erstmalig in unseren jüdischen Konzerton, mit einer achtstimmigen Motette Heinrich Schütz,, der führende deutsche Musiker des 17.' Jahrhunderts und einer der genialsten Meister aller Zeiten, 'dessen Kompositionen alttestamenuicher Texte wir in seinem 350. Geburtsjahr neben denen der 250jährigen „Jubilar»" Bach und Händel nicht vergessen sollten. — Neben Schütz gab es Madrigale von Poles trina und H. L. Haßler, die sehr klangschön, aber zu schwer und dynamisch überschattiert herauskamen; Schwelltöne und glissandi sind hier stilistisch nicht möglich. Die Volksliedbearbeitungen von Ochs wollen — mit Ausnahme der ausschließlich heiteren — heute nicht mehr sonderlich überzeugen; in der Wiedergabe störten einige Intonationsschwankungen. Das ganze Können der Chores zeigte , sich dagegen im dritten Teil, der aus Sätzen moderner jüdischer Musiker bestand. Ein „Geistliches Lied" von Rose Geiger- Kullmann läßt irgendwie aufhorchen, wenngleich es sich sehr an kirchliche Schreibart anlehnt. Walter Hirschbergs 125. Psalm wirkt etwas farblos. Recht wirkungsvoll dagegen die palästinensischen Liedbearbeitungen I. Brandmanns und A. Rothmüllers sowie die jiddischen Sätze.M. Widetzkis, .0. Guttmanna und I. Gladsteins, bei denen neben der schönen Stimme Hilda Linda der echt und satt im Ton klingt, und der'seinen Part nobel und doch dabei humorvoll nuanciert interpretierte. Die Tenorpartie' hatte in 'Richard Dresdner, der im zweiten Teil des Konzerts seine Stimme wesentlich freier; sicherer zur Geltung brachte und der über ein angenehmes Timbre verfügt, einen Vertreter von Niveau. Die Frauenrollen waren bei Hildegard Lind (Sopran) und Marianno Schogland-Losch. (Alt) gut aufgehoben- Besonders rein im. Zusammenklang die Terzette und Quintette, die eine ausgefeilte, intenaivo;Arbeit und dio Disziplin des Ensembles (zu dem sich' hoch Edgar Lissner, Dr. Fritz Salomonaki, Bernhard Chrzelitzer, Rolf Nilbera und Willy AxsonBOn gesellten) verrieten. Stürmischer. Beifall für alle Beteiligten bewies den vollen Erfolg der Veranstaltung, der sicher weitere folgen werden. H. R. . Meinhart Maurrezitiert Wer Spukgeschichten liebt, grausig-phantastische Erzählungen, der konnte bei Meinhart Maur ganz auf seine Kosten kommen. Man lernt bei ihm das Gruseln-aus dem Effeff, so'packend-eindringlich läßt er gespenstische Geschehnisse, dämonische Gestalten auf die .Zuhörer los. Sie können sich seiner virtuosen Rhetorik nicht entziehen und weiden benommen in seinen Bann gezwungen. Es war gut, daß bei dem Vortragsabend im Cafe" Leon'neben der Phantastik (E. T. A. Hoffmann, E. A. Poe, Anton Tschechow, dessen nervenaufpeitschende Erzählung „Nacht dor Schrecken" zum Schluß eine so befreiend harmlos-heitere Aufklärung findet) dem Humor ein größerer Spielraum eingeräumt war. Aphorismen von Shaw und wilde, Gedichte von Christian Morgenstern aus „Pabnström", Palma Kunkel" und aus den „G^gcnliedern'" stellten bald wieder, das seelische Gleichgewicht her. Weit war das Programm gespannt, das Meinhart Maur mit dynamisch gesteigerter VortragskimBt sich zum Ziel gesetzt hatte: Von Frank Wedekind über Mark Twain, Wilhelm Busch und Franz Molnar, dessen witzige Erzählung „Die Ananas" (eine heitere Angelegenheit in acht Briefen) den meisten Beifall fand, zu' Scholcm Alojchems „Menachem Mendel wird — Schadehen". Und es gelang ihm durch die reiche Skala seiner Ausdrucksmöglichkeiten, stärkste, nachhaltigste Wirkung auszulösen. ro. Die hundertjährige „Jüdin" Eine Oper jubiliert — Das Libretto des Vielfchreibers — Das „Paradies der Harthörigen" Siegeszug — Ein gelüftetes Geheimnis — Der Tod in Nizza - Der In das gleiche Jahr, in dem Heinrich Heine gezwungen wird, von Paris aus die vergifteten Pfeile abzuwehren, die aus Deutschland gegen ihn gerichtet werden, in dem ein junges Mädchen namens Elisa Rachel vom Th^atre Fran^ais wegen Talcntlosigkcit abgewiesen wird (von derselben Bühne, auf der sie später als geniale Tragödin die Franzosen zu jubelnden. Ovationen hinriß), da Meyerbeers Ruhm bereits in hollem Glanz erstrahlte, — in dieses Jahr fallt dor nach vielerlei Enttäuschungen schnelle Aufstieg des Komponisten einer der meist gespielten Opern. Am 23. Februar werden es hundert Jahre, daß Jacques Fromental HalÄvys fünfaktige Oper „Die Jüdin" zum ersten Mal auf der Bühne erschien:"' ''-'' '•.....' '•"*"~''•"; "' "'" ' "' ' Zwischen hoffnungsfroher, fiebernder Erwartung, und Mutlosigkeit hin und her geworfen, hatte HaliSvy dos Libretto des Vielschreibers Eugen S c r i b e — unter seinen mehr als drei- Jacques Fromental Hale'vy, w«e er wirklich7 aussah . . . '*£ N-fVü i A £. *i . ^.Ll *Ju*J ... und wie ihn die zeitgenössische Karikatur zeigte. hundert Theaterstücken befinden sich nicht weniger als fünfzig Opernbücher —, das, um es modern , auszudrücken, die Judenfrage behandelt, in die nuancierte- Musiksprache menschlicher Leidenschaften, der Liebe, des Schmerzes, des Hasses und dcB Mitleids übersetzt. Nur-mit dem Aufgebot äußerster Willenskraft hatte er die Oper zu Ende geschrieben, teils in seiner Wohnung, teils in seinem Amtszimmer, das er damals ob Gesangsdirektor der. Pariser Großen Oper innehatte. Viele Änderungen textlicher und; musikalischer Art waren notwendig gewesen, ehe mit den Proben begonnen werden" konnte. , Ausgezeichneten Künstlern waren die Partien des Juden Eleazar und der Recha anvertraut. Die Inszenierung hatte einen so großen' Aufwand erfordert, daß die Pariser'dos Werk nach der Premiere mit dem Spottnamen „Opera Franooni", Kunstreiteroper, belegten. .. Der Direktor.,des .Theaters der Königlichen Akademie der Musik in Paris, Louis Ve'ron, hatte die Kosten nicht < gescheut. Ve'ron hatte . kurz., zuvor die Stellung des Direktors der Pariser Großen Oper bekleidet. Heine stellt ihm kein sehr günstiges Zeugnis aus: „Der. große Veron und das große Publikum verstanden, sich: jener wußte, die Musik unschädlich zu machen und gab unter dem Titel Oper nichts als. Pracht- und Spektakel-Stücke; dieses, das Kroße Publikum, konnte mit seinen Töchtern und Gattinnen in die Große Oper gehen, wie. es gebildeten Ständen geziemt, ohne vor Langerwcilo zu sterben. . . . Nichts übertrifft den Luxus, der in der Großen Oper überhandgenommen, und diese ist jetzt das Paradies der Harthörigen," Vielleicht war es. gerade der große Aufwand für die Ausstattung, der bewirkte, daß „Die Jüdin" bei der Uraufführung mit kühler Zurückhaltung aufgenommen -svurde. Um so. sicherer setzte Bich der Erfolg. durch. Nicht nur in Paris. Leipzig folgte mit der Aufführung der „Jüdin" noch im gleichen Jahre, und in schnellem Zuge eroberte sich die pathetische Gewalt und die Lyrik der Halfivyschen Musik die Herzen der Opernbesucher in Frankfurt, Wien, Kassel, Hamburg, Dresden. Die Berliner Hofoper brachte das Werk allerdings erst zwölf Jahre später, am 12. Februar 1847, heraus,, um dann jedoch in den nächsten Jahrzehnten eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Aufführungen folgen zu lassen. Albert Nie mann und Wachtel waren hier die größten Vertreter des Eleazar. ' Die in jedem Sinne jüdischem Geist entsprungene; Oper, in der uralter Judenschmerz ergreifenden Ausdruck findet, in der dor wilde Aufschrei der Verzweiflung ertönt und 'der Scderabend aus tiefstem Gefühl heraus melodisch charakterisiert wird, war nicht das erste von altjüdischen Molodien durchzogene Werk Jacques' Fromental HaleVys. Schon als 21 jähriger hatte der Sohn des hebräischen Dichters Eli Halevy, den das- Schicksal von Fürth nach Paris verschlagen hatte, einen hebräischen Text des „De profundis" für großes Orchester auf den Tod des ermordeten Herzogs von Börry komponiert, das im Israelitischen Tempel in Paris aufgeführt wurde. Diese Komposition von tief religiöser Färbung erregte Aufsehen und lenkte dos öffentliche Interesse auf den jungen Musiker, der kurz zuvor den Römerpreis erhalten hatte. \ Während Halevy schnell zu Würden-'und. Beschäftigung am Theater kam, blieben seine sehnsüchtigen Wünsche, mit eigenen Opernwerken auf die Bühne zu kommen, lange unerfüllt Gegen die unvorstellbare Popularität Meyerbeers, Rossinis und Cherubinis, gegen die Beliebtheit Aubers und des „Zornpa"- JRn'ponisten Herold konnte der jugendliche Halevy nicht aufkommen. So blieb eine Reihe von kleineren Opern in den Archiven der Theator begraben. Nicht ohne Neid mochte er bei der EuiBtudierung fremder Opern mithelfen, während seine eigenen. Arbeiten. . zum Teil unbeachtet blieben, zum Teil durch widrige Verhältnisse trotz Annahme nicht aufgeführt wurden. Erst der Tod seines Gönners und Freundes Herold öffnete ihm den ersehnten Zugang zur Bühne der Großen Oper. Hale'vy war dazu ausersehen, Beinen Namen mit dem des toten FreundeB zu vereinigen, als er den ehrenvollen Auftrag erhielt, Herolds hinterlassene Oper,.Ludovic" zu vollenden. Mit großer Liebe unterzog er sich dieser pietätvollen Aufgabe, und als die Oper zunächst unter Herolds Nomen vor die Öffentlichkeit kam, blieb es nicht lange Geheimnis, daß gerade die wirkungsvollsten Nummern der Schöpferkraft Halcvys ihre Entstehung verdankten. Das selbstlose Zurücktreten vor dem Werk, das dem bescheidenen Wesen Halcvys entsprach, trug zu seiner Beliebtheit nicht wenig bei, und er fand nach vollendeter Lösung seiner Aufgabe den Weg zu glänzenden und großen. Erfolgen offen. Die Erwartungen, die die Zeitgenossen an seinen: Namen knüpften, erfüllte HahSvy durch seine nächste Oper „La Juivc", Er wurde mit Ehrungen aller Art überhäuft. Er enthielt das Kreuz'der Ehrenlegion, er wurde Mitglied der Akademie; der Herzog von OrHans ernannte ihn zum Dirigenten seiner Privatkapelle. Andere Würden folgten. Der Politik wurde er verbunden, als ihn im Jahre 1848 die Association des artistes-mumeie^ns zum Mitglied der französischen Nationalversammlung, bestimmte. Noch einmal behandelte Hale'vy in einer Oper ein jüdisches Problem, und zwar in „Der ewige Jude", einer Schöpfung, die 1852 entstand, ohne jedoch nachhaltige Erfolge zu erzielen. Als Hale'vy am 7. März 1862 in Nizza, wo er nach rastloser Arbeit Erholung finden sollte, starb, hinterließ er zwei TOperii, darunter eine mit dem Titel „Noah oder die Sintflut", die von .seinem Schwiegersohn,. dem genialen Schöpfer der „Carmen", Georges Bizet, vollendet wurde. Heinrich. Heines .auf Meyerbeer gemünztes Wort: . „Von diesem Mann gilt. wahrhaftig das .orienv talische Gleichnis von der Kerze, die, während sie . andern leuchtet, sich selbst verzehrt" bat auch für Hale'vy Geltung. In unermüdlichem Schaffen als Komponist und au, Lehrer hatte er sich selbst verzehrt. Die Trauer über seinen Tod war allgemein. , Die Beisetzung in -Paris, in Gegenwart höchster Würdenträger, gestaltete sich zu einer-. nationalen Trauerfeierlichkeit Der. Präsident des lBraeli-, tischen Konsistoriums fand am Grabe des Schöpfers der „Jüdin" Worte, die der Empfindung der Juden würdevollen Ausdruck verliehen: „Wir französischen Israeliten waren glücklich, ihn zu den unsrigen zu zählen, nicht allein, weil er eine Zierde seines'Landes gewesen, sondern noch mehr,- weil er die Fahne seines Glaubens nochgetragen und er inmitten dieser traurigen Epoche der Gleich- . gültigkeit in Sachen der Religion den gesunden Sinn bewahrt, die Konfession seiner Väter nicht zu verleugnen, vielmehr den from- ' men. Gedanken genährt hat, daß die Kinder dem Andenken ihrer Väter Rechenschaft abzulegen haben, und daß, geboren in derselben Wiege, do« Grab sie nicht trennen soll," Als „Die Jüdin" an der Stelle ihres ersten Erscheinens nach dem Tode ihres Komponisten wieder aufgeführt und Halevys Büste, die seine Witwe geschaffen hatte, auf der Bühne bekränzt wurde, erhob sich brausender Beifallssturm. Daß diese Oper auch heute, hundert Jahre nach ihrer Entstehung, ihre. Wirkungskraft nicht \ eingebüßt hat, beweist, daß sie aus dem Repertoire ausländischer Bühnen noch nicht verschwunden ist. Eugen Tannenbaum.

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