Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 7 (13.2.1935)
- Date
- 1935-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Beilage 13. Februar 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG ' an Von Dr. WALTER BRESLAUER Auf den O/fonen Brief, den Heim Kollermann in der letzten Kummer .unseres Blattes an die Gemeinde boriohtet hat, wird Uns von Dr. Walter BreiUuor, dem Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde ju Berlin, gesohrieben: Man wird aufmerksam, wenn die „Jüdische Allgemeine", ein Blatt, daa für die Notwendigkeiten arid die Arbeit der Berliner Jüdischen Gemeinde immer besonderes Verständnis bewiesen bat, cinc,n,.Qffcnen Brief an diese Gemeinde veröffentlicht. Man wundert sich noch mehr, wenn man in diesem- Briefe liest, daß nicht grundsätzliche Gegensatze zwischen den führenden Menschen der Gemeindeverwaltung und dem Verfasser diesem die Feder fuhren. Mail kann nicht glauben, daß eine gelegentliche Bemerkung in einem Bericht des Berliner Gemeindeblattes hinreichenden Anlaß zu einem solchen großangelegten Angriff geben konnte, zumal diese Bemerkung •■ des .Gemeindeblattes ganz mit Unrecht als heftige Attacke bezeichnet wird, während sie doch nur ruhige Abwehr eines bereits voraufgegangenen Angriffe Heinz Kellermanns ist. ' Aber es scheint die Frage der Generationen zur Debatte zu stehen. Und da kann' es schon nicht wunder nehmen, daß diese Frage wieder einmal angeschnitten und untersucht wird, in welcher Weise die Gemeinde sie löst. Jede Jugend findet das Alter verkalkt', und heutzutage herrscht die Auffassung, daß die Altersverkalkung spätestens mit. dem 40. Lebensjahr beginnt. Jeder Außenstehende findet eine große Organisation bflrokratisiert, und nicht zum ersten Male müssen unsere jüdischen Organisationen diesen Vorwurf über sich ergehen lassen. Es ist stet? Pflicht der Älteren, sorgsam auf diese Stimmen zu hören und sorgsam zu prüfen, wie weit die Beanstandungen berechtigt Bind. Heute mehr denn je ist es Gebot, berechtigten und möglicben Forderungen der Jugend Rechnung zu tragen. Fruchtbar aber wird diese Untersuchung nur sein, wenn sie herausgehoben wird aus dem Gebiet der Dialektik und Polemik, wenn sie hinübergeleitet wird auf das Gebiet der Tatsachen und wenn die Frage so gestellt 'wird: „Was tut unsere Gemeinde für die Jugend?" Da nicht von jedem Leser erwartet werden kann, daß ihm die Einzelheiten: der J u g e n d p f 1 e g e a r b e i.t , unserer Gemeinde bekanrjt sind, so mag_.cirn pflegedezernates für1ÖS4. hier'yrie49rge^er«ä .,werdend '1; Turnen und Sport. Infolge der allgemeinen Verhältnisse lag dem Jugendpflegedezemat ob, in erhöhtem Maße für Trainingsstätten, Sportplätze und Turnhallen zu sorgen. Der Erfolg war der, daß neben der bereits früher bestehenden eigenen Sportplatzanlage im Grunewald zu Ende des Jahres folgende kurzfristig (gemietete Sportplatze für Rasenspi'ele zur Verfügung stehen: Sportplatz Schäfersee (2 Platze), Sportplatz Schönholz (1 Platz), Sportplatz Niederschönhausen (1 Platz), Sportplatz Neukölln (1 Platz). Zurzeit sind Bemühungen über die Inanspruchnahme eines weiteren Sportplatzes im Gange. Ferner mußten außer den Turnhallen, die in den jüdischen Schulen (Große Hamburger Straße, Kaiserstraße, Auguatstraße) zur Verfügung. stehen, noch, folgende Turnha llen hinzugemietet werden: Schule Schlüterstraße 58, Turnhalle der Adoss-Schule, Turnhalle des Reichenheimschen Waisenhauses, Turnhalle, des Aüerbachschen Waisenhauses. Es wurden ferner dem Turn- und Sportverein Bar Kochba Mittel zur Mietung einer eigenen Halle bewilligt. Daneben gingen die Verhandlungen mit den Behörden über Fr.eigabo \on Turnhallen, die nicht ohne Erfolg verlaufen. .. Für die Sportjugend wurde ferner die sportärztliche Beratungsstelle geschaffen, die eine hohe Besüchcrfrequenz aus den Reihen der Turner und Sportler aufweist. 2. Jugendheime. -Die gleichen Gründe, die zur Erweiterung der Arbeit auf dem Gebiete..des Sports führten, brachten auch eine Neugestaltung-der Jugendheime mit sich. . Bestanden Anfang 1934 neben dein Jugendheim Oranienburger; Straße. 31. nur einigewenige. Benutzungsmöglichkeiten in Gimeinder,8iimen, po wurden im Laufe des Jahres folgende neue Heimo geschaffen: Krankenhaus.Exerzierstr. IIa (3 Räume), Badstraße 35-36 (2-R^ume), Prenzlauer Promenade 176 (2 Raum«), Wehlauer. Straßo 3 (4 Räume), Pankow, Mühlenstr. 77 (1 Raum), Pestalozzistraße 14-15 (3 Baume). In Fortsetzung dieser Neugestaltung der Jugendheime sind noch vorgesehen: Frankfurter Allee 56 (4 Räume), 'Prinzregentenatraße (3 Räume). Hierfür werden demnächst Räume, die' bisherunzweckmäßig gestaltet waren, umgebaut. ' Kottbusser Ufer 48-50 (4 Räume). ' Nach'Auszug des; Kinderhortes soll in nächster Zeit die auf, dem Grundstück Britzer Straße stehende Baracke für Jugendheimzwecke, umgestaltet werden. , 1 Neben den eigenen Heimen hat das Jugendpflegedezernat in einer großen Anzahl von Fallen Subventionen tmd Sonderzuschüsse für die Heimo der Bünde. überiiommen.. . 3. Jugendherbergen. Nach , mancherlei Schwierigkeiten soll demnächst, nachdem alle erforderlichen Genehmigungen vorliegen, in-einem Berliner Vor o r t die Einrichtung einer 'Jugendherberge erfolgen. Auch an.einer zweiten Stelle ist die Umgestaltung, eines einfachen Landhauses in. eine Jugendherberge, geplant, wofür, hereita die Genehmigung der Ortsbehörde vorliegt. 4. Besondere Einriebtungen des Jagendpflegedezernats sind die Vorlehre und die Kinder-Lesestuben. Hierüber kann folgendes berichtet werden: 1. Die Arbeitsgemeinschaften für die berufliche Vorbereitung Jugendlicher (Vorlehre). Diese sind dazu bestimmt, Jugendliche, die bisher eine Lehrstellung nicht erhalten konnten, beruf «kundlich vorzubereiten. Insbesondere sollen in diese Kurse, deren Wert neben dem Beruflichen in erster Linie im Erzieherischen liegt, diejenigen jungen Menschen aufgenommen werden, die mangels entsprechender Vorbereitung auf den Schulen eine Berufsunreife zeigen und erst für ihren praktischen -Beruf einer bestimmten Vorbereitung bedürfen. Bisher befanden sich 70 Jungen in diesen Kursen, die im Frühjahr durch die Hinzunahme einer Arbeitsgemeinschaft für MMels eine entsprechende Ausdehnung erfahren wird. 2. Kinderlesestuben. Neben den bisher vom Wohlfahrtsamt geschaffenen Kinderhorten wurde in vier Bezirken' Kinderlesestuben geschaffen. Die Kinder haben hier die Möglichkeit, gute deutsche und jüdische Liternrur zu lesen, Schularbeiten zu machen und Gymnastik zu treiben. Die Kinderlesestuben werden durchschnittlich täglich von 180 Kindern in Anspruch genommen. — Im Jahre 1935 Bollen drei weitere Kinderlesestuben in denjenigen Bezirken geschaffen werden, in denen bisher Einrichtungen der jüdischen Gemeinde für Kinder fehlen. Es mag sein, daß bei der bevorstehenden Tagung der Jugend- Organisationen diese Leistungen noch als ungenügend bezeichnet werden konnten. Dean Jugend ist ihrer Art nach stürmisch und ungeduldig und kann keinen Sinn'haben für o-**>■ die Beschränkungen, die finanzielle Notwendigkeiten dem Leistungsbedürfnis auferlegen. Vor jedem ruhigen Urteil kann das, was getan worden ist, in Ehren bestehen. ' Neben der eigentlichen Tätigkeit des Jugendpflegedezcrnats steht das, was auf dem Gebiete der Jugend Wohlfahrt, auf dem Gebiete des Schulwesens geschaffen..worden ist. Hierüber mag ein ander Mol eingehender berichtet-werden. Aber Heinz Kellermann kritisiert, daß nicht genügend Bildungsmöglichkeiten geschaffen seien und daß der Kulturbund, das. Leh"rhaus,'-das I^hrereerniriar -th^tanderi-iieiTO,- «war-teirw«ise-untBr- Mitwirkung der Gemeinde, aber' iucht;m der, Gemeinde. , \ Ich glaube, dieser Vorwurf Heinz Kellermanns läuft darauf, hinaus, daß die Gemeinde zu. wenig bürokratisch sei. Nicht alle Anregungen können ausgehen von Personen, die gerade in der Gemeindeverwaltung Bitzen, .und wir wollen uns freuen, daß andere geistige Kräfte des Berliner Judentums durch den Anschluß zur Schaffung des Kulturbundes .Deutscher Juden und zur Ausgestaltung der Freien jüdischen Volkshochschule, die jetzt meist Lehrhaus genannt wird, geistig befruchtend für das Berliner Judentum gewirkt haben. Aber der Kulturbund würde nicht bestehen, wenn nicht die Gemeinde ihm im schwierigsten Augenblick stützend und helfend zur Seite gestanden hätte, und das Lehr haus wird geleitet von einem Kuratorium, an dessen Spitze der Schuldezernent der Gemeinde, Herr Dr. Alexander, steht, und hat ein finanzielles Rückgrat an den Zuwendungen der Gemeinde. Wäre es wirklich eine wesentliche Forderung, eine Forderung, die der Jugend ansteht, daß deshalb diese Organisation voll in die Gemeinde hfittte eingegliedert. werden müssen? Ist im Vorstehenden geschildert, daß die Berliner Gemeinde bemüht ist, zu ihrem Teil an der Arbeit für die Jugend und für die geistigen Bedürfnisse der Berliner Jugend einzutreten, so soll im Folgenden eine andere Seite des Generationen-Problems behandelt werden. Jugend legt Wert darauf,' nicht autoritär regiert zu werden undibren Anteil an der Arbei.t zu haben, die' für. sie geleistet wird, Ist vielleicht an der -Berliner Gemeinde, dieser;Grundsatz verletzt worden? Nun freilich, die Herren des Gemeindevorstandes Bind mit-einer Ausnahme über, die .Verkalk'ungsgronze von 40 Jahren bereits hinaus.' Aber schon diese eine Ausnahme erfordert Beachtung, gerade in einem Blatt, das dem religiösen Liberalismus dient. Als nach dem Umbruch ein Vorstandssitz der liberalen Richtung frei .wurde, ist er besetzt worden mit dem gerade 33jährigen Bruno Woyda, dem tatkräftigsten Vertreter der jüngeren Generation der religiös-liberalen Richtung. Woyda1 ist das in diesem Moment so besonders wichtige Dezernat der Wirtschaftshilfe übergeben worden; über dessen Leistungen, ja schon häufig in den jüdischen Zeitungen berichtet werden konnte. An beamteter Stelle des Jugendpflegedezernats .waltet ebenfalls seither, worauf Kcllennann auch, hinweist, ein Führer der jüdischen Jugend; Martin Sobotker, und dessen Wirken'neben dem bisherigen Dezernenten des Jugendpflegedezernats, .Wilhelm Graetz,.iat es zu danken, was auf dem Gebiete der Jugendpflege und ebenso-auf dem Gebiete der Jugendwohlfahrt geschaffen werden konnte. Als bei der Verlängerung der Legislatur- Periode 1934 die 'zionistische Seite Wert darauf legte, an beamteter .Tätigkeit im Jugendpflegedezeraat. ebenfalls beteiligt zu sein, ist wiederum, ein Vertrauensmann der bundischen: Jugend dieser Richtung, Heinz Engländer, in das Dezernat eingetreten. Aber ich sehe, daß sich Heinz Kellermann ja in diesem Artikel dagegen verwahrt, die „leidige" — tatsächlich so ungeheuer wichtige — Gerterationenfrage angeschnitten zu haben. Es handelt sich für ihn nicht um eine Altersfrage, sondern um eine soziale Frage. Und an anderer Stelle wird er noch deutlicher, indem er schreibt: „Auch der hündische Führer braucht einen Beruf, Warum sollte er ihn nicht in der Gemeinde finden und gut ausfüllen können?" . . . „Bei unserer Bitte denken wir gerade an diejenigen aus der Reihe unserer' älteren evtl. erwerbslosen Kameraden, die mitunter ein geistig hochwertiges Material darstellen. Es sind Akademiker darunter, die sich früher niemals-zur Arbeit in; der Gemeinde bereitgefunden hätten. Es geht aber auch um die kleine Stenotypistin aus dem Bund, die ebenfalls darauf hofft, daß die 'Verwaltungskörperschaften der Gemeinde, zu der sie eich nun einmal bekannt bat, auch für sie Arbeit' und Brot haben." Die soziale Frage, die Frage der Arbeitsbeschaffung ist gewiß heutzutage eine Zentralfrage für das deutsche Judentum und für seine Jugend zumal. Die Frage aber, ob gerade Menschen aus dem Bund gewisse Arbeitsplatze, die an sich mit hündischer Arbeit nichts zu tun hatten, einnehmen sollen, dieser Frage Heinz Kellermanns möchten wir doch eine zentrale Bedeutung nicht zuerkennen. Da die Gemeinde ja schließlich finanzielle Grenzen auch zu beachten hat, sind die Möglichkeiten, bei ihr selbst Einstellungen vorzunehmen, von vornherein beschränkt. Sie sind um so beschränkter, als sie sich in einer Zeit wie der heutigen doppelt und dreifach überlegt, ob man eine vielleicht nicht erstklassige, aber doch willig ihr Bestes gebende Arbeitskraft entlassen soll. Bei dieser Sachlage kann es nicht wunder nehmen, wenn von allen Seiten Beschwerden erhoben werden, die ihrem Inhalt nach einander in der Regel aufs schärfste DIE BIBEL ERZÄHLT Der Wochenabfchnitt Texaweh . enthält die VwBchiift.für das ewige Licht,. das. vor dem. Allerlieiligsten' leuchten sollte, und daa Gesetz über «JenT Räucheraltar. Den breitesten Raum in unserer Sidra nehmen die Bestimmungen über die Priesterkleider ein. Für den Hohepriester schreibt die Tora eine prunkvolle Amtatrachf vor. Das ewige Licht symbolisiert die. unzerstörbare Leuchtkraft des Glaubens.' Seine. Gesetze zeigen, uns in den schwierigen Situationen des Lebens den rechten Weg. Frommer Glaube hellt das Dunkel leiderfüllter Seelen auf und hilft ihnen, die Rätsel und'Qualen des Menschenlebens zu überwinden. Das ewige Licht im Gotteshaus symbolisiert aber auch die Mahnung; den Glauben-im Herzen nicht.erlöschen zu lassen. Religiöse Überzeugung ist weder ein Geschenk des Himmels noch unverlierbarer Besitz der Menschenseele, sie muß im Kampf mit den Erfahrungen des Lebens, die ihr zu widersprechen scheinen, und, mit den . Einwänden, die. das Denken erhebt, immer wieder errungen werden. Die Priesterkleider weisen auf die Sonderstellung der Kohanim hin. Sie allein waren berechtigt, die Opfergaben des Volkes dem Ewigen darzubringen. Ihre Würde w»r erblich. Diese aristokratische Form, der biblischen Kultus Verfassung steht in seltsamem Gegensatz zum demokratischen Grundzug des Judentums. Der Widerspruch löst sich jedoch, wenn wir beachten, daß der jüdische Gottesdienst vor', dem Eindringen heidnischer Riten geschützt werden . müßte.. Daher konnte das Recht, Opfer zu bringen, nicht jedem Israeliten eingeräumt werden. Den Dienst im Tempel zu errichten, mußte das Privileg von Priestern, sein, die ihrer ganzen Erziehung nach Gewahr dafür boten, daß sie die jüdische > Tradition ungetrübt und rein erhalten Würden. Mit der Zerstörung des Tempels und dem Wegfall des Opferkultus verloren die Kohanim ihre Bedeutung. An die Stelle des Priesteradels trat dann die Aristokratie der Bildung. Die Torakundigen übernahmen die Führung im religiösen Leben des. Volkes. Die Wert-. Schätzung des. religiösen Wissens offenbart sich darin. Sie ist Jahrhunderte hindurch im Judentum erhalten . geblieben. Seit unserem Eintritt in die moderne Kultur aber hat das Interesse sich der weltlichen Bildung zugewandt; Die Kenntnis des Judentums, seiner religiösen Gedankenwelt, seiner Quellenschriften, seiner reichen Literatur; und seiner Geschichte ist in einem erschreckenden Maße geschwunden; Das Unrecht, das frühere Geschlechter begangen haben, zu beseitigen, Wissen vom Judentum zu verbreiten, ist die Aufgabe, die uns heute gestellt ist. Ihje Lösung wird dadurch erleichtert, daß. die deutschen Juden begonnen haben, sich auf die jüdische Substanz ihres Wesens zu besinnen. Lewkowitz-Berlin,