Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-02-06 · 6 (6.2.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
6 (6.2.1935)
Date
1935-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4109741-2613367-2613373--178-2614993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

2. Beilage 6. Februar 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE 2EITUNC _ \ Wie entfteht eine Radierung? Befucli im Künfiler-Atelier — Meta Cohn-Hendel demonflriert scheinen, und auf einem Wärmcrost unter die Walzen der Druckpresse geschoben, nachdem das vicrundzwanzig Stunden vorher angefeuchtete Papier zum Druck sorgfältig dnrüber gelegt worden ist. Nach dem Druck wird die Radierung zwischen Snugpappcu getrocknet. schwarz und weiß zu erzielen. Um einen körnigen Hintorgrund herauszubekommen, wird die Platte manchmal auch mit aufrauhendem Sandpapior bearbeitet. Die strenge, reinere Linie der Zeichnung wird durch die zweite Methode, die Ätzung, erreicht." Die Künstlerin holt eine Kupferplatte herbei, die sie über einer Flamme erwurmt. Dann aberzieht sie Bio mit einer Schicht aus Wachsasphalt, das durch eine kleine Walze gleichmaßig auf der ganzen Flache verrieben wird. Aber noch immer ist die Platte nicht aufnähme fähig für die Zeichnung. Sie muß zuvor noch angerußt werden. Eine Wochsfackel wird angezündet, die Kupferplatte von einer Kneifzange erfaßt, und im Nu setzt sich dicker Ruß auf der ganzen Fläche fest. Und nun erat, nach diesen vielerlei technischen Vorbereitungen, setzt der künstlerische Prozeß ein. Das, was man seltsamerweise Radieren nennt., Um die angerußte Platte nicht durch diearbeitende Hand zu beschädigen, wird ein kleines Brettergerüst darüber aufgebaut, das der Hand eine Stütz« bietet. Dann gräbt sich die Nadel, gelenkt von künstlerischer Fantasie und plastischer Vorstellungskraft, zu strengen und zarten Konturen in das Metall ein. Eine Arbeit, die keineswegs nur Kunst, sondern auch physische Kraft verlangt. Das übrige besorgt spater die Säure. Salpetersäure, Salzsäure, Eisenchlorid und andere chemische Zusammensetzungen nach erprobten und geheimgehaltenen Rezepten. Wie aus dem hier wiedergegebenen Bild Nr. 2 ersichtlich, wird die Platte mit der eingravierten Zeichnung in die ätzende Flüssigkeit gesenkt. Die Nüancierungen ergeben sich je aus der 1. Die Zeichnung wird mit der Nadel in die Kupferplatte eingeritzt Der Weg zur Kunst ist hoch und sleil. Fünf Treppen hoch. Der Fahrstuhl, wie ortsüblich, außer Betrieb. Also zu Fuß hinauf, bis es nicht mehr höher geht. Meta Cohn-HcndelB Atelier liegt über den Dächern Berlins. In der Ferne der Funkturm. Tief drunten weites Laubengelünde, schneebedeckt. Schncemassen hüllen auch die gigantischen Bergriesen ein, die sich an den Wänden hinziehen, künstlerische Erlebnisse und Gestaltungen der Malerin und Radiererin; Ihr Atelier wirkt wie ein kleines Museum. Zwischen bunt erblühten Wiesen, leuchtenden Blumen, die sich zu faszinierenden Stilleben .yeieinen, den weißen Bändern ziehende^-Wolken, >tejlen Wogen des Meeres und dunklen Wäldern in abgeschiedener Pracht, stehen alte, kostbare Möbelstücke, Bücher in individuellen Ein- . banden. Die zarte Filigranarbeit einer Besomimbüchse aus Urvater jüdischem Hausrat, ein schicksalsreicher Sabbatbecher. Familienbildnisse, von Schmerz umrahmt. Beleuchtungseffektc, die die künstlerische Werkstatt verraten. Und immer wieder Bilder in feingestufter Buntheit. Ein Wort Liebennanns wird lebendig: .„Nur wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wahrheit gestalten können." Der Atelierbesuch gilt aber nicht der Kunst, Bondern — der Technik. Meta Cohn-Hendel ist weit davon entfernt, das Handwerkliche gering zu achätzen. Sie weiß, um mit Böcklin zu sprechen, daß ungemein viel Handwerk in der Kunst nötig ist, viel Erfahrungssache, viel Probieren, viel mechanische Arbeit. So gleicht .' 2. Die Platte wird mit Saure gelitzt denn ihr Arbeitszimmer zum Teil auch einer Werkstatt. Da liegen dicke, schwere Kupferplatten, sozusagen das Grundmatcrial der Radiererin. Breite Stichel, dicke Nadeln in handlichen Haltern und garnv dünne, wie Nähnadeln, Metallradchen, Walzen. Dickbauchige Flaschen bergen atzende Flüssigkeiten. Eine sieben - Zentner schwere Druckpresso lastet auf dem Boden. Auch-die Kunst hat ihre Werkzeuge, Rezepte und .Formeln. „Es gibt zwei Methoden, eine Radierung herzustellen", erläutert Meta Cohn-Hendel. „Die erste ist die Kai t- Nade l- Arbeit. Dabei wird die Zeichnung mit Hilfe der Radiernadel in die Kupferplattc eingegroben, in tiefen oder leichteren Strichen, um. einen möglichst vielfältigen Reichtum an Valeurs zwischen 3. Vor dem Druck: Einreiben der Platte mit Kupferdruckfarbe Nur wonige Menschen, die ein solches Blatt bewundern, machen sich eine Vorstellung davon, welchem schwierigen handwerklichen Prozeß es seine Entstehung verdankt. Beim Verlassen des Ateliers fallt dem Besucher eine Schwind- - Anekdote ein. Eines Tages war der Kunstfreund Ludwig I. von Bayern in Bein Atelier gekommen. Aufmerksam betrachtete er die Photos Sonnenfeld 4. Der letzte Prozeß: Das Papier wird in der Presse vorsichtig auf die fertige Druckplatte gelegt Dauer, mit der die Säure auf die Platte einwirkt. An einer Stelle genügen zwei Minuten, bei anderen dauert es zwei Stunden, bis die SSure sich genügend eingefressen hat. Damit diejenigen Partien, die der atzenden Flüssigkeit nicht langer ausgesetzt werden dürfen, geschont werden, werden sie mit flüssigem Asphalt zugedeckt. Endlich ist die Radierung für den Druck fertig. Die Platte, auf der die Zeichnung natürlich im Negativ erscheint, wird gründlich abgewaschen, mit einem in Kupferdruckfarbe getauchten Lappen eingerieben, derart, daß die Vertiefungen im Druck ordert aufgestellten Bilder und überhäufte den Maler mit Lobeserhebungen, die in den Worten gipfelten: „Sie haben Genie." Moritz von Schwind, ungehalten darüber, daß solchem Lob nur selten ein Ankauf oder eine Bestellung folgte, erwiderte darauf: „Geld wäre mir lieber." Radierungen sind nicht unerschwinglich im Preis. Auch die jüdischen Künstler unserer Notzeit würden es dankbar begrüßen, wenn sie weniger gelobet und fleißiger gekauft würden. E. T«. Lecho daudi im Eismeer ' ■ . Eine überrafchende Einladung — Kiddu/ch in der Kabine — Das Köfferchenfpiit den Sabbatleuofitern / Von fritz ldwe Auf einer Norwegen-Reise lernte ich eine angesehene Persönlichkeit aus New York kennen, die mich durch ihr tiefes, Wissen und seltene Herzensgüto so fesselte, daß ich mich an sie anschloß. Eine Reise nach den norwegischen Fjorden muß man Belbst erlebt haben. Jede Beschreibung versagt gegenüber dem Zauber der Wirklichkeit. Je höher man nach Norden kommt, um so gewaltiger, majestätischer wird die Natur, bis . sie an der Grenze des ewigen Eises in der lichtumstrahlten Schönheit der arktischen wunderweit mit ihren farbenfrohen Stimmungen ihren Höhepunkt erreicht. Ein unvergeßliches Erlebnis die Fahrt über Trenobjem, Bodö durch dos Land der Mitternachtssonne nach Svolvflr, das wir gerade an einem Freitagabend passierten, und weiter hinaus in die arktischen Gestade. Ich lehne an der Reeling, betrachte die Welt der Lofoten, die mit ihren engen Sunden, grandiosen Felsengtürzen und Gletschern! die Schönheit und .überwältigende Größe des Hochgebirges mit dem schäumenden Ozean zu einem wunderbaren Ganzen vereinigt. Da legt sich eine Hand auf meine Schulter. Mein amerikanischer . . Reisegenosse fragte mich, ob ich mit ihm inmitten dieser' grandiosen Natur Freitagabend feiern wolle. , In seiner Kabine sah es festlich aus. Auf dem Tisch lag eine frische weiße Decke. In silbernen Leuchtern brannten die Sabbatlichter. Nicht fehlte der schöne gebräunte Barches unter der bestickten Decke, nicht der, Wein . und der hohe silberne > Becher. Mein Freund hatte ein gesticktes Hauskäppchen aufgesetzt. Als ich eintrat, rief er mir lächelnd ein herzliches „gut Schabboa" entgegen. Dann leitete er diese eigenartige Freitagabendfeier mitten im Eismeer mit dem Lied: „Schalom nlechem ein. Ergreifend klang das Lied der FriedenBengel, die nach einer alten volkstümlichen Vorstellung am Sabbat den Juden aus dem Gotteshaus heimgelciteten, durch den festlichen Raum. Dann verrichtete er den ICiddusch, die Zeremonie der Sabbatweihe, und sang' den Segensspruch so ^.wunderbar innig, daß ich glaubte, die Stimme, des Chasan - in" meiner heimatlichen Berliner Synagoge zu vernehmen. In diesen feierlichen Stunden fiel immer wieder mein Blick durch das geöffnete Kabinenfenster auf das herrliche, von der Mitternachtssonne hell überstrahlte, an uns vorbeiziehende Panot rama. Ein Labyrinth von Felsenkuppen hebt sich aus dem Meere. Sturmschwalben, schrilUcreischende Möven und Eissturmvögel umfliegen das Schiff. Blutrot loht der Horizont. Das funkelt auf den Gletschern, als hatten Berggeister ihr Geschmeide dort aus* gebreitet. Zerrissene Febenkuppen tragen Halsketten blitzender Schneekristalle. Immer phantastischere Formen nehmen die Berge dieses geheimnisvollen Labyrinths an. In rosige Schleier hüllen sich die Gletscher. Die Mitternachtssonne gießt ihr Zauberlicht über die steil ins Meer stürzenden Wände.-. Als ich meinem - Gastgeber mein Erstaunen ausdrückte über seine . herrliche . Stimme- und die Gewandtheit, -mit der er die Gesänge vortrug, erzählte er. mir lächelnd, daß er in einem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.