Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 5 (30.1.1935)
- Date
- 1935-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613372--165-2614979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2. Beilage 30. Januar 1935 JÜDISCHE AUGEMEIME IMITUNG Eine junge Bildhauerin Viola Soehms Schaffen Von Dr. ERICH LICHTENSTEIN Sic stammt von Vater und. Mutter hör aus einer Warenhaus- Dynastie. Seit Generationen Menschen des praktischen Lebens, kaufmännisch und organisatorisch begabt. Der Bruder der Muttor freilich Ballon mit deutlich erkennbarem Einschlag literarischer und künstlerischer Neigungen. Der Schocken Verlag ist seine Schöpfung, wie es heißt, sein liebstes Kind. In solchen Familien ist es keine Seltenheit — man gedenke der Buddenbrooks''— daß ein spätes Reis sich ganz der Kunst ergibt, daß die Lebenskräfte sich zu künstlerischer Leistung entfalten. Es ist gleichsam genug getan in zweckhaftem, das Außen bewältigendem Tun. tvtildc der Geschäfte, der Geschäftigkeit entsteht der Wille zur KJunst, einer' ganz anders gearteten Lebensführung, die den Menschen auf Bich stellt und ihn einBam macht. So wurde die Bildhauerin Viola Boehm. Ihr erstes künstlerisches Erlebnis war die M u s i k. Sie 'studierte Gesang und; bildete ihre Koloraturstimmc aus. A,bßr aje fon^ hierin, nicht volles.?""~tr7F%%?m<s,„, ri< - Mff^.*. < i r v^'^p***-*"' >/,V u Z -Viola Boehm Genüge. Der künstlerische Drang Buchte und fand den ihr gemäßen Weg, sich zu offenbaren. Sie entdeckte die Gabe, zeichnen und modellieren zu können, worin sie Erncsto de Fiori ermutigte und unterstützte. Doch die, Herkunft ihres bildnerischen Könnens aus dem Geist der Musik verleugnet Bich nicht. Alle Bildnisse,' die Viola Boehm schafft, sind von einer lyrischen BewegtKeii"iffüllt iincT weisen, wie alle neue Kunst, bei aller Abgeschlossenheit Über sich hinaus. Es ist, als ob durch diese Portrfits «in unendlich zartes Zittern rinne, das den Betrachter geheimnisvoll anzieht. So bewähren sich dio Gesichter und Gestalten Viola Boehms vor allem durch den Ausdruck eines leidenschaftlich getriebenen Menschen, der ihnen ein besonderes . Geprttge gibt. Ebenmaß und AuBgcglichenheit der Proportionen, das Ideal griechischer Plastik, darf man hier nicht suchen. Nicht um die lormung des Schönen geht es, sondern um das Erfassen des Charakteristischen, des Besonderen, um die gotische Offenbarung des Scelenhaftcn, das sich des Stoffes bemächtigt als des Mittels, sieb durch ihn auszusprechen. Dadurch ist diesen Bildnissen mit ihrer nervösen Flächcngcstaltüng eine intensive Lebensnahe eigen, die das Wesentliche der Dargestellten enthüllt. Nicht etwa in einem naturalistischen Sinn. Denn die Kunst dieser Bildbauerin unterliegt einem ihr vielleicht unbewußten Stilgefühl, das an archaische. Formenelemente erinnert. Dafür spricht ebenso die einfache Flächenbehandlung, wie die Ökonomie der Mittel, die alle Effekte verschmäht.' Diese Kunst kommt aus dem Innern, will nur durch sich seihst wirken, und gerade darum geht von ihr eine starke Ausstrahlung aus. , Man betrachte eine der neuesten Arbeiten der Künstlerin. Eine ünnigo Frauengestalt mit abgeschnittenen Armen, auf den ersten Blick an die Venus von Milo .erinnernd. Aber von der. erhabenen Gelassenheit der Göttin ist keine Spur. Nichts erinnert an ihre griechische Schönheil. Durch dos unregelmäßig gebildete, ausdrucksvolle Gesicht, durch eine geringe Drehung des Oberkörpers, durch eine leise Wendung des Kopfes intrigiert Viola Boenm geradezu gegen dio Vollkommenheit ihres Vorbildes. Aus der Göttin ist ein irdisch Weib geworden. Das Gesetz, unter dem diese Gestalt steht, hat sich ebenso, grundtegend gewandelt, wie das Verhältnis zur Wirklichkeit überhaupt. In diesem Sinno sind die von Viola Boehm modellierten Menschen, so porträtähnlich sie Bind, in hohem Maße SelbsJdarstellungen ihrer Schöpferin, die allen ihren Geschöpfen ein Stück ihres eignen rastlosen und sehnsüchtigen Herzens mitgegeben hat. Denn, die?« Bil^hwerin inj nicht gestillt in sich, nicht gesättigt vom Glück des Seßhaften,' sondern aie_ ist gleich der Gemeinschaft, der sie entstammt, in Spannung, rie verzehrt sich in der Erwartung und lebt in ewiger Wanderschaft nach immer neuen Zielen. Die Anekdote f)er Wunder-Rabbi Während des Kriege^ lag ein deutsches Regiment in eiueni palizischem Städtchen, d^s der Sitz eines chqssidischen Wunder- Rabbi war. Der Hauptmann hatte viel Rühmens von den geheinuüV vollen Künsten des Rabbi gehört uiul war neugierig, den „Heiligen", der mit Geistern und Dämonen Umgang pflegen sollte, persönlich kennenzulernen. Er lud den Rabbi also zu sich ins Quartier und eröffnete die Unterhaltung mit folgender Frage: ,^ch habe, gehört, Herr Rabbiner, Sie könnten Geisler zitieren, ist das, wahr?" . „Jawohl, Herr Hauptmann", entgegnete der Rabbi schlagfertig, „sie kommen nur nicht." . - , Ben-Chorin. Drei Lyriker fchreiben Im Kulturbund kamen am Dienstagabend drei jüdische Dichter zu Wortt Arthur Silbergleit, Manfred Sturraann und Max Z o d y k o w. Von jedem dieser Lyriker.veröffentlichen wir .nachstehend ein für seine Schreibweise mnrkantcB Gedicht ARTHUR SILBERGLEIT Pitgerheimkehr Und tausend Wälder rauschen oft In mir zu einem Psalm zusammen, Und was sie einst durchbangt, durchhofft, Gewinnt hier Gnade und Verdammen, Die Wucht des Urtons kraftgeballt; Und überbraust die Adlerschreie. Doch manchmal sehnt sich heim ein Wald N^ch seiner Brüder Segensweihe. P.a wird aus meinem Psalm Gebet, Ein dunkles Kronenrauschen weht Durch meiner Worte Pilgerreihe, Die wieder gern nach Hause geht. MANFRED STURMANN Der fiebente Tag Am siebten Tage aber ruhte Er, So Er sein Werk vollendet vor sich sah, In Seinen Himmeln, doch der Erde nah, Und Seine Schöpferstimme rief nicht mehr. Die junge Erde war ein Palmenhain, Ein Beet, auf das der Regen Segen goß. Es standen Berge, und im Tale floß Der Strom. Die Äcker trugen Brot und Wein. Da feierten die Wasser und der Wind, Und tiefer Friede lächelte ringsum. Es feierten die Wesen, und ein Leuchten lind Lag über allem, was der Herr erdacht. Zu Seinen Füßen standen Engel stumm Und hielten um der Schöpfung Sabbat Wacht. MAX ZODYKOW An meine Brüder in Israel Mein Ruf ist euer Wächter, Mein Schauen euer Auge, Wenn ich zu nichts auch tauge, Sinn bin ich für Geschlechter. In meinen Händen blinket Das Go,ld kommender Gärten, Aus vielen Schicksalshaften Schicksalsversöhnung winket. Nur müßt ihr endlich glauben, Gleichviel an was, an wen, Nur müßt ihr endlich seh'n Des Herrn heilige Tauben. Ihr Flügelrauachen bändigt Das Ungestüm der Seele, Verscheucht wird alles Scheele, Gott sich uns neu einhändigt. Verloren war das Ziel Im zielvoll hastigen Schweifen, Nun naht ein neues Reifen, Denn Judesein gilt viel. Nicht Hymnus, hohe Ahnung Treibt keck mich, dies zu sagen, Ich bin ein Tag von Tagen, Und mein Wort sei nur Mahnung. Wer sollte unser Wächter, Wer unser Auge sein — Ewig sind wir allein Und kämpfen Tür Geschlechter. Die große Wandlung / Novelle von HELEN HERZ Nun war Toni allein. Bedrückend lastete die Stille der neuen kleinen Wohnung auf ihr. Oft ertappte sie sich dabei, daß sie ungläubig horchend dastand, von diesem ungewohnten Schweigen wie in eine eisige Wolke gehüllt. Elf Jahre hindurch hatte Helmut seine Frau ständig in Atem gehalten. Es waren nicht allein die hundert kleinen Alltagsdingc, für die Toni zu sorgen hatte. Es war auch der fröhliche Lärm gewesen, mit dem der Mann in ständig wechselnden Nüancen das Haus erfüllte: sein Schlüsselgerassel, wenn er heimkehrte, sein rascher fester Schritt im Flur, sein lautes Singen beim Baden, sein Pfeifen beim Zeitungslescn — — — Die plötzliche Leere ihres vereinsamten Lebens war für Toni jeden Tag von neuem wie ein Schlag. Eine geschiedene Frau — das hieß also: geschieden von aller Freude? Toni suchte vergebens, aus dem Chaos der Geschehnisse ein logisch klares Bild für sich zu gewinnen. Allmählich kam Ordnung in das Erinnern: Die politischen und sozialen Veränderungen hatten entscheidend und umwälzend in dio Existenz von Tausenden eingegriffen. Helmut und Toni — bis dahin in einem sorglos und geregelt hinfließenden Dasein verankert — sahen sich plötzlich erschreckenden Problemen gegenüberstellt. Der Augenblick verlangte Entschlüsse und Energien. In dieser Situation verlor Helmut die Nerven — so nennt man das in gedankenloser Sprachgewohnheit. Aber was er verlor, war etwas ganz anderes: angegriffen von einer Seite, die nie als Angriffsfläche empfunden worden, sah er sich plötzlich wie auf einer treibenden Scholle von der Sicherheit seines Bodens fortgerissen I Scino Stellung schien gefährdet— Inhalt und Sinn seines Lebens, sein Beruf war bedroht — — und Toni war es, die schuldlos-schuldig den Anlaß bot. Aus freigeisligem Milieu stammend, hatte Toni sich ihrem Manne auf dqs innigste verbunden gefühlt. Er war Christ — sie war Jüdin. Aber niemals hatten Bich aus dieser Verschiedenheit Konflikte ergeben. ' Im Frühjahr 1933 war Helmut'B Buch erschienen — das Resultat' jahrelanger, ernstester Arbeit. Nun endlich winkte seinem Ehrgeiz die Erfüllung: er sollte daraufhin die ersehnte Dozentur bekommen. Toni hatte an Helmuts Beruf nicht nur den selbstverständlichen , Anteil der Ehefrau genommen. Schon vor der Heirat für das Studium der Kunstgeschichte interessiert, betrieb sie die Mitarbeit voll leidenschaftlichen . Eifers. Oft überraschte sie*.yander8 ihr Leben sich gestalten könnte, wenn ein Kind aje brauchte den Mann durch ihren hohen künstlerischen Instinkt, durch ihre \ und Zärtlichkeit für sie hätte, kongeniale Einfühlung in sein Studium. - ' Gatten mit gleicher Wucht. Toni aber erkannte mit jedem Toge deutlicher, daß es an ihr war, die Aktivität aufzubringen, zu der Helmut niemals den Mut finden würde. Es handelte sich für sie um ein verständliches Opfer: Helmut'» geistige Entwicklung durfte nicht durch ihre Schuld gehemmt werden. Also begann sie, von Scheidung zu sprechen. Mit ehrlichster Entrüstung wieB der Mann diesen Ausweg zurück. Aber dann konnte Toni sich, einer immer größeren Unruhe nicht erwehren: sie nahm jedes Stirnrunzeln des Mannes ab) ein Symptom seines Kummers übe.r die fehlgeschlagene Beförderung. Sie belauerte argwöhnisch Ton und Ausdruck seiner Stimme, des vertrauten Gesichts, ob sjich nicht Zeichen von Widerspruch, von Ungeduld und Bitterkeit einstellten. Allmählich empfand Helmut dio Gespanntheit, durch die ihr Zusammenleben beeinträchtigt wurde. Er begann, Tonis Art kritisch zu betrachten. Erkannte sie eigentlich sein Opfer an? Sprach sie nicht manchmal lauter, als ihm angenehm war? Quälte sie ihn nicht mit unberechtigtem Mißtrauen? Es war nur der Anfang — aber Toni sah mit Verzweiflung, daß jeder Tag sie mehr von einander entfernte. Als sie nach zwei Monaten von neuem den Gedanken einer Trennung äußerte, war Holmuts Widerspruch wesentlich schwächer goworden. Die Wirkung dieser Aussprache auf Toni war vernichtend. Aber schon nach wenigen Stunden gewann sie Klarheit und Fähigkeit zum Denken zurück. Sie verließ das Haus und mietete ein Zimmer in einem anderen Stadtteil. Ihr nächster Weg führte sie zum Anwalt — die trostlos traurige Unternehmung einer Scheidungssache war damit eingeleitet r ' Die schwersten Kämpfe hat jeder Mensch mit sich allein abzumachen. Toni erlebto diese banale Wahrheit zum ersten Male im Leben. Bisher hatte' sie alles gemeinsam mit Helmut getragen — sie mußto erst lernen, mit ihrem Kummer nicht zu Helmut zu gehen. , „Einen Inhalt suchen —", dos isf für Tausende einsamer Frauen ein Problem, dessen Tragik nur selten von einem Manne erfaßt wird. ' Toni hatte während ihrer Ehe die Kinderlosigkeit mit der halb resignierten Einsicht einer Frau hjngenpnunen, der genügend andere Glucksfaktoren vergönnt wurd.cn. JeUt «her begann der Gedanke immer bohrender und schmerzlicher zu werden, wie In diese friedlich-heitere Atmosphäre dröhnte der Donnerschlag einer unerwarteten und großen Gefahr i Helmut wurde mitgeteilt, daß seine Ehe ein Hindernis für seine Dozentur bedeute, und daß man daher bedauern müsse . , . Wochen qualvollster Überlegungen und entnervender Gespräche folgten. Es traf beide In dem kleinen Nebenhause waren außer den drei Wohnungen noch drei Ateliers. Eins daypn gehörte einem Bildhauer, Werner Hatnann, der. häufig, den Besuch seiner fünfjährigen Tochter e*pnäherte sieb Toni dem Kind und gewann sich rasch die Gunst der kleinen Beate. Es kamen Stunden, die ftr Toni voll Heiterkeit . waren. Aber wenn, der lebhafte Gast ihr Heim verlassen hatte,