Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 5 (30.1.1935)
- Date
- 1935-01-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•.r^y^^':^-v'--^^^1^vv ^"fr-^"^'^^- "*. ^/W^W'*"^■ tfV ■<■>« Über den Taxen Da* Ergebnis der großen Graupe-Auktion Stand auch bei Redaktionsschluß dos Gesamtergebnis der Versteigerung aus den Bestanden der' Berliner Firmen van D i c - mon» P1' Burchard, AI tkunst - Ma r gra f über die Vortesichtigung hoben wir in der vorigen Nummer berichtet — noch nicht endgültig fest, so läßt sich doch im allgemeine^ berichten, daß die Auktion ein sehr größer Erfolg war, nicht nur für das Haus Graupe, sondern für den deutschen Kunstmarkt Oberhaupt Am ersten Tage wurden Gemälde, graphische Blatter, Plastik, Mflbeli Silber und Gläser unter den Hammer gebracht, jOrn zweiten Tage stellten sich Keramik, Miniaturen, Golddosen, Tapisserien und kostbare Stoffe dem so zahlreich erschienenen Publikum, daß die Sitzungen von den Räumen des Hhubcb Graupe nach d?m Kaisersaal des „Rheingold" verlegt, werden mußten. Wir nennen folgende Hauptpreise. Unter den Gemälden brachte der Rembrandtsche Kopf eines alteren Mannes 22 400 Mark (Taxe 30.000 Mark) und Wurde vom Hause I. u. S. Goldschmidt für einen holländischen Kunstfreund ersteigert. Die „Vcrlrünmgung" vonRubenB ging für 18300 Mark in rheinischen Privatbesitz, des Meisters. „Allegorie auf die Geschichte der Papste" für 23 000 Mark in den französischen Handel. Geschaut war dieses schone Bild, auf 15 000 Mark! Auf der Liste der nationalen' Kunstwerke stand dos Gemälde eines österreichischen Meistersum 1490,' den man fälschlich mit Dürer in o^£i?dim,f!, Betracht jbatte, und^das in der Berliner Auktion 24 000 Mark erzielte, nachdem..es auf 6000. Mark taxiert gewesen. Unter den Möbeln erbrachten die beiden Werke von David floenteen 4500 und 6750 Mark, ein großer zweigeschossiger Barockschrank Aügsburger Herkunft 1600 Mark (Berliner Kunstbandel), ein Armlehnsessel aus dem Besitz des Kaisers, Frankreich uro 1700, 3800 Mark (Gesandtschaft von Lettland), ein Paar Kleiner holländischer Armlehnaessel .aus Westfalenmit kostbaren Bezügen 7100 Mark (Dr. Landecker)'. . _ Begehrt waren am zweiten Versteigerungstage die Tapisserien. Es gab 14000 Mark für die sogenannte Luthertapisserie (Museum Weimar), 1850 Mark für die schöne niederländische Arbeit aus Wolle und Seide, frühes 17. Jahrhundert, 8000 und 10 000 Mark für r^i^mto. B?awais:Stacke. und. .5800 Mark für die vielgenannte deutsche WappentapiBserie, Sie in der Brüsseler Manufaktur gewirkt wurde. Das Silber erzielte zum Teil Preise; die weit über den raxen logen. Wir nennen s 3400 Mark für die englischen Wftrmelocken, die 1750 für Maria Theresia, angefertigt wurden, *f00 Mark für die Prunkterrine mit der Wiener Beschau und '"00..M-„ für d"5 "honen Londoner Tafelleuchter aus der Zeit von 1769. , Dr. O. B. ners^ Neuübertragung) den Anfang, des Buches Hiob und Ludwig M e i d n e r s für dieso Feier geschriebenes Manuskript ,.Der duldende Jude", das im Anschluß an das Buch Hiob Bibel-Exegese treibt, die Gestalt Hiobs als das Volkssymbol .Israels deutet und den Sinn des Begriffs jüdisches Volk vom Religiösen her klart. Auch in dieser Gelegenheitsarbeit bewahrte sich des Zeichners und Dichters Sprachkraft Ludwig Hardt sprach nuB Karl Wolfskeh.ls Lyrikband „Die Stimme spricht" das Gedicht ,;Am Seder zu sagen", das wie eine Illustration von Mcidncrs Ausführungen anmutete. Voran ging seine Vorlesung des Schlusses von Heines „Memoiren des JHorrn von Schnobelewopslri" und eine.- Szene aus Beer -Hof in anns „Graf von, Charolaia", bei dor die Antwort des roten Itzig auf die Worte des Helden: „Ihr Beid ein Jude zwar, doch auch ein Mensch" zu . einer dramatischen Soloszene wurde. . ' Ergriffenheit und Beifall waren stark.yj L.W. Hauptntann im Kulturbund Rhein-Ruhr Köln;' Oer Kulturbund Rhein-Ruhr hat Gerhart Hauptmanns „Michael Krämer'1, nir Aufführung gebracht. Die; unschwer feststellbaren Negativa: das Antiquierte und 'allzu Private des Schauspiels werden nebensächlich — als .nachhaltig starker Eindruck bleibt: Menschlichkeit,, geformt von den Händen eines wirklichen Dramatikers. Hans H i n r i« h ■ war -der Mann Michael Kramer, der Künstler mit der Rodinhaftcrr Unerbittlichkeit der. Kunst gegenüber, groß, bis ins Letzte aufwühlend, wie es Hauptmann will. Der naturalistisch' gebundene Konflikt zwischen diesem' Vater und seinem Sohn steigert sich dank der mitreißenden Uberzeugungskraft des Spieles zur natürlichen allgemein-monschlichen Generationsträjrik. ' Trägerin; der famiUenhnften KonfliktsatmosphBrc ist die Tochter Michalinc, die Friedl Münzc r als Emanzipierte von 1900 — und doch nicht zu'monn-weiblich — vielmehr als verantwortungsvolle Schwester und Interpretin des Vaters gab. Der Regie Fraenkc1-Fröons gelang es meisterhaft, die Hauptspielcr des Ensembles in eine fast dämonische, blutverbundene Nfihe zueinander zu bringen. . Einer gehörte schicksalsmüßig zum anderen. Rolf Wl Fe ldhe'i:in ließ; der Gestalt des Sohnes Arnold nicht allzu, viel Pathologisches, sondern stellte einen Menschen in seiner Qual dar. Hugo Schuster war außerordentlich sympathisch in der vornehmen Rolle Lachmanns, des gläubigen Kramer-Schülers. Hedda B e r g c r als Frau Kramer, die jugend- . . liehe, / spielbegeisterte Franziska G 6.1 d m a n n als Liese Bänsch und die übrigen Spieler fügten sich dem Zusammenspiel ein. . Das Publikum, mitgerissen von der ebenso starken dichterischdramatischen wie darstellerischen Kunst, dankte mit spontanem Beifall. O.St. RiE Der duldende Jude Erfte Morgenfeier de» JOdifchen Lehrhaufe» „Der duldende Jude" — ist dos nicht ein Pleonasmus? Es ist eine Erscheinung jüdischer Typologie, die durch zwei andere ergänzt wird: durch den sinnenden und durch den überwindenden Juden. Diese beiden Typen — wie der erste in Perez' Dichtungen bewußt gestaltet werden die beiden nächsten Morgenfeiern herausstellen. Die erste-(am Sonntag in der Singakademie) war eine überaus gelungene Veranstaltung. Dos Frey-Quartett leitete ' sie mit dem dritten Satz von Eraest Blochs Streich-Quartett ein (Andante molto-Postorale), durch eine jener Musiken, die idl- §"«mein-weltlich sind und nur den Juden noch in einem besonderen inne ansprechen. Gegensatz: die altbabylonische Weise zu dem Psalm „An .den Strömen Babels saßen wir und weinten", die von A. Z. Idelsohn mitgeteilt und von Paula Lind borg und Hanns Joh» im (hebräischen) Wechselgesang vorgetragen wurden; der von Hanns John gesungene (von M. Milner vertonte) Psalm ,;Wie lange, Gott, willst Du mich für immer verlassen?"; das' ostjüdiBche Volkslied ,J)ie Cyrabel", in Arno Nadeis Verdeutschung, dos jiddische Volkslied „Jeruschalajim" in Roskins Bearbeitung und dos hebräische Lied nach Worten der Rohel, dos Jakob Schönberg komponierte und wie die beiden letzterwähnten Stücke am Flügel begleitete — Paula Lindberg sang sie in glänzender Disposition —, bei'den übrigen Stücken war Margarete M o s e s die in die Musik undiri die Sänger gleich einfühlsame Begleiterin: hier mündet das Jüdische jnitteb Resten einer nationalen Farbe (und Versuchen 'hrer, Wiedergewinnung) in die Welt; aber es ist bezeichnend, daß die tiefste Wirkung von Hanns John ausging, desBen Art, die Gesänge vorzutragen, , das Nationale zum llcligiösen sublimiert. Von mchtiüdischen, durch das Erlebnis der jüdischen Religion angeregten Werken war Handels Rezitativ und Arie aus dem „Samson" („O Abbild der Hinfälligkeit") durch Paula Lindbergs Alt-Stimme ausgezeichnet vertreten. Der rezitatorische Teil der Morgenfeier stand dem musikalischen an Qualität nicht nach. Johanna Meyer las (in Porczy- Stippvifite in einer Werkftatt Von META SAMSON Man kommt hinein und sieht sie von der Rückenseite auf hohen Hockern sitzen, an einem hohen, langen. Tisch, und denkt dabei unwillkürlich an eine Bar. Aber es ist gar keine Bar, und es sind auch keine Frauen, die Zeit zu Zerstreuungen dieser Art . hoben, .sojidern^jcs^sind B u c, h b i n d e r_in n e n, die diese hohen Stühle brauchen und den ebenso hohen Tisch, um mit den schweren Bünden leichter hantieren zu können. Man braucht zu dem Beruf einer Buchbinderin viel Kraft, wenn man ein Buch in der Stockpresse zum Block preßt, viel Geduld, wenn man Blatter, in der Heftlade heftet oder noch mehr, wenn man sie ausbessert und zusammenflickt, was längst nicht mehr zu flicken wäre. , Denn da, wo dos gedruckte oder geschriebene Wort beginnt, dem Auftraggeber wertvoll zu werden, gibt es keine Grenze des Möglichen. Gerade die zerlesenstea und verbrauchtesten Bücher zeugen von der Beachtung, die ihnen zugewandt wurde, und für solche, Bücher gibt es keinen Todl Es ist die. schwierige Aufgabe der Buchbinderin, sich mit dieser Tatsache abzufinden und keine Mühe zu scheuen, sie am Leben zu erhalten. Man weiß, daß viele Menschen kaum noch Zeit für Bücher haben, oder wenn sie Zeit haben, dann wieder kein Geld, und deshalb fragt sich der Besucher, welcher Art die Auftrage wohl sein mögen, damit die Papierschneidemaschine und die Pappschere nicht aus ihrem Training kommen) Die Ersparnis bei dem Kauf eines nur-gehefteten Buches ist beträchtlich genug, um bei geringer Zuzahlung vom Buchbinder '.einen Einband nach Maß zu bekommen! Welchen Reiz bietet in dieser Zeit der Normen das Einmalige) Davon abgesehen, gibt es fremdsprachige Bücher vorwiegend nur geheftet, und mit ihnen wird der Buchbinderin ein bedeutendes Arbeitsfeld zugeVicsen. Sonst aber macht das Restaurieren und'Erhalten den größeren Teil aller Aufträge aus, um so mehr, als Neues den Vielen nicht mehr erreichbar ist. Da kommen sie nun mit Manuskripten und Noten, deren Blätter nicht verloren gehen dürfen — um keinen Preis der Welt) Da sind vor allem die vielen Liebhabereien des persönlichen und familiären Lebens:, Photographien und Reiseerinnerungen, Tagebücher und selbstverfaßto Gedichte werden der Buchbinderin übergeben — oft mit eitlem Lächeln, öfter noch mit zögernder '-'Scheu/ Vor allem ist es die F a m i 1 i e n f o r e c h u n g, die die Menschen von heute — Juden ebenso wie Nichtjuden —, in ihren Bann zwingt, und der gute und mit Bedacht ausgesuchte Einband ist die Brücke, die Vergangenes zur Zukunft hinübertragt, den kommenden Generationen erbaut) Nicht nur, daß die ausgesuchten Papiere dem Inhalt angepaßt werden) Oft müssen sie dem Zeitstil entsprechend nicht „wie neu", Bondern „wie alt" wirken! Da die Buchbinderin auf Wunsch die Papiere durch Färben, /Wischen, Spritzen selbst zubereitet, kann ['.sie in den Einband alles hineingeheimnissen, Schriftzeichen und Symbole, die dem Beschenkten mehr sogen können als die -Umwelt ahnt Es wird nicht, nur „durch die Blume", sondern"mit Vorliebe auch „durch das Buch" gesprochen! Die Buchbinderin, die in irgendeiner Bibliothek mit einem ihrer „Handgebusdeneii" .Wiedersehen feiert, entdeckt gesponnene Faden, die in ihrer Werkstatt geknüpft wurden, und bekommt einen scharfen Blick für die verschlungenen Wege des Schicksals. Neben der Liebe .für ihre Arbeit, neben aller Technik und allem Kunstverständnis die sie braucht, um etwas zu leisten, iBt es diese geprägte KundenatmosphSre, aus der sie immer neue Anregung schöpfen kann.;.Die Kundin, gereizt bei der Friseuse, ungeduldig bei der Schneiderin, verändert bei der Buchbinderin ihr Gesicht; sie bekommt ein Antlitz!, Nur bei ihr .findet sie die Möglichkeit, sich mit', ihren Hoffnungen und Heimlichkeiten zu beschäftigen und einmal „nicht" nach der Mode zu gehen, sondern nach dem, was sie seibat überdauert. Ob sie es "für sich oder irgendeinen andern haben will, dieses „Unvergängliche", immer fast wird mit dem Buch auch ein Schicksal eingebunden) Wenn in jedem Jahr ein alter Kunde einen neuen Band seiner Familiengeschichte anbringt und allmählich den Schatz seiner Erinnerungen an das Tor der Gegenwart herantragt, wenn, ein Liebesbriefwechsel seinen Einband haben will oder ein Kunde, bekannt in der Öffentlichkeit, sich privat als merkwürdiger Sammler und . Eigenbrödler entpuppt,' immer bekommt die Buchbinderin den Menschen als.da.s zu. sehen, was er,ohne »eine zahlreichen Vej> Meldungen ist, ,dcn Menschen der Stille, den Menschen der ■Einsamkeit).. Papier und Pappe sind nicht das einzige Material, das der Buchbinderin zur Verfügung steht. Mit Bast und Lcder, mit Leinen und Baumwollgeweben unter Beihilfe von Holz, Metall und Elfenbein werden künstlerisch hochwertige Dinge geklebt und gebastelt und manche' Neigung und Begabung findet Iiier ihren Austrag. Die Buchbinder von damals, deren Fähigkeiten gerade noch zu diesem Handwerk reichten, müßten sich' bei den heutigen Ansprüchen nacheinem'anderen Brotenverb umsehen. Ob eine Buchbinderin mehr im Vergangenen lebt und für das Restaurieren alter Dokumente eine besondere Geschicklichkeit zeigt, oder ob sie ihr Können in modernen Entwürfen. beweist, um Kinderbücher und Spielzeug „so nebenbei" zu verfertigen, — der . Baum ihrer handwerklichen Tätigkeit streckt seine Zweige nach allen Seiten) Schreibmappen und NahkBsten, Taschen und Mappen aller Art verlangen neben .dem technischen Können feinstes künstlerisches Empfinden. „Mit dreckigen Händen sauber arbeiten, können" ist das Gesetz ihres Handwerks und die eigentliche Ursache aller Erfolge und Mißerfolge in ihrem Beruf. Die Liebe zum Buch aber tut dos Übrige! Es verändert sich mit dem Menschen, und die Buchbinderin, die taglich mit ihm umgeht,' lernt lesen, ohne auf die Buchstaben zu achten 1 fing. Mit dem leidenschaftlichen Eifer ihres vereinsamten Herzens schien es doppelt verödet und trübselig. An einem Septemberabend kehrte Toni von' einem Spaziergang heim und empfand dieses Zurückkommen mit gesteigerter Melancholie. .Hamann kam grade die Treppe herauf; er drehte sich um: „Wollen Sie Beotens Köpfchen begutachten? Ich bin so gut wie fertig. Sie werden kritischer sein können als ich--" . Als Toni nach einer halben Stunde das Atelier verließ, empfand sie eine rätselhafte Unruhe, Nicht zum ersten Male war ihr bewußt geworden, welches Glück schöpferische Arbeit bedeutet Aber noch nie war ihr die Gnade des Gestaltens so klar, vor Augen geführt worden. Wie fasziniert hatte sie Hamann's Hände beobachtet, die im Laufe weniger Augenblicke auf. Tonis Einwurf hin, die Schlafe des kindlich weichen Ovals veränderten.. Gebannt sah sie den formenden Fingern zu, die den Kinderkopf gleichsam von neuem zu schaffen fähig waren. . . Rühelos ging Toni in ihren Zimmern umher. Sie sprach vor sich hin, wie so oft, wenn die Sehnsucht nach Helmut sie überfiel. -Aber heute war in diesen Worten ein neuer Ton. Es schien, ab wenn die Auseinandersetzung, diese letzte, befreiende' Aussprache einen Ausdruck verlangte, an den Toni noch niemals gedacht hatte. „:----vielleicht war unsere Gemeinsamkeit von innen her beendet? Was dio Bußeren Verhältnisse dazu taten, uns zu trennen, war gewiß nur eine zwangsläufige Entwicklung? Es ist unsinnig, die. Schuldf rageaufzurollen.. Ein Schicksal vollzieht'sich, und wir müssen versuchen, damit fertig zu werden. Sich auf sich selber besinnen, iBt keine Resignation. < Es ist' die einzige Rettung. Aber vor allem muß ich mit Dir fertig werden, Helmut — ich muß jede Regung von Dir verstehen." '• Toni blieb stehen, sie umklammerte den Türpfosten, als suche sie Halt, von einem Einfall ergriffen, der sie schwindeln machte. „Wenn ich Deinen Kopf modellieren könnte — —I" Sie sah sich um, ab hatte ein anderer diesen absurden Plan gefiußert. Aber der Gedanke hatte bereits von'ihr Besitz genommen. Wie besessen von diesem 'Wünsch lief sie zu Hamann hinauf.' Atemlos j stand sie vor dem überraschten: „Würden Sie--ich möchte Sie um einen Klumpen Ton bitten — — es ist gewiß kindisch —r ich'will etwas versuchen ——" Hamann sah sie mit zusammengelogenen Brauen an:'„Nichts ist kindisch, wenn ein künstlerischer Wille dahinter steht. Ich habe schon oft gedacht, daß Sie Modellierhände hoben —" Toni sah ratlos auf ihre Hände herab: „Ich habe niemals — ••— es ist wahrscheinlich ein Wahnsinn — —•!" ■ •' . Hamanns Blick ging forschend über das bewegte Gesicht der Frau: „Ich bringe Ihnen eine Holzscheibe und den Ton hinunter!" Toni ging, ohne zu antworten, in einer geheimnisvollen Benommenheit die Treppe hinab. Ab Hamann kurz darauf ihr Zimmer betrat, wandte sie sich ihm mit einer Bewegung zu, die ihn erschreckte. „Rasch —", sagte sie. „Geben Sie her!" Seltsamerweise lächelte er nicht über ihren sonderbaren Eifer. Er dachte auch nicht daran, daß diese . Frau mit ihren 33 Jahren noch niemals ein* Stück , Ton in . den Fingern gehabt hatte. Er begriff instinktiv, daß hier ein, Fall seltsamster Schöpferkrise vorlag. Wortlos ging er. Toni blieb allein. Sie war bleich, ihre Augen hatten einen Ausdruck stärkster Besessenheit. Ohne zu zögern, griffen ihre Finger in die weiche,' nachgiebige .Tonmassc. Und nun arbeiteten sie, die Hände formten, kneteten, streichelten — wie von geheimen Willen gelenkt, holten sie den Kopf aus dem Ton heraus. ." Langsam wuchs der längliche Schädel, plötzlich waren dio Augen da — ein spöttischer Blick schien ,aus den kaum angedeuteten Höhlen zu dringen. Die hochmütige Stirn buchtete sich an den Schlafen; das glatte Haar bedeckte sie nur spärlich. Aber der Mund wollte nicht glücken — immer schienen die Lippen sich zu verzerren. Toni versuchte vergebens, die weiche Linie herauszumodellieren — plötzlich trat sie zurück und starrte dieses Werk an, das. wievon fremder Hand geformt vor ihr stand. Betroffen blieb ihr' Blick on dem Mund haften: Das war der Ausdruck,"den Helmut in den letzten feindselig stummen Wochen gezeigt hatte! Alle Weichheit war verschwunden gewesen — gekränkte Eitelkeit und bittere Ironiehattendiese Lippen verwandelt 1 Er glich , nicht mehr dem Bild des Mannes, den Toni elf Jahre lang geliebt hatte. Dieser Kopf war ein Abbild des Menschen, der Bich von ihr entfernte, als er, sich hatte bewähren müssen — —' —! ''' , In Erschütterung betrachtete Toni die Büste. Woher kam ihr die Kraft, ihn jetzt so darzustellen, wie er nun wirklich war? Welche rätselhafte Macht hatte ihre Hände geführt und sie zu einer Leistung befähigt, deren sie sich' kaum bewußt war? Toni legte die Hände vor sich auf die Tischplatte — sie sali darauf nieder wie auf etwas Fremdes, das ihr zugleich Schrecken und Ehrfurcht einflößte — ,— Dann fiel ihr, Blick auf die Uhr: es war sechs Uhr morgens — sie hatte fast zehn Stunden, gearbeitet, ohne Atem zu holen. Vor ihr stand der stumme Kopf und schien sie fragend anzublicken. Schluchzen würgte in ihrer'Kehle. Vielleicht hatte sie niemals ihren Verlust so tief begriffen wie in diesem Augenblick. Aber sie begriff auch die unermeßliche' Gnade, die ein gütiger Gott ihr beschert hatte: ein Teilchen der mystischen Schöpferkraft empfangen' zu haben und damit dein Leben neue Ziele abgewinnen zu können — — —