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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-01-30 · 5 (30.1.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
5 (30.1.1935)
Date
1935-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1. Beilage 30. Januar 1935 JÜDISCHE ALIGEMEINE ZEITUNG Nachman Krochmal — Eine Entgegnung In der Diskussion auf der Hauptversammlung der rcligiösliberalcn Vereinigung wurde von Dr. Ludwig Ho II Ander auf die Bedeutung eines Nachman Krochmal für das heutige liberale Judentum hingewiesen. Diese Anregung gab der „Jüdischen Rundschau" in ihrer Nummer vom 22. d. M. zur folgenden Bemerkung Anlaß: „Ein sehr interessant«» Symptom, daß ia der liberalen Vereinigung, wo man aanst nur die deutsch-jüdischon Reformer als Autoritäten gelten HoO, anch Persönlichkeiten des hebräischen Schrifttums zitiert werdon." Die. Oberflächlichkeit dieser Betrachtungsweise zwingt zu der scheinbar ebenso banalen Gegenfrage, seit wann denn die israelitischen Propheten, die zweifellos doch legitimsten Autoritäten des religiös-liberalen Judentums, deutsch-jüdisch' reformiert' und geschrieben haben? Im Ernst: glaubt man auf zionistischer Seite immer noch, daß sich die hebräische Sprache .nur für nationale Belange pachten laßt, daß Bich im übrigen der Geist des Religiösen Liberalismus dem Geist der hebräischen Sprache widersetzt? Glaubt man, konkret gesprochen, daß Abraham Geiger vierunddreißig Vortrüge über „dos Judentum und seine Geschichte" und Leopold Zunz seine „Gottesdienstlichen Vorträge" halten konnten ohne eine Kenntnis des hebräischen Schrifttums? Wenn dos ernsthaft möglich' wäre, dann hätten sie wahrlich nicht nur das Uberale Judentum zu ihren Lebzeiten erfinden müssen. Denn nicht nur auf der Tagung wurde es betont, sondern immer schon war man auf unserer Seite um den Nachweis bemüht — liberales Judentum ist kein Zusatzkapitel zum historischen, religiösen Judentum, keine Ergänzung und kein Teil, sondern das Judentum schlechthin in der uns einzig und allein möglich scheinenden Auffassung, jenes Judentum aus allen Zeiten seiner geschichtlichen Dauer, aus hebräischen Quellen fließend und dem Geist seiner Sprache so zugehörig wie dem Bekenntnis seiner Getreuen. Bekannt aber wird es nicht nur in deutscher,' sondern — und das nicht erst seit den Tagen der „World Union fpr Progressive Judaism" — in allen Sprachen der Welt. Sollte es sich gerade seiner historischen Sprache entziehen? Dem übereifrigen Rezensenten der Rundschau aber sei ergänzend mitgeteilt, daß die liberale Bewegung (in Deutschland I) in ihren ersten schüchternen Anfängen über eine hebräische Zeitschrift, den „Measseph", d. i. „Sammler", gestartet ist, der später (1841—1842) eine wenn auch nur kurze Wiederauferstehung in der : von Jost und Creizenach herausgegebenen hebräischen Zeitschrift „Zion" feierte. Dagegen war es z. B. der Nachman Krochmal persönlich und sachlich aufs engste verbundene Joseph Perl aus Tarnopol, der dortselbst eine jüdische Musterschule mit deutscher Unterrichtssprache errichtet hat Ist es demnach aus Gründen der' historischen Richtigkeit nicht möglich, die Persönlichkeiten des hebräischen Schrifttums schlankweg mit dem religiösen Liberalismus feindlich zu konfrontieren, ist es weiterhin wieder aus Gründen der besagten historischen Richtigkeit nicht angängig, Naohman Krochmal und seinen ganzen Kreis lediglich dem hebräischen Schrifttum zu verschreiben, so ist es schon ganz gewiß verkehrt, die Schriftsprache Nachrnon Krochmals und seines Kreises insgeheim mit Vorstellungen zu motivieren, die der politischen Ideenwelt der Jüdischen Rundschau nicht fernliegen. Wer war Nachman Krochmal? Und was war er? Ein Nationaljude? Nichts weniger als das. Dieser anfangs in Brody, später in. Zolkiew und schließlich in Tarnopol lebende gaüziache Jude (geb.; 1785, gest. 1840), der Jargon sprach und hebräisch schrieb, war einer der eifrigsten Jünger der „Haskula" wie man die Bewegung der Aufklärung in Osteuropa nannte, und daher, wenn man so will; ein Kind der geistigen Emanzipation. Daß er Bich in seinen Schriften der hebräischen Sprache bediente, daß die Haskala, die ja später in; Rußland im Kampf gegen Chassidismus und Rabbinismus erst ihre eigentlichen Triumphe feierte, in Österreich'gewissermaßen eine Renaissance der'hebräischen Literatur heraufbeschwor, hatte keinerlei nationalen Grund, sondern ausschließlich den, daß die große Masse der, österreichisch:üngarischen Judeneben noch nicht magyarisiert war. Man sprach Jargon, und man verstand eben nur hebräisch zu lesen und zu schreiben. Ob dos Letztere freilich für die Masse der jüdischen Bevölkerung galt, ist schon wieder zweifelhaft. In seinem Hauptwerk „More' nebuche ha'sman" („Führer der Irrenden der Zeit") zeigt sich Krochmal nicht nur als der Schüler Maimonides', von dem er — abgewandelt —, den Titel dessen Hauptwerks entlieh, sondern gleichermaßen als Schüler der europäischen Aufklärung und deren Nachfolge. Man hat in seinen Schriften den Einfluß Leasings, Kants und Herd e r s nachzuweisen versucht. , Im „More nebuche ha'sman" ist freilich der Einfluß Hegels und Fichtes, insbesondere die historische Neigung der romantischen 9chuIe• unverkennbar. Dieses Werk ist für uns heutige, denen die, Herausschälung eines „Geschichtsbewußtsein des religiösen Liberalismus" zur vordringliclien Aufgabe gewordenist, darum sobedeutsam, weil hier — vielleicht erstmalig — der Versuch einer philosophischen Grundlegung jüdischer Geschichto gemacht wurde. Man hat Krochmal in diesen Tagen deshalb den „Begründer der geschichtlichen Erkenntnis des Judentums" genannt. Wie weitsein Versuch geglückt ist, bleibe dahingestellt. Für den'liberalen Leser ist der Versuch als solcher -von Wert und reizvoll die Entdeckung, daß Kroclimnl genau wie Hege) die Geschichte in Gestalt eines Drcischritts sich entwickeln läßt. Nur heißen die Stufen seiner Trias nicht: These, Antithese, Synthese, aondorn Blüte (Wachsrum), Reife und Verfall. Statt einer ständigen Steigerung also eine Kurve, die ansteigt und abfällt. Den großen Epochen, die in der Hegelschcn Dialektik lauten: asiatisch-orientalische (These), griechisch-römische (Antithese) und christlich-germanische Welt (Synthese und Höhepunkt) entsprechen bei Krochmal die erste Phase von der Urzeit bis zur Zerstörung des ersten Tempels, die zweite Phase: vom babylonischen Exil bis zum Tode Bar-Kochbas und Rabbi Akkibas und die dritte Phase: vom Abschluß der Mischna bis zum Ausgang des Mittelalters. Bei alledem, bei aller Fraglichkeit dieser spekulativen Betrachtung ist die Bemühung Krochmals um den Nachweis einer allmählichen Entwicklung innerhalb der jüdischen Geschichte unverkennbar, die vom Nationalismus in der Gottes- und Volksidco zum Universalismus führt. Hier aber liegt der entscheidende Wert Krochmals für den religiösen Liberalismus heute, insbesondere aber für den Kreis derer, die sich um seine historische und theologische Grundlegung bemühen! H. K. 300 Jahre Synagogengefänge Den Wandel synagogaler Musik vom primitiven, einstimmigen Gesang bis zur orchestralen Ausgestaltung im amerikanischen Gottesdienst zeigte E. Ehrenreich in seinem durch lebendige' Beispiele reich illustrierten Kulturbundvortrag, für den als stimmungsgemäßes Milieu der Friedens tempel gewählt worden war. Er zeigte an Hand rekonstruierter Schallpjattenaufnahmeh, wie die Gebete in ältester Zeit sich in kleinsten Tons'chritten bewegten, und wie mit der Ausbildung der synagogalen Musik in Deutschland etwa seit dem 10. Jahrhundert eine Abkehr von den primitiven Formea sich auswirkte. Diese Ausgestaltung war vor allem den synagogalen Dichtern, Peitanim genannt, zu danken. Von jeher haben sich Anlehnungen an orientalische, nichtjüdische Weisen bemerkbar gemacht. Verblüffend die Übereinstimmung einer sephardisch-orientalischen Tonführung mit einem mohammedanischen Gesang. Auch in späteren Zeiten haben die Kantoren, trotz der immer wieder ergangenen Verbote, musikalische Anleihen bei der Umwelt gemacht. Es hat ein ständiges übernehmen und Geben zwischen Kirche und Synagoge stattgefunden, wobei beide vielfach aus dem Born des weltlichen Volksliedes geschöpft haben. So finden sich die ersten vier Takte unserer Chanukkahymno übereinstimmend in der evangelischen Liturgie und in dem Volkslied „So weiß ich eins, daB mich erfreut". Während der Kirchengesang im 12. und 13. Jahrhundert mehrstimmig ausgebildet wurde, blieb der Gesang beim jüdischen Gottesdienst noch immer einstimmig. Als eine Vcrirrung im synagogalen Gesang der Nach-Haydnschen Zeit bezeichnete Ehrenreich die Einführung der Meschoreim, jener Singer, die den Chasan zum Teil mit Brummstimmen begleiteten und so eine Orchestcrbegleitung vortäuschten. Während in Deutschland der Synagogengesang zerfiel, trieb in Italien die synagogale Musik reiche Blüten. Die erste Niederschrift von Kompositionen in Deutschland besorgte der Kantor Aaron Beer, der sogar für jeden Freitagabend des Jahres, einen, besonderen lecho daiidi komponierte, damit die Gemeinde nicht in die Lage versetzt werde, mitzusingen und den Chasan zu irritieren, was bei der Verwilderung des Gemeinde- Sesangs durchaus möglich war. Die Münchener Gemeinde war es, ie im Jahre 1839 das erste gedruckte liturgische Werk herausgab, in dem die Melodie nach musikalischen Gesetzen behandelt war. Danach haben S u 1 z e r in Wien und andere das harmonische Element in den Synagogengesang eingeführt, wobei allerdings manches Wertvolle und Charakteristische über Bord geworfen wurde. Wie Sulzer so hat beispielsweise auch Louis L e w a n - d o w 3 k i in Berlin seine Melodien nicht nur auf religiösen Motiven aufgebaut und eine Synthese zwischen alter WcIbc und modernem Gesang gefunden. Eine Platte des berühmten Kantors Sirotta charakterisierte gut die Eigentümlichkeiten des osteuropäischen Gesangs mit seinen Improvisationen und Koloraturen. Auch hier zoigt sich deutlich eine Beeinflussung durch die (slawische) Umwelt. Man findet Nachahmungen von Zigeunerweisen, Anklänge an Militärmärsche usw. Im letzten Teil Beines Vortrags charakterisierte Ehrenreich die Musik moderner Komponisten wio Nadel, Schallt, Erncst Bloch und Leo Kopf. Eine schöne Probe aus der Liturgie des Gottesdienstes der Bertiner Reformgemeinde gab Josef Schmidt auf einer Schallplatte, die die Schlußworte des Gottesdienstes, am Versöhnungstage zu Gehör brachte. Außer durch Schallplatten wurde der lehrreiche Vortrag durch den ausdrucksvollen Gesang des Oberkantors John, die Mitwirkung des nuancenreichen, orchestralo Wirkungen erzielenden Winawersohen Chors und Erwin Jospes OrgoUpiel ausgezeichnet unterstützt. —a— Lächelnde Weisheit Akiba und die Fische Der Hauptheld der deutschen Tiersage, Reinecke Fuchs, spielt auch im Talmud eine Rolle. Rabbi Akiba hat einmal folgende FuchB-Fabel angewandt: Die Römer hatten ihm verboten; öffentlich Lehrvorträge zu halten. Von seinem Freunde Pappos ermahnt, seinen Glaubenseifer zu mäßigen, erwiderte er: „Ich will Dir eine Geschichte erzählen. Ein Fuchs sah einmal die Fische, denen man mit Netzen nachstellte, unruhig am Ufer des Flusses umherschwimmen. Die Tiere dauerten ihn. Er wollte ihnen helfen und rief ihnen zu, sich aufs Land unter seinen Schutz zu begeben. Die Fische machten jedoch von diesem Anerbieten keinen Gebrauch. ,Wenn wir', sagten sie zuihm,- ,in unserem Element,, im Wasser, nicht sicher sind, um wieviel weniger werden wir es, wenn wir uns daraus entfernten.' Unser Lebenselement, sagte Rabbi Akiba, ist unser Glaube. Wenn wir ihn aufgeben, sind wir verloren. Rabbi Akiba blieb in seinem Lebenselement und 'jst als Märtyrer gestorben. DIE BIBEL ERZÄHLT im Wochenabfchnitt Mischpotim von Rechtsvorschriften, die die wesentlichen Güter eines Bauernvolks schützen sollen: Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit der Menschen, sowie ihren Besitz, Felder und Herden. Die Tora unterscheidet Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung, Körperverletzung. Für Menschenraub bestimmt sie die Todesstrafe. An Eigentumsdelikten nennt unsere Sidra: Diebstahl, Veruntreuung und fahrlässige Schädigung fremden Gutes. Nicht nur die freien Bauern, sondern auch ihre Sklaven genießen . den Schutz des Gesetzes. Die Zeit ihrer Knechtschaft wird begrenzt. Wer ihnen körperlichen Schaden zufügt, muß sie entlassen. O Unsere Sidra enthält nicht nur Einzelgesetze, sondern auch den charakteristischen Grundsatz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn". Aus dem Zusammenhang, in dem diese Worte stehen, ergibt, sich, daß sie.nicht, eine moralische Forderung, sondern ein Rechtsprinzip aufstellen sollen. Rache zu nehmen und Vergeltung zu üben, widerspricht dem sittlichen Denken des Judentums. Der Staat aber hat die Pflicht, seine Bürger vor körperlichem Schaden zu schützen. Diesem Zweck dient „das Gesetz der Vergeltung". Es mag ursprünglich in seiner ganzen Strenge angewandt worden sein, ist aber frühzeitig abgeschwächt worden. Nach der jüdischen Tradition ist bei Körperverletzung nur Schadenersatz zu leisten. Das jüdische Recht hat religiösen Charakter. Es wird im Namen Gottes verkündet und angewandt. Im Wesen Gottes aber sind Recht und Liebe verbunden. Daraus erklärt sich , der humanitäre Geist des-jüdischen Rechts. Der Mensch steht höher, als materielles Gut. Daher kennt die Tora keine Schuldknechtschaft, verbietet unsere Sidra, für Darlehen Zinsen zu nehmen, verlangt Bie, daß einem Schuldner sein gepfändetes Kleid vor Beginn der Nacht zurückgegeben werde. Mit besonderer Liebe nimmt die Bibel sich-der Schutzlosen, der Fremdlinge, Witwen und Waisen an.. Aus seiner Verbindung, mit der Religion hat das jüdische Recht seinen humanitären Grundzug und seinen sozialen Charakter gewonnen.: Es hat aber auch seinerseits dem religiösen Denken seine Form aufgeprägt. Das Judentum ist eine Religion des Gesetzes geworden, in der jede religiöse Handlung bis in die Fetzte Einzelheit hinein durch Vorschriften geregelt ist. Dem subjektiven Fühlen des Menschen ist Kein Raum §elassen. Diese starre gesetzliche Tradition mußte aher ihre Autorität einbüßen, sobald die Einzelnen ihr Eigenrecht, ihren Anspruch auf geistige Freiheit erkannt hatten. So ist der jüdische Liberalismus entstanden. An die Stelle gesetzlicher Ordnung aber ist im liberalen. Judentum Willkür, die Ablehnung aller Normen getreten. Der Einzelne kennt keine Autorität mehr, der er sich unterordnet. Solch schrankenloser Subjektivismus zerstört nicht allein die Gemeinschaft des jüdischen Lebens, eivmacht auch jede Religion wir möglich. Es gehört zu ihrem Wesen, daß sie den Menschen nicht sich selbst überläßt, sondern ihm ihre Weisung'erteilt und Normen aufstellt, die er beachten muß. Wenn das liberale Judentum religiösen Charakter besitzen will, wird es den Subjektivismus begrenzen und bestimmte Förderungen stellen müssen, denen 'sich niemand entziehen darf., . .-. , Lewkowitz-Berlin.

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