Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 3 (16.1.1935)
- Date
- 1935-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Beilage 16. Januar 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ' ZEITUNG ':■ MEIN SCHÖNSTER SPORT!" Eine Rundfrage unter Jugendlichen / Von s. ascheh phot. Sonnonfald. Die FahnentrHger Es gebt nicht gerade leise zu. wenn etwa hundert Jugendliche nach ihrer Trainingsstundc die Turnhalle verlassen. Da Bind noch immer Dinge von höchster Wichtigkeit zu erörtern, Leistungen zu kritisieren, zukünftige Erfglgc in Aussiaht zu stellen. Wollte man diesen Voraussagen kritiklos Glauben schenken, dann müßten im kommenden Sommer alle bisher aufgestellten Rekorde stürzen. Aber Erwachsene sind nun einmal skeptisch, und 80 unterbricht man denn die Diskussion der zukünftigen Weltmeister mit der Frage: „Sagt mal, Jungs, welches ist denn Euer liebster Sport?" Augenblickliches Verstummen, dann — nach überwundener dos ist 'nc 'knorke Sachol" Aber schon meldet sich ein Zwölfjähriger zum Wort: „Lieber Herr, Laufen, das iBt das Richtige. Bei so 'nem feinen Sportfest, wo dann die andern Jungs an den Bahn stehn und brüllen „Hanno, zichl", und dann dreht man auf und geht so richtig 10 m vorm Ziel am Gegner vorbei, dann gibt man schon her, was man kann. Wenn man dann merkt, wie man mit der Brust das Zielband zerreißt, das ist schön I" Diese kleine Hede bringt wieder den stimmgewaltigen, baumlangen Pitt auf den Plan: „Ist alles nichts gegen Schwimmon", übertönt or die anderen. „Ich freue mich schon immer die ganze Woche aufs Training. Da lernt man immer was zu, wenn man auch manchmal mflehtig geschliffen wird. Aber ich muß noch viel schneller worden bis zum nächsten Schwimmfestl" Andere wieder Bind vom Geräteturnen begeistert, und selbstverständlich finden auch Hand- und Fußball ihre Anhänger. So verschieden die Meinungen auch sind, in allem sind sie alle einig: Höhepunkte des sportlichen Lebens Bind die Sportfeste. Einhellige Begeisterung ruft der Aufmarsch der Fahnen und Wimpcl hervor. „Wir sind immer mächtig stolz, wenn wir einmarschieren", berichtet ein Knirps mit leuchtenden Augen. „Jeder muß aufpassen, daß er richtig Schritt hält, damit wir uns nicht blamieren. Und nachher wachen wir bei unseren Wimpeln und lösen uns ab!" Natürlich gibt es auch romantisch veranlagte Jungen, deren größte Freude, es ist, mit ihren Kameraden auf lange Wanderungen, möglichst mit der „Klampfe", ins Frcio zu ziehen. Aber 'der Wandersport zählt mehr zu den Aufgaben der Bünde, die ihn mit erzieherischen Aufgaben verknüpfen. Die Sport m adele, die sich inzwischen eingefunden haben, bevorzugen Gymnastik, und zwar ganz besonders dann, wenn der Rhythmus durch Gongschläge oder Musikbegleitung unterstrichen wird. Aber auch Laufen ist ein sehr beliebter Sport, hauptsächlich Staffellauf. In den jüdischon Schwimmvcrcinen trifft man Müdels von elf bis zwölf Jahren, die außerordentliche Leistungen vollbringen und ihren Sport auch sehr ernst nehmen. Spiel mit dem Medizinball, in letzter Zeit aber auch Hockey und Fechten erregen das Interesse der jugendlichen Sportlerinnen. Es gibt überhaupt kaum einen Zweig der Leichtathletik, der nicht mit großem Eifer ausgeübt würde. Stellt man die einzelnen Antworten zusämmon, dann kommt man zu einem erfreulichen Ergebnis. Es gibt kaum eine für phot. Sonnenftld. Verblüffung — die gemeinsame unausgesprochene Frage: „Wozu will denn der das wissen?" Bis plötzlich ein besonders heller Junge ausruft: „Kinder, der ist doch von. der Zeitungl" Das genügt, um eine wahre Sturzflut von Antworten hervorzurufen, die sich erst allmählich glättet. Hier dos Ergebnis: : Ein Zehnjähriger: „Nur Boxen kommt in Fraget Wenn man so im Ring steht, und man kann so 'nen feinen Uppercut landen, Die Anekdote Macht derGewohnheit Ein Rabbiner pflegte seine Festtagspredigten stets mit der Uhr in der Hand zu halten (sie durfte nicht länger und nicht kürzer währen uls genau dreiviertel Stunden) und allemal .mit den Worten zu beendigen: „Und dazu verhelfe auch uns der allgütige Gott. Amen.", worauf sich die Gemeinde, die dreiviertel Stunden lang dieser Losung geharrt - hatte, wie ein Mann erhob. "Anläßlich einer Purim-Prcdigt verlor sich der wackere Seelsorger aber in eine allzu breite Schilderung des Estherbuches. „Und Haman?!" — rief er mit dem Pathos der guten Sache, „geschah nach Verdienst: am Galgen ward er gehenkt 1" Da waren aber auch die dreiviertel Stunden um. Der Kantor begann sich vernehmlich zu räuspern, allenthalben herrschte Aufbruchstimmung, und so fügte denn der Kanzelredner, dej Macht der Gewohnheit folgend, an: „Und dazu verholte auch uns der uligütige Gott. Amen." Ben-Chorin. Maimpnides Biographie in einer neuen Bücherreihe ■ Eine Biographie des Maimonides aus der Feder von Dr. Abraham Heschel erscheint im Laufe des Februar im Erich Reiß Verlag, Berlin. Sie bildet den ersten Band einer populären Bücherreihe, Jugendliche geeignete Sportart, in der sich die jüdische Jugend nicht erfolgreich und eifrig betätigte. Ein gesundes und starkes- Geschlecht wächst hier heran, und dieser sportlich gestählte Nachwuchs besitzt auch jenen Geist echter Kameradschaft, jenes starke Gefühl für Zusammengehörigkeit und Verantwortung, das auch die härtesten Zeiten aberdauert, ja, sich gerade dann besonders bewährt. die der Erich Reiß Verlag unter dem Titel „Judentum in Geschichte und Gegenwart" herausgibt. Für dos erste Jahr sind noch vorgesehen: „Philo von Alexandria" (Lebensbild von Dr. Edmund Stern und Anthologie), „B. a s c h i" (Prof. Elbogen) und eine Schrift über die ,J? ropneten" (Dr. Heschel). Ferner eine. „Wirtschaftsgeschichte ' des jüdischen Volkes von seinen Anfängen bis zur Gegenwart" (Dr. Kaplun-Kogan), und ein Buch „Die Juden in der Welt" (Dr. Mark Wischnitzer). Endlich sind im Rahmen der Sammlung drei Anthologien geplant: „Jüdisches Arzttum", „Jüdische Briefe" und „Jüdische Gedichte". * ,Jaahohs Traum" im Berliner Kulturbund Der Kulturbund Deutscher Juden teilt mit: Längere Verhandlungen des Kulturbundes Deutscher Juden mit Richard Beer -Hofmanu haben den Dichter veranlaßt, nunmehr sein biblisches Dramd „Jankobs Traum" zur Aufführung im Berliner Kulturbund freizugeben. Schon die nächste Aufführung des Kulturbundes wird daher diese Dichtung Beer-Hofmanns sein. Die Erstaufführung ist für Anfang Februar festgesetzt. Regio führt Dr. Fritz Jeßner; Bühnenbilder und Kostümentwürfe: Heinz Condeil. Es wirken u. a. mit: die Damen Iilli Kann, Gerda Klein-Weismann, Gina Petruschka, Mira Rosowsky, und die Herren Walter Hertner, Fritz Wisten, Herbert Grünbaum, Siegmund Nunberg, Martin Brandt, Ernst Lenart, Fritz Linn, M. Woffgang. DttS Bild / Von ALFRED AUERBACH Ein Kapitel aus dem Roman: „W anderer Wohin?" Paul war zu einer Vorlesung eingeladen. Die Worto des VereinBvorstandcs waren so wohltuend herzlich gewesen, daß dio immer bereite Rcisofrcudc ungeduldig den Terminkalender vornahm und die Tage bis zur Abfahrt zählte. Die kleine Stadt, deren jüdische Bevölkerung ihn einlud, liegt am Rhein und hat eine besonders kluge, freimütige und flinke Art von Menschen. Das Haus des Geheimrats, des Vorstands, lag in der nächsten Anlage, fein und still, ohne protzigen Eingang. Eine blinkende Hausglocke mit gedämpftem Klang, ein säuberliches Hausmädchen ohne neugierigen Blick. Im Empfangszimmer fiel eine Menge von Gegenständen auf, die nichts anderes oIb Geschenke sein konnten; denn sie zeigten im Gegensatz zu allem andern im Raum Geschmacksdurchcinandcr. Ein Flügel Btand da, der mit Decken und Bildern übersät war,--aber da . . . über dem Flügel hing ein Bild — —1 Ein nerviger Kopf, kluge, forschende Augen, ein Mund mit leisem gütigen Spott, die Haaro von eigenwilligem Wurf sträubten sich gegen Glätte. Paul hatte das Gefühl, daß er sich mit dem Bildo da oben sehr wohl verstehe und hörte nicht, wie die Türe ging. Der Hausherr war eingetreten und blieb hinter Paul stehen. Der Gast bemerkte ihn erst, als er des Geheimrat» Hand leise auf seiner Schulter fühlte. Faul setzte sich neben ihn und Bah ihn an. Er war ein Mann von Btarkcm Körporbau, untersetzt, eigenwillig, sein Antlitz war streng, er trug einen Bart, anscheinend dem Zeitgeschmack zum Trotz. Mit dem Bilde da oben hatte or keinerlei vorwandte Züge. Er beobachtete wohl den Vergleich des Besuchers. Leise und schleppend kamen die Worte: „Das ist das Bild meines Sohnes. Er fiel als Freiwilliger." Der Mann trug einen Laboratoriumskittel. Sachlich, wie sein Aussehen, seine Haltung, waren die Worte und auch ein paar Töne, die nachtropften: „Er fiel ah einer der Ersten." Unbewegt, als sei es fremdes Schicksal, das er objektiv berichtete, klang dio Bemerkung. Dio Pause danach war beredter — sie dauerte lange. Nach dem Geheimrat trat die Gattin ein; sie war klein, rundlich, zutunlich) aufgeschlossen. Sic wußte sofort, was dc,r Gatte gesprochen hatte, sah nach dem Bilde und nach Paul und reichte ihm dio Hand. Paul wußte, das Bild beherrscht hier alles, jeden Gedanken, jedes Tun; es schwang in allem mit, was hier vorging, seit vielen Jahren mußte das so in diesem Hause sein. 1914 war der Junge gefallen. Einige Züge des Bildes glichen der Mutter — dio Augen vor allem, braune, gute Augen. Es wurde kein Wort mehr über den Sohn gesprochen; das war stille Ubereinkunft — — Takt — — nur die Stimmung blieb, herrschte, nicht als Vorwurf, nicht einmal als Bitternis, nur als eine Schwebung ungelöster Trauer. Der Hausherr litt nicht, daß Paul in ein Hotel gebracht werde und führte ihn in ein Zimmer des ersten Stocks. Hier — das wußte er gleich — hatte der Sohn gewohnt. Nichts selücn verändert zu sein. Und Paul fühlte, daß sein Verhalten vor dem Bild die Eltern veranlaßt hatte, ihn in diesem Raum zu beherborgen. Mütterliche Sorgfalt hatte hier gewaltet. Dio Bettdecke war mütterlicher Hände Arbeit; dio kleinen Schoner auf dem Nachttisch, die Deckchen auf dem Sofa — wieviel Hoffnung hatten die Hände hineingewoben . . . Die Bildor an den Wänden waren sichtlich des Vaters Geschmack. Der Gastgeber schwieg. Die Gattin kam nicht in den Raum. „Kommen Sie nachher hinunter zum Abendessen", sagte der alte Geheimrat kurz. Seltsames Haus, dachte Paul, auf dem Bettrand sitzend. Jahre waren Bchon über das Familienleid hingegangen, und doch verweilten dieso feinen Menschen in ihrer Erinnerung, wie vor einem Altar in einor reinen, stillen Weihe. Sie waren Auserwäblte und trugen ihr Erlebnis feierlich, menschlich erhöht, verklärt. Paul teilte das einfache Mahl mit seinen Wirten und begab sich dann mit ihnen in den Vorlesungsraum. Nach dem Vortrug versammelte man sich wieder in den Räumen der Gastgeber unter dem Bild, und Paul bemerkte, daß alle Gäste sofort unter dem Einfluß des Bildes standen. Sie sahen ehrfurchtsvoll hinauf, und ihre Stimmen wurden leiser; es war, als befragten sie es, wenn sie sich über Probleme unterhielten. Ein Kamerad des Toten war unter den Versammelten; ein iungor Mensch mit einem Arm. Er begann ein Gespräch über Fragen, die Paul in der Vorlesung berührt hatte. Er sprach: „Sollten unsere Opfer vergeblich gebracht sein?" Ein älterer Herr sagte: „Wäre ich noch jung genug, ich würde mir draußen eine Heimat bauen, der Boden ist dankbarer ab die Menschen." Eine Pause entstand. Der Geheimrat sah zu dem Bild hinauf, als ob er es um seine Meinung befrage. Dann äußerte er 'sich ganz Btillj wie von weiter Ferne kamen langsam die Worte: „Er'will nicht umsonst für die Heimat gefallen sein." Berliner Konzerte In einer gemeinsamen Sonderveranstaltung des Kulturbundes und der Künstlerhilfe brachteChemjaWinawer mit seinem Chor hebräische und jiddische Gesänge. Der Vergleich mit den berühmten Kosakenchoren springt ins Auge — auch hier nichts von der in Deutschland üblichen Art des Männergesanges, vielmehr die im Osten übliche Bnmunstimmentechnik, Neigung zu Instrumentalismen, Vorliebe für den Falsettklang, der freilich in früheren Jahrhunderten auch der deutschen Musikpraxis geläufig war. Berührt das forte mitunter ein ganz klein wenig rauh, so ist dafür das piano von geradezu zauberhafter Schönheit, bei aller Zartheit doch klanggesättigt. Auf dem' wunderbaren Instrument dieses Chores spielt der Dirigent mit einer verblüffenden Souveränität und erreicht so namentlich in der Dynamik die erstaunlichsten Wirkungen. Im synagogalen ersten Teil waren die meisten. der Stücke allzusehr auf Virtuosität gestellt. Gelungener erschienen die Volksliedbearbeitungen: neben dem beliebten „As Moschiach wet kumen" Winawers dos wirkungsvolle, nur etwas lange „Jiddische Lied" L. Kopi8,'dns eindrucksstarke „A guter Nowent" von O. Guttmann sowie eine „Palästinensische Horra" von E. W. Sternberg. ' Der Beifall war äußerst stark. . Unter dem Protektorat der Künstlerhilfe stand eine Veranstaltung „Ein Konzort zur Zeit Mendelssohn- Bar t h o 1 il y s", deren Programm von Händel bis zum kühnsten Neuerer jener Epoche, zu Chopin, reichte. Unter den Mitwirkenden überragte die Leistung Hans B a e r s, der für die Romantiker neben einer geläufigen Technik vor allem Nüancenreichtum und Farbigkeit des Anschlags mitbringt. Die Violinistin Elfriede Urbach verfügt über schlanke Tongebune und edle Kantilene. Ferner gab es Duette und Lieder; Seuna Nisse 1 besitzt einen hübschen, nur in der Höhe etwas flachen Sopran; im Ausdrucket sie noch zu gleichförmig, so daß sie sich an Schümann „Frühlingsnacht" besser nicht heranwagen sollte. Erna Alexander (Alt) neigt etwas zum TremoUeren, gestaltet aber mit Musikalität und innerer Spannkraft. F.