Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 2 (9.1.1935)
- Date
- 1935-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Beilage 9.Januar 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEiTUNC „EIN MENSCH IM STROM! " I Von MICHAL CHOROMANSKI „Eifersucht und Medizin1' heißt der ein wenig kolportagehaft klingende Titel eines soeben im Verlag Willi. Oottl. Korn, Breslau, in deutscher Übersetzung von Heinrich Kottz herauskommenden Romans des jungen polnischen Dichters Micha! Choromanski, der mit dem großen Staatspreis der polnischen Literaturakademie filr 1933 ausgezeichnet wurde. Mit der dichterischen Kraft einer an Dostojewski geschulten Psychologie und einer unheimlich anmutenden Oabe der seelischen Durchleuchtung und Zergliederung seiner Menschen, zart und grell, schildert Choromanski die Tragödie eines alternden eifersüchtigen Mannes, der seiner jungen Frau und ihren Beziehungen zu dem Direktor eines Krankenhauses selbstquälerisch nachspürt und sieh dabei eines armseligen jüdischen Schneiders bedient. Nur wenige Personen tragen die knappe Handlung: der eifersüchtige Qroßkaufmann Widmar und seine in seelischen Erscltütterungen verwirrte, zwischen den Männern irrllchternde, In-allen Farben der Verführung irisierende Frau, der Chirurg Tarnten und ein paar seiner Kollegen wie der lungenkranke Dozent von Fuclis und der greise Oberarzt Boguckl, der eine panische Angst vor Autos hat. Wie Choromnnski alle diese Menschen erbarmungslos seelisch seziert und ihr Inneres bis In die letzten Verborgenheiten bloß tegt, so gestaltet er auch Milieu und Atmosphäre, in der sie atmen, die funkelnden Operationssäle, die muffigen Wohnungen, die verqualmten Räume des Kaffeehauses mit faszinierender Plastik. Nie wohl ist eine Operation mit ihren quälenden Vorbereitungen, dem exakten Meclmnismus arbeitender Hirne und Hände, der geisterlmften äußeren Ruhe des Operationssaales und der FLeberhaftlgkelt der Menschen, packender geschildert worden als in diesem Roman. Mit Erlaubnis des Verlages veröffentliclien wir naclisteliend, mit einigen unwesentttclien Kürzungen, einen Abschnitt, der das tragische Ende des gedrückten jüdischen ScJmeiders Abraham Qold schildert. Der Schneider drückte sich an den Zäunen und Mauern entlang . . . Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um Atem zu schöpfen. Dann befühlte er unsicher tappend mit den Füßen den Boden und schlürfte weiter. Der Wind stieß ihm gegen die Brust. Gold knöpfte seine vom Regen durchnäßte Jacke' zu. Der Sturm peitschte die Pfützen vor ihm auf und bespritzte sein Gesicht mit Schmutz. „Ach, ach!" seufzte der Schneider. . Er kam im verzweifelten Kampf gegen die Elemente nur langsam vorwärts und drückte seinen- Hut bis über die Ohren ins Gesicht. Jeder seiner Schritte erschien ihm sclbBt wie ein tödlicher Sprung in den Abgrund. Er befand sich jetzt bereits in der Nähe des Batory-Dcnkmals. Keine hundert Meter mehr trennten ihn von dem Hause Widmars. Der Schneider seufzte, fluchte und kämpfte sich mit letzter Kraftaufbictung vorwärts. „Das ist kein Wind mehr," schrie er, „das ist der Teufel' persönlich I" Der Sturm wütete so heftig, daß der Schneider wankte. Einen Augenblick lang preßte ihn emc unsichtbare Gewalt gegen eine Mauer; der Schneider glaubte seinen Geist aufzugeben. Aber er kam wieder zu Atem und stürzte mit dem Mut der Verzweiflung auf die andere Seite des Bürgersteiges. Er zitterte vor Kälte, seine feuchten Kleider, die einen Augenblick später eine so tragische Holle spielten, klebten an seinem Körper wie unerträgliche, durchnäßte, eiskalte Fetzen. Plötzlich klärte sich der Himmel auf. Gold sah ein paar Schritte vor sich den schwarzen Schatten des Denkmals des großen Staatsmannes. Neben dem Denkmal unterschied er eine gekrümmte Gestalt und erriet, daß es der Schutzmann war. Tatsächlich suchte der Polizist, die Hände in die Ärmel eingezogen, hinter dem Bronzcsockel Schutz. Gleich darauf versank das ganze Bild wieder in der Dunkelheit und in dem schrecklichen, pfeifenden Zischen der dahinfegenden Nebelschwaden. Der Schneider machte noch einen Schritt vorwärts und stieß plötzlich an die umgestürzte Telegraphenstange. Er überlegte, daß er räch neben der Villa befand, wo an diesem Freitag der Monteur Isaak Gold eine elektrische Leitung installiert hatte. Der Schneider umging die Stange, machte einen Sprung in der TUchtung des Zaunes, am Himmel wurde es von neuem heller, und Gold sah Drähte über sich schwingen wie das Netz einer ungeheuerlichen, schwarzen Spinne. Mechanisch streckte er die Hände aus, um dieses Spinnengewebe zu zerreißen, das ihm den Weg zu versperren schien. Der Sturm zerriß die Wolken, der •Schneider blieb unbeweglich auf dem Bflrgersteig liegen, die Hände in die Luft gestreckt. Sein Kopf erhob sich noch einmal zuckend, dann stöhnte Gold plötzlich tief auf und starrte in den grauen Himmel. Sein Gesicht sah aus, als wollte er sagen: „Lieber Herr . . .1" . . . Ein Passant sah den Schneider liegen. Da er aber auf der anderen Straßenseite vorüberging, unterschied er keine Einzelheiten. Er sah nur eine lächerlich kleine Silhouette, die sich in einer merkwürdigen Stellung steif abzeichnete, einen ausgestreckten Ann. Der Passant achtete also nicht weiter darauf und ging seines Weges. Dann wandte er aber doch noch einmal den Kopf und betrachtete verblüfft das unbewegliche Bild. Es war dämmrig, ober der Himmel klärte sich immer stärker auf. Der Passant erkannte nun alle Einzelheiten, die ihm doch zu denken gaben. Er machte kehrt, blickte sich um und lief rufend auf den Polizeibeamten zu, der neben dem Denkmal stand. Zwischen zwei Windstößen hörte der Polizist den Schrei des Passanten, aber er hatte bereits selbst das sonderbare Bild mitten auf dem Bürgersleig bemerkt. Die fliegenden Schöße seines Mantels festhaltend, stürzte er zu dem Schneider hin. Der Polizist und der Passant Hofen dicht nebeneinander her. Bei der Stange blieben sie stehen, der Passant machte eine Bewegung, als wollte er den Schneider an den Armen packen. Der Beamte hielt ihn jedoch zurück und warnte ihn schreiend: „Nicht anfaBsenl" Erschrocken wich der Passant zurück. Der-Schneider Abraham Gold blieb steif, mit starrem Blick nach oben, liegen, wahrend der Polizist mit den Händen gestikulierte wie ein Mensch, der den Kopf verloren hat. Der Passant rief ihm zu: „Aber man muß doch etwas tunl" Der Beamte bewegte seine Arme wie Windmühlenflügel, er war unfähig, ein Wort herauszubringen. Endlich schien ihm ein Gedanke zu kommen, denn er schrie: „Lassen Sie niemanden heran 1" Mit großen Sprüngen eilte er, sich in seinen Mantel verwickelnd, die Straße hinab. Der Wind umhüllte ihn mit dunstigem Nebel,, der Polizist stürzte in einen Laden und fragte, ganz außer Atem: „Wo ist das Telephon?" Das Telephon befand sich neben der Kasse, hinter dem Ladentisch. Der Beamte hob den Hörer, dann fiel ihm aber ein, daß er die Nummer vergessen hatte, die er brauchte. Eilig blätterte er im Tclephonverzeichnis. Dann wählte er mit einem groben, schwärzlichen Finger die Ziffern auf der Scheibe und rief, mit dem Fuß nervös klopfend, in den Apparat: „HalloI Hallo 1 Hallo 1" . Ini gleichen Augenblick klingelte im Arbeitszimmer des Chefingenieurs des städtischen Elektrizitätswerkes leise das Telephon. Der Ingenieur saß am Schreibtisch, nahm den-Hörer ans Ohr und sagte zu wiederholten Malen: „Ich verstehe nichts ... Sprechen Sie deutlicher I" Aber gleich darauf mußte er wohl die Worte, die im Hörer wiederhallten, verstanden haben; ohne ein Wort zu sagen, unterbrach er sofort die Verbindung. . . - ... Der Polizeibeamte, der mühsam Luft schöpfte und mechanisch die Xrmel schüttelte, verband sich bereits telephonisch mit einer anderen Stelle. Er schrie von neuem: „Hallol Hallol1' . . . Inzwischen wechselte der Chefingenieur, den Hörer; am Ohr, den Kontakt und erhielt augenblicklich die. Verbindung mit der Maschinenhalle. Sofort, als sich einer der Arbeiter meldete, brüllte der Ingenieur, die Hand an} Mund; mit aller Kraft: „Ein Mensch im Strom I Den Strom linterbrechen!" Gleich darauf schrillte das Alarmsignal durch die Maschinenhalle. In striktem Gehorsam gegenüber diesem düsteren, grellen Signal packte der Monteur Isaak Gold, dir aii der Verteilungstafel Stand, sofort den Hebel lind'- drehte ihn um hünd«rta>htzig Grad. In der ganzen Stadt erlosch ' das licht; Die Hand am Hebel schrie Isaak Gold durch die ganze Halle: „Was ist denn los, zum Donnerwetterl" Das Erlöschen des Lichtes bewirkte im Krankenhaus zu Allorhciligcn eine doppelte Panik. Es war die Zeit des Abendessens, die Kranken gingen in den Sälen umher, im Korridor des ersten Stocks befand sich niemand außer der Oberschwester und dem Wärter Paul. Die Schwester trug ein Tablett mit Medikamenten, der Wärter hielt einen elektrischen Ofen in der Hand. Sio liefen einander gerade in die Arme. Im Augenblick, als sie aneinander vorübergingen, fragte die Schwester: „Wissen Sie nicht, Paul, ob Verwandte dieser Frau gekommen sind?" . . . Dor Wärter begriff sofort,'von wem sie sprach und antwortete: „Wir haben die Leiche in die Totenkammer getragen. Bis jetzt hat niemand nach ihr verlangt . . ." Sie wechselten noch einige Worte. Paul beklagte Bich, daß ihm an diesem Tage alles daneben geriet. „Ich habe soeben vier Glühbirnen in diesem Ofen zerschlagen." Die Schwester seufzte: „Dagegen kann man nichts machen . . . Es gibt solche Tage ... Es ist wenigstens gut, daß der Direktor nach diesem Unglücksfall nicht weiter operiert hat!" „Heute habe ich mich vor dem Direktor gefürchtet wie vor Feuer . . .", fuhr Paul fort und unterbrach sich. In diesem Augenblick ging das Licht aus. Weder die Schwester noSffSPaul machten eine Bewegung. Die Schwester fürchtete sich, das Tablett mit den Medikamenten fallen zu lassen, der Wärter preßte krampfhaft den elektrischen Ofen an sich. „Wob ist denn los, zum Teufel I" rief der Wärter. Schließlich setzte er den Ofen auf die Erde. „Entschuldigen Sic, Schwester." Im Korridor war es völlig dunkel, nur die Fensterscheiben schimmerten wie graue Quadrate. Die Schwester ging behutsam bis zum Fenster und Btelltc das Tablett auf die Brüstung. „Zünden Sie ein Streichholz an, Paul, und holen Sie Kerzen", sagte sie. „In der Speisekammer müssen einige sein." Die Tür des GemeinschaftsBaales öffnete Bich, die Gestalt eines Patienten hob sich im Korridor ab, dann öffnete sich eine andere Tür, und jemand fragte: „Was ist denn geschehen? Schwester, warum gibt es denn kein Licht?" „Es wird sofort wieder hell", antwortete die Schwester und verschwand mit dem Wärter in der Richtung der Wirtschoftsräume. Im Treppenhaus machte sich jemand zu schaffen und rief: „Ich habe die Sicherungen geprüft, sie sind in Ordnung!" . . . Zur gleichen Zeit schlug im Erdgeschoß eine grelle, durchdringende Klingel an. Die Sehwjster, die sich über ihren Wandschrank beugte, hörte die Glocke und sah auf. Der Wärter wandte sich gleichfalls um und sagte: „Ja, ja, Schwester, es läutet." „Aber ist denn niemand unten?" Die durchdringlichc, grelle Glocke läutete von neuem, — noch dringlicher. Die Schwester warf ein Paket mit Kerzen auf den Fußboden, ergriff ein Licht und murmelte, während Paul vergeblich Streichholz nach Streichholz anzündete: „Das ist heute wahrhaftig ein Unglückstag!" Die Glocke läutete zum dritten Mal. Die Schwester stürzte atemlos in den Korridor und lief mit einer für ihre Fülle erstaunlichen Schnelligkeit die Treppe hinab. Rasch rannte sie zum Telephon und packte den Hörer: „Rettungsstation 1" rief sie. „Wer ist dort?" Sio hörte eine männliche Stimme: „Hier ist die Polizei. Ein Mann vom Strom getroffen." „Wo?" fragte sie. „Batory-Straße, dicht beim Denkmal!" — Die Schwester legte den Hörer auf . . . Bis zu diesem Augenblick hatte sie rasch und entschlossen gehandelt und bewahrte eine ziemliche Ruhe, aber jetzt vergegenwärtigte sie sich einen besonderen Umstand und verlor den Kopf. Der Wärter Paul stand im Korridor an ihrer Seite, rieb sich die Hände und blies die Backen auf, daß man glauben konnte, er krümme sich unter ersticktem Lachen. Der Ambulanzwagen wartete bereits vor der Tür. Der Chauffeur hupte ungeduldig. Die Schwester und der Wärter standen einander in dem Halbdunkel des Korridors gegenüber und sahen sich an; sie dacht«, zur gleichen Zeit an die gleiche Schwierigkeit. Die Schwester nahm sich zuerst zusammen. „Warum lachen Sie, Paul?" rief sie mißbilligend. Dann fragte sie zaghaft: „Ist der Herr Direktor da?" „Er ist in der Sfadt", antwortete der Wärter mit einem sonderbaren Hüsteln. Die Schwester fragte noch schüchterner: „Und der Doktor Hubinski?" „Ist auch in der Stadtl" — erwiderte Paul und hustete hinter der Hand. „Dann ist ako liur der Arzt vom Dienst anwesend?" rief die Schwester und rang die Hände. Sio beherrschte sich jedoch und lief mit ihrer Kerze in der Hand Beufzend und keuchend die Treppen hinauf in den Raum des diensttuenden Arztes. Oberarzt Bogucki saß auf dem Stuhl und spitzte einen Bleistift. Als die-Schwester hereinstürzte, stand er rasch auf: „Was gibt es? Einen Blutsturz?" „Ein Unglücksfall in der Stadtl" rief die Schwester und verlor fast ihre Haltung. „Gut," sagte der Alte, „sehr gut . . , Ich gehe sofort hin!" „Nein, Herr Doktor) — Man hot die Ambulanz verlangt!" rief die Schwester verzweifelt. „Unser Auto wartet auf Siel" Oberarzt Bogucki war schon aus dem Zimmer gestürzt. Einen Augenblick Bpäter erschien er auf der Vortreppe. Die Schwester und der Wärter liefen hinter ihm her. Der alte Oberarzt sah die schwarze Limousine mit dem roten Kreuz auf den Scheiben und erstarrte unbeweglich in der Stellung eines Menschen, der ohnmächtig wird. Die Schwester näherte sich ihm, um ihn mit den Armen zu stützen, aber im gleichen Moment raffte eich Oberarzt Bogucki zusammen und eilte zum Wagen. „Wo geht man hier hinein?" knurrte er. Er wollte sich neben den Chauffeur setzen, konnte aber die Tür nicht öffnen und stöhnte: „Schnell, schnell 1" Der Motor brummte, der Wagen zitterte, der Chauffeur blickte verblüfft auf den Arzt. Dann' zog er seine Mütze, legte sie heben sich hin. und begann von neuem, Roguclti mit aufgerissenen Augen anzustarren. . -„Sie, Herr Doktor, — fahren Sie — fahren 9ie im Auto?" fragte er schließlich. Der Oberarzt trat fohl, der Wärter öffnete ihm dio hintere Tür, der Alto wurde böso und stampfte mit den Füßen: „Ich? — Im Auto? — Aber warum sollte ich nicht im Auto fahren . . .? Ich fahre immer im Auto!" Er stolperte von neuem, dann sank er fast zusammen und fiel in den Wagen. Auf dio Frage des Chauffeurs, mit welcher Geschwindigkeit er fahren solle, schrie Bogucki mit Tränen in den. Augen: „Überschreiten Sie — jede — erlaubte — Schnelligkeit! Zum Teufel . . .1" Dbb Auto heulte auf, der Wagen zitterte noch stärker und fuhr langsam an, während der alte Doktor auf der weißen Bank in sich zusammensank.' „Schneller . . .!" rief er. Weich in den Federn Bchaukclnd, fuhr der Wagen durch das in beiden Flügeln geöffnete Portal, bog in die Straßo ein und wechselte plötzlich die Geschwindigkeit. Wie ein Pfeil schoß er die Straße entlang und verschwand in der Dämmerung. Einen kurzen Augenblick lang sah man noch das Leuchten seiner Scheinwerfer, die in der Luft gefährliche Bogen beschrieben. Es war sieben- Uhr und ein pair Minuten. Die Windstöße peitschten heftiger durch .die luft als je zuvor. Der Sturm hatte alle Elemente entfesselt. Auf den Straßen herrschte vollkommene Dunkelheit, nicht eine einzige Laterne brannte. Hie und da huBchtc der Schatten eines Passanten vorüber . . . In der undurchdringlichen Dunkelheit bog das Krankenauto in die Batory-Straße ein. Der Wärter Paul drückte unaufhörlich auf 3cn Knopf der Hupe, Bie heulte mit einem durchdringenden Ton auf, der Zeiger des Zählers stand auf 110 Kilometer. Plötzlich rutschte das Auto auf dem nassen Pflaster mit den Hinterrädern. Der Fahrer drückte auf das Pedal und gab Gas. Der Wagen richtete sich wieder gerade. Paul, der neben dem Chauffeur it0ftye**f»> Stimmune! ^u mu^>t es dreimal... nein, dreißig- * 'mal, nein, immer wieder sagen... auch wenn es gewagt erscheint, Sitten oder vielmehr Unsitten einer kleinen Gruppe jüdischer Menschen vor den Areopag der Gesamtheit zu bringen: die Form der sogenannten gesellschaftlichen Veranstaltungen und ihre Ankündigung erfordert unabwendbar eine Reform. Notfalls unter Zwang. Es gibt keineil jüdischen Knigge. Leider. Er müßte ein besonders umfangreiches, mahnendes, warnendes Kapitel erhalten: Gesellschaftlicher Takt in heutiger Zeit. Ist es wirklich nötig, Tel-Awiw ab Muster hinzustellen? Der Magistrat von Tel-Awiw, Abteilung für Kultur- und Erziehungsfragen, hatte vor Beginn des heuen bürgerlichen Jahres alle Besitzer von Kaffeehausern und öffentlichen Säjen ersucht, von der Veranstaltung voh Silyesterfeiern abzusehen, da diese Sitte der jüdischen Überlieferung fremd sei. Wenn wir deutschen Juden uns auch keineswegs diese Argumentation zu eigen zu machen brauchen — der Aufruf zur äußersten Zurückhaltung sollte hier ruhig mehr Gehör finden. Nicht nur aus Anlaß des Silvester. Auch in Berlin waren liebenswürdige Aufforrungen zur Feier des Jahreswechsels ergangen. Zu einem geselligen Zusammensein innerhalb der zeitgemäßen acht Wände. Zur Unterhaltung in einer leerstehenden Wohnung bei mitgebrachten Zigaretten und Pfannkuchen. Wogegen nicht das geringste einzuwenden ist. Selbst wenn vielleicht dabei sogar ein wenig getanzt wurde. Schärfsten Protest aber forderten heraus jene öffentlichen Veranstaltungen im Zeichen des Magen David, mit propagierter und plakatierter Stimmung, mit Tanz in allen — wirklich in allen? — Räumen, mit Damenspenden und rechtzeitiger Tischbestellung, Und selbstverständlich in großer Abendtoilette. Eintritt nur gegen Hinterlegung, von Humor gestattet. War es wirklich ein Vergnügen? Es war ein Skandal. . Wollen wir in dieser Schicksalazeit nicht etwas mehr Verantwortungsbewußtsein für die jüdische Allgemeinheit aufbringen? Ist es wirklich so schwer, die gesellschaftlichen Formen in den schlichten Rahmen selbstverständlicher Einfachheit einzupassen und alle Töne — auch die der Instrumente und der Schminke — auf den Grundton der Zeit abzustimmen? Die Karnevalszeit beginnt. Wollen wirs nicht ernsthaft versuchen? . Benjamin.