Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 2 (9.1.1935)
- Date
- 1935-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Beilage 9. Januar 1939 JÜDISCHE AUGEMEINE xeiruNc Der Sabbat der Jugend Dos Problem Jcr Sabbatgcstaltang für unsere Jugend steht heute im Vordergrund der Erörterungen. Auch die am 20. Januar in Berlin stattfindende Hauptversammlung der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum wird sich eingehend mit dieser bedeutsamen Frage befassen, zu der Rabbiner Dr. 1*0 Baeck und Dr. Julius L. Seligsolin sprechen werden. Die „.Indische Allgemeine" läßt hier eine Ileihc von Persönlichkeiten zu Wort kommen, die die Wiederbelebung und Neugestaltung des Sabbats von verschiedenen Gesichtspunkten behandeln. Es muß gelingen! Von Studienrat Dr. ADOLF LESCHNITZER, Schulreferent der Reichsvertretung der deutschen Juden. Im Laufe des vergangenen Jahres ist durch eine Reihe ministerieller Verfügungen der Staatsjugendtag geschaffen worden. Die Jugend des 5.—8. Schuljahres soll am Sonnabend, im Jungvolk zusammengefaßt, an Wanderungen teilnehmen oder, soweit sie dem Jungvolk nicht angehört, am nationalpolitischen Unterricht. Wissenschaftlicher Unterricht darf für diese Jugend am Sonnabend nicht stattfinden. Jüdische Schüler können auf Antrag der Erziehungsberechtigten vom Unterricht befreit werden. Die Reichsvertretung der deutschen Juden und mit ihr viele Gemeinden und andere Institutionen haben den Erziehungsberechtigten empfohlen, von der staatlicherseits gebotenen Möglichkeit Gebrauch zu machen und um Befreiung der Schüler und Schülerinnen vom Unterricht einzukommen. Alle Stellen haben sich zugleich bemüht, dafür zu sorgen, daß die gewonnene Freizeit der Ausgestaltung des Sabbats für die Jugend dienstbar gemacht wird, daß die Jugend am Gottesdienst teilnimmt und daß neue Einrichtungen ins Leben gerufen werden, die der Begehung des Sabbats durch die Jugend dienen. Unter ihnen wird der Oneg Schabbat an erster Stelle stehen. „Entscheidend ist, daß den Kindern nicht nur etwas Feierliches, sondern vor allem auch etwas Festliches geboten wird, etwas, worauf sie sich freuen, kurz, Veranstaltungen, zu denen, die Kinder gern und freiwillig kommen", so heißt es in dem Rundschreiben der Reichsvertretung an die Gemein- DIE SIS EL im Wochettabfchnitt Bau von den drei letzten Plagen, die Gott über Ä von aen drei letzten nagen, tue tjott uner Ägypten Sandte. Langsam schwindet die Hartnäckigkeit Pharaos. Und als in allen Häusern der Ägypter die Erstgeborenen sterben und Wehklagen das Land erfüllt, läßt der König die Israeliten ziehen. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen schreibt unsere Sidra vor, am 14. Nissan abends das Pessach-Lamm zu opfern und 7 Tage hindurch das Mazzothfest zu feiern. O Pharao muß sich dem Willen Gottes beugen. Die Erkenntnis der göttlichen Allmacht hat das jüdische Volk nicht aus lebensfernem Denken, sondern aus geschichtlicher Erfahrung aus seinem eigenen Schicksal gewonnen. Daraus ergibt sich die Eigenart unseres Glaubens. Der Gott, den unsere Bibel lehrt, offenbart sich zwar auch in dem geheimnisvollen Wirken der Natur, die er geschaffen, doch seine Gerechtigkeit und Liebe werden vor allem im Leben der Menschheit sichtbar, in ihrem Schicksal und in der Entfaltung ihrer sittlichen Kräfte. Auch die unbesiegbare Stärke jüdischen Gottesgläubens wird aus der Art seiner Entstehung begreiflich. Zu dem Gott, der Israel mit starker Hand aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hat, haben unsere Väter in jeder Not mit unerschütterlichem Vertrauen aufgeblickt. Israel gewinnt seine Freiheit und damit die Möglichkeit, seine religiöse Sendung auszuführen. Das Volk, das berufen war, Träger des Monotheismus zu sein, betritt den Schauplatz der Geschichte. Damit beginnt eine neüe Epoche im geistigen Leben der Menschheit. Die Lehre von dem einen heiligen Gott hat nicht nur das religiöse Denken und die sittlichen Begriffe des Einzelnen gewandelt, sondern auch das Leben der Völker unter ein neues Gesetz gestellt. Im Altertum galt das Recht des Stärkeren. Mit der Be-. freiung Israels aber wird das Recht des Schwachen verkündet. Die Ethisierung des Völkerlebens ist damit der Menschheit als ihre Aufgabe gestellt. Das Pessach-Opfer wurde nach der Vorschrift der Tora von den einzelnen Familien gebracht und im Hause verzehrt. Dazu aß man Mazzoh und bittere Kriluter und sprach zu den Kindern von der Erlösung Israels aus Ägypten. Das ist die älteste Form unserer Sederfeier, Sxe hat ihren poetischen Zauber und ihre religiöse Bedeutung bis zu unseren Tagen behalten. Ihre anmutigen Symbole weisen uns immer von neuem auf den Anfang unserer Geschichte hin. Unsere Sederfeier verbindet so die Generationen, hält das geschichtliche Bewußtsein unserer Eigenart Und unserer Aufgabe in uns wach Uhd läßt die Hoffnung auf Erlösung in uns entstehen. Lewkowite-Berlin. den. Uber das Ziel wird sicherlich überall Einigkeit herrschen. Damit es auch erreicht wird, dazu wird nötig sein, daß sich an allen Orten die richtigen Menschen finden, die gewillt sind, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Wer nur irgendwie Kraft, Zeit und Eignung besitzt, der muß mithelfen: Rabbiner, Lehrer, die Jugendführer mit ihren Bünden und in den kleinen und kleinsten Gemeinden, in denen oft nur wenige Kinder sind, die Eltern selbst. Was hier versucht wird, kann von größter Tragweite sein, wenn es gelingt. Und es muß gelingen 1 Unsere Jugend soll den Sabbat wieder halten lernen. Die uralt heilige Bedeutung des Sabbats soll der heranwachsenden Generation wieder ins Herz gepflanzt und somit schließlich für das ganze deutsche Judentum zu neuer Wirklichkeit und Wirksamkeit erweckt werden. An diesem Werk mitzuarbeiten, dazu ruft die Not unserer Zeit alle lebendigen jüdischen Kräfte auf. In der Wiederbelebung und Neugestaltung des Sabbats hat der jüdische Erneuerungswille eine Form gefunden, die über die Parteigrenzen hinweg von allen Gruppen des deutschen Judentums bejaht werden kann. Woran wir alle mitarbeiten wollen, daß muß eine im besten Sinne gesamtjüdische Leistung sein, von der — das ist unsere Hoffnung — eine Belebung der einigenden Kräfte innerhalb unserer Jugend ausgehen soll. KHtifcher Bericht / Von Rabbiner Dr. HUGO HAHN, Essen Zunächst das Tatsachliche. Wir sind hier in Essen in der glücklichen Lage, eine staatlich anerkannte jüdische Schule zu Besitzen, die auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Selbstverständlich war an dieser Schule der Sabbat immer der schulfreie Tag. Eine große Zahl der Kinder hatte auf diese Weise schon immer die Möglichkeit, den Sabbat als den wöchentlichen Ruhetag des Juden zu erleben. Seitdem auf Grund der neuen Rcgierungscrlassc auch die Befreiung der Kinder vom Unterricht der höheren Schulen am Sabbat erleichtert wurde, ist von dieser Erlaubnis in unserer Gemeinde weitgehend Gebrauch gemacht worden. Alle jüdischen Kinder der Klasse Sexta bis Untertertia einschließlich an den höheren Schulen Essens sind auf Ersuchen der Eltern vom Samstag-Unterricht befreit. Auf diese Weise haben etwa 520 schulpflichtige Kinder am Sabbat ihren Ruhetag. Zur Schabbasfreude eines jüdischen Kindes soll aber mehr nie das Glücksgefühl über einen schulfreien Tag gehören. Es gilt, diesen Tag zum Brennpunkt jüdischen Erleben s im Lebensrhythmus des Kindes zu gestalten. Da steht an erster Stelle die Beeindruckung durch den Gottesdienst der Gemeinde. Alle Einsichtigen haben den Jugendgottesdienst, der bislang am Sabbat-Nachmittag stattfand, als einen notwendigen, aber nicht ausreichenden Ersatz für die gottesdienstliche Betreuung der Jugendlichen angeschen. Die jetzt möglich gewordene Teilnahme am Gemeindegottesdienst ist in jeder Hinsicht zu begrüßen, wenn, wir uns auch nicht verhehlen dürfen, daß es noch einige Zeit der Vorbereitung bedarf, bis sich die Jugend in die Liturgie des Sabbat-Vormittags eingearbeitet haben wird., . Da der -Freitagabend-Gottesdienst in unserer Gemeinde durchgängig um 19 Uhr beginnt, haben wir vor allem die Schüler der Oberstufen zum Besuch dieses Gottesdienstes, bei dem ich vierzehntägig einen Vortragszyklus über das „Buch der Richter" halte, verpflichtet. Verlangen müssen wir aber, daß die Kinder, die am 'Sabbat schulfrei haben, den Besuch des Morgengottesdienstes als eine Ehrenpflicht betrachten. Obgleich eine Reihe von ostjüdischen Kindern aus prinzipiellen Gründen an unserem Gottesdienst nicht teilnimmt, ist der Zudrang der Jugendlichen so groß geworden, daß wir für die Kinder jetzt einen ganzen Block in unserer großen Synagoge reservieren müssen. Um die Teilnahme aller Gottcsdienstbcsucher so intensiv wie möglich zu gestalten, haben wir auf die Mitwirkung des Chores am Sabbat-Morgen verzichtet und den Gesang der Alten und der Jungen — den Gemeindegesang — wieder mit wachsendem Erfolg In sein altes Recht eingesetzt. Durch die Mitwirkung der Jugendlichen bei den Funktionen der Toravorlesung ist ein bef lebendes Moment in die gottesdienstliche Feier gekommen. Die Ansprache nimmt natürlich in Form und Inhalt auf die vielen anwesenden Kinder gebührende Rücksicht. Nach dem Vormittngsgottcsdienst findet in den Baumen des an die Synagoge angebauten Gemeindehauses die Sabbatfeier für die Jugendlichen statt. Es hat sich aus technischen und pädagogischen Gründen die Notwendigkeit ergeben, die Feier in zwei Gruppen, für die Jüngeren und die Älteren abhalten zu lassen. Rabbiner und Lehrer wechseln sich in der Leitung dieser Feierstunde ab. Kiddusch und hebräische Lieder leiten die Feier ein, Schir humaalaus und Tischgebet beschließen sie, Ubersetzung des Toraabschnitts, Besprechung wichtiger jüdischer Ereignisse, Einführung in das Wesen des jüdischen Zeremonlals, Vorlesung einer jüdischen Legende oder Erzählung füllen ihren Hauptteil aus. Von Zeit zu Zeit füge ich auch ein Gespräch mit den Kindern ein, bei dem die Fragen erörtert werden, die im Laufe der Woche ' durch den Jugendbriefkasten schriftlich an mich gerichtet worden sind. Diese Gesprächsstunde zeigt immer wieder aufs deutlichste, wie lebensnah diese Jugend die Fragen unserer jüdischen Existenz auffaßt und zu beantworten weiß. Der Sabbut-Nachmittag ist dor Zusammenkunft der Bünde in unserem schönen Jugendheim vorbehalten. Es ist dafür Sorge;etragen, daß auch bei diesen Heimnachmittagen der sabbatiche Charakter des Tages gewahrt wird. Es ist beabsichtigt, in Zukunft bei SobbatauBgang alle Bünde in einom Raum zu. vereinigen, damit gemeinsam Hawdoloh gemacht werden kann. Ein Lied zum Abschied des Sabbats soll den Tag be^ schließen. Und nun ein Wort der kritischen Besinnung. Wir hoben keinerlei Veranlassung, auf das Erreichte stolz *u sein. Wir hijben uns den Sabbat für unsere Jugend von außen schenken lassen müssen. Wir haben nicht die Kraft besessen, ihn uns selbst zu erobern. Es berührt peinlich, wenn man in den jüdischen Zeitungen liest, wie Rabbiner und Lehrer sich irt der Schilderung der von ihnen geleiteten Sabbatvoranstaltungen zu überbieten suchen. Alle diese Bemühungen um die Rückeroberung des Sabbats für die Jugend sind zu begrüßen, dürfen aber in ihrer Wirkung auch nicht OberschiHjrt werden Wir sind noch lange nicht soweit, daß die Jugend wieder Schabbos macht, bislang machon wir ihn noch für sie. Auf die' Frage des römischen Kaisers, warum die Speisen der Juden am Sabbat besser schmecken als an den Wochentagen, antwortete bekanntlich der Rabbi: „Wir haben ein Gewürz, das macht die Speisen besonders schmackhaft: Sabbat ist sein Name." Es ist sicherlich ein Fortschritt zu nennen, wenn wir vonseiten der Gemeinde unsoror Jugend diesen Snbbatgcsohmack zu vermitteln suchen- Aber olle unsere Mühe wird vergeblich sein, wenn der Sabbat nicht wieder seinen Eingang hält in das Elternhaus. Was besugon die schönsten Feiern im Gemeindehaus, wenn das Kind, nach House zurückgekehrt, die unsabbatliche Stimmung und die prosaischste Werktagsatmosphäre vorfindet. Wir wollen nicht über die wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Berufsleben» miteinander streiten. Die Eltern, die ihre Kinder vom Sabbatunterricht befreien lassen, haben damit für sich gleichzeitig eine Entscheidung für den Sabbat getroffen. Irgendwie muß das in ihrer Haltung zur Frage der Sabbatheiligung zum Ausdruck kommen. Der Sabbat muß in irgendeiner Form auch vom Ellernhause wieder starker Besitz ergreifen, sonst ist aller Aufwand im Dienst der Rückeroberung der Jugend für die Idee des Sabbats umsonst vertan. Dr. jur. Ernfi Scheyer-Liegnits Freitagabend im Elternhaus Ihre Frage, wio wir die Jugend für den Sabbat gewinnen, bedeutet für mich nur einen Ausschnitt aus dem Fragen komplex, wie wir überhaupt das gesamte religiöse Leben, Insbesondere dos religiöse Leben der Jugend, intensiv. gestalten. Ich möchte daher diese Frago nur in diesem Zusammenhang be-r handelt wissen, da lediglich die Gewinnung der Jugend für den , Sabbat, ohne sie und insbesondere die Eltern gleichzeitig für das gesamte religiöse Leben zu erfassen, zu einem Erfolg nicht führen kann. Gemeinde und Schule hoben daher die Verpflichtung, diese Frage im Rohmen der .gesamten religiösen ' Erziehung zu behandeln. Hiermit glaube ich von vornherein, meine Ansicht zu der; speziellen Frage in 4«F Hauptsache beantwortet zu haben, tUo Jugend, unabhängig vom Alter, iüt für den Sabbat nicht allein dadurch zu gewinnen, daß man sie vom Unterricht ganz oder teilweise befreit, den Gottesdienst in einer Form gestaltet, die der Jugend Rechnung trägt, wenn das Elternhaus nicht Selbst den Sabbat ini eigenen Heim gestaltet. Infolgedessen muß zunächst' im ElternhauB der Freitagabend in alter, ehrwürdiger Weis* begangen werden. Die gesamte Familie muß im Freitagabend' den Sabbat unter Wahrung der „ überlieferten religiösen Form,: begehen. Diese' alte Forderung der, religiös-liberalen Richtung, den Freitagabend der Familie zu erhalten,