Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 1 (2.1.1935)
- Date
- 1935-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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schilda in Vorbindung kommen. Der Bankier veräußerte einen großen Teil seiner im Augenblick. ungünstig. stehenden Aktien und war nach Schluß der Börse wieder ein gemachter Mann. Von' der Heise zurückgekehrt, erstattete er dem Rabbiner seines Ortes Bericht, den er mit den Worten schloß: „Mit, nichts hat mir der Baron aus der Patsche geholfen." Darauf der Rabbi: „Hier hat Bich wieder einmal das alte Talmud-Wort bewahrt: „Schließe Dich einem Großen an, und alle worden sich vor Dir verbeugen." Atelierbefuch Nicht ein einziges Porträt — dos iöt der erste Eindruck, dem man im Atelier Meto Cohn-Hendels unterliegt. Soweit dos Auge reicht: nur Landschäften, Landschaften.,, Berge, Seen, BSumc, Wiesen, Täler mit ihren Flußläufen, Blumen. Eino emphatische Liebe zur Natur, zu ihrer gigantischen Größe, zu ihrer Lieblichkeit spricht aus diesen Arbeiten. Intensives Erfassen der Großartigkeit (Ter Szenerie, zärtlichstes Herausarbeiten auch des kleinsten Halmes lassen jedes Bild zu einem Kunstwerk werden. Ungern trennt man sich von den „Dächern von Sevres", von den groß in der Komposition und stark in dem farbigen Zusammenklang angelegten Landschaften des Etschtales, «les Engadins, der Dolomiten. Neben diesen Werken nehmen Radierungen breitesten Raum ein. Illustrationen zu Musiktakten, die „Melodien-Mappe", Illustrationen zu Gedichten von Morgenstern; ziemlich versteckt die nnmutighingehauchten Blätterj Vorfrühling hei Gattingen, Vorfrühling in der Mark, Obstgarten usw. Auch Italiens berühmte Statten, die Via Appia, das Palatinum sind von Meto Cohn-Hendel in kühnen Strichen skizziert worden. Farbenholzschnitte aus fünf, sechs Farben, Stilleben, zeigen neben rein intensiver Einfühlung auch die handwerkliche Fertigkeit der Künstlerin. H._ R. Juden auf der Infel der Aphrodite Wie die Juden von Zypern leben — ,JBuenos" und ,JSchalom" — Gottesdienfi im Gutshaus — Kinder, die fechs Sprachen beherrfchen Von unserem A. G. - Berichterstatter Nicosio (Zypern). , Mitten auf dem Wege zwischen Istanbul und Port Said, zwischen Brindisi-Athen und Haifa, liegt einsam im östlichen Mittelmeer Zypern, die Insel der Aphrodite. Man weiß für gewöhnlich nicht viel von diesem Eiland. Wenn in seinem besten Hafen, in Famagueta, die Ankerketto niederrasselt, erinnert man sich unbestimmt, daß hier der Dichterfürst von Stratford seinen schwarzen Helden an Desdemona die unheimliche nächtliche Frage stellen ließ, entsinnt sich vielleicht auch noch der Sage, wonach vor einem der vielen zyprischen Küstenfelsen nach dem grauenvollen Kampf Saturns mit Uranus die schönste Griechengöttin sich aus den Fluten eines zornig schäumenden Meeres hob. So geht man denn ein wenig neugierig an Land und ist bald inmitten eines Gewirrs von Moscheen, griechisch-byzantinischen Kirchen und gotisch-abendländischen Kathedralen. Und in schattigen Olivenhainen schlummern orthodoxe Klöster, armenische Kirchen leuchten Weiß von den Felsen des Troodos, unter dürren Dattelpalmen, dunkelgrünen Orangenbäumen und mächtigen Eukalypten lustwandeln verschleierte Türkenmädchen, Männer im Fes und modisch angezogene Griechen neben stolzen britischen Soldaten. Ein entsprechendes Sprachengewirr dringt an dos Ohr, dos dann deutlich zu unterscheiden vermag, daß hier auch Juden zu Hause sind. Das spaniolische „Buenos und das hebräische „Schalom" ' weist darauf hin, daß es auf diesem Eiland auch Kinder aus dem Stamme 'Juda gibt, alteingesessen, engstens verbunden mit dieser Erde. Denn weit draußen in der karg bewässerten Ebene von Mossaoria liegen unter einem fast ewig blauen Himmel jüdische Kolonien. - , Keine Schöpfungen der jüngsten Zeit etwa! — Nein, zum Teil sogar ganz alte Siedlungen, so daß man mit einem gewissen Recht von einem zyprischen Judentum sprechen darf. Allerdings findet man auf diesen Gütern Juden von ganz verschiedener Abstammung. Die frühesten jüdischen Einwanderer, die natürlich aus dem nahen Palästina kamen, haben keinerlei sichtbare Spuren hinterlassen. Sie sind verschwunden wie die in der gesamten antiken Welt berühmten zyprischen Tonformer, auf deren Erzeugnisse der Wanderer auch heute noch oft und oft stoßen kann, wenn er über Land geht. Die ganze Erde dieser InBel scheint ein einziges Reservoir von Altertümern zu sein, von Skulpturen, Gefäßen und Gemmen, von deren Herstellen kaum die Sage, geschweige denn die Geschichte kündet. Auch y.on den venetianischen Juden sind keine Reste übrig geblieben, von jenen Kaufleuten, die während der Herrschaft der mächtigen Republik ins Land gekommen waren, in ihrer damals vorgeschriebenen mittelalterlichen Tracht. Ebensowenig weiß man heute noch von den Israeliten, die in der Türkenzeit auf Zypern seßhaft wurden. Die zyprischen Juden, die sich der Landwirtschaft fewidmet haben, Stammten vielfach aus Rußland. Unruhen im öden des ehemaligen Zarenreiches, in der Ukraine und in Bessarabien, haben die ersten jüdischen Ansiedler nach Zypern gebracht, und nach ihnen kamen dann, besonders in den Hovolutionsjahren um die Jahrhundertwende, weitere Ansiedler. Die neueste Zeit dagegen hat dem Lande kaum weiteren Zuwachs gebracht, wenn auch der Handel mit Palästina — nicht zuletzt auch der Austausch oder Bezug von Arbeitskräften, Apfclsinenpackern vor allem — von Jahr zu Jahr zunimmt. Bezeichnend für die eingesessenen zyprischen Juden ist ihre Frömmigkeit. Es gibt auf dem flachen Lande — und übrigens auch in den Städten — keine Synagogen. Aber jedes Gutshaus hat ein Zimmer für die gesamte Kolonie bereitgestellt, in dem regelmäßig der Gottesdienst abgehalten wird. Festtage und die Sabbatruhe werden strenge eingehalten, und in der Regierungsschulc wird — auf Kosten der Kolonisten — der Religionsunterricht besonders gepflegt. Dicso Schulen sind überhaupt eine erstaunliche Sache. Die jüdischen Landkinder auf Zypern sprechen unter sich hebräisch. In der Schule ist dio Umgangs- und die Unterrichtssprache englisch, von den Eltern erlernen sie das Russische, und um sich mit der Bevölkerung verständigen zu können, ist die griechische und auch die türkische Sprache dringend vonnöten. Die jüdischen Lehrer Bind zumeist Spaiuolcn, so daß deren Kinder statt des Russischen das Altspanische beherrschen. Eino solche große Sprachgewandtheit führt gewissermaßen von selbst zu einem erhöhten Bildungsdrang, und so findet man in den einfachen Landhäusern ebenso wie in den großen Sälen der Gutsgebäudo ausgedehnte Bibliotheken. Das hindert die Menschen aber nicht, sich intensiv mit der Landwirtschaft zu beschäftigen. Landwirtschaft auf Zypern ist aber vor allem Bewässerungskunst und Kampf gegen die Malaria. Zypern ist kein Paradies. Das Leben dort erfordert den ganzen Menschen, und um so mehr Achtung muß man vor denen empfinden, die aller natürlichen, Unbilden zum-Trotz sich hier eine Heimat schufen, an der sie nun mit ganzer Seele hängen. Wo vor einem halben Jahrhundert hoffnungslose Brache herrschte, da erstreckt Bich heute ein fruchtbares Land mit unendlich vielen Olivenbäumen und Orangen, soweit das Auge reicht, und zwischen den durstigen Gewächsen plätschern unzählige kleine künstliche Kanäle. Arbeit von Generationen, über die die Welt nicht spricht, weil sie sich in keiner Weise in die Öffentlichkeit drängten. Das zyprische Judentum kennt nur die Arbeit und seinen Gott, der über dem Firmament thront, das Bich nachts in unbeschreiblicher Pracht über Aphroditens Insel breitet. Stimme ausgebildet wird, dort eines, das Schneiderei erlernt Iii einem. Turnsaal gibt es Gymnastik. Im old boys-club ist Billard große Mode. In einem anderen Raum ist der S p a r k 1 ü b zusammox Zur Stärkung geht man in dio von Mitgliedern geführte Kantine in „italienischer Landschaft". Ein Ausflug ins „camp" ist sehr einfach, da ein Raum entsprechend der wirklichen Landschaft, wo das camp im Sommer regelmäßig stattfindet, ausstaffiert ist. Wenige sitzen in der Bibliothek. Leben ist heim ■ Tischtennis. Hochbetrieb ist auf dem idealen riesigen Dachgarten, wo u. n. Fußball und Tennis selbst bei Lampenlicht gespielt wird. Sport ist wie auch sonst in England zentral. Ein Mitglied des Klubs, H. Mitzier, gcwnnn die Leichtgcwichtsmeisterschnft der Albert Hall. Sport ist aber vor allen Dingen " Erziehung zur „fairness". Erziehung zum Gefchmaek Ein stiller, geschmackvoll eingerichteter Raum dient der Erziehung zum Geschmack. Er ist z. B. für Zusammenkünfte derer bestimmt, die heiraten wollen, und an die Fragen der Einrichtung herantreten. ' Wie gesagt, „Erziehung zu körperlicher, geistiger und moralischer Tüchtigkeit" ist das Ziel, ein Ziel, das auch erreicht wird. Ein Besuch des Lordmayors, der kürzlich stattfand, beweist das Interesse der Behörde. Der Besuch ist deswegen von Wichtigkeit, weil es das dritte Mal ist, daß ein Lordmayor ins Settlement kommt. Was drei Lordmayore getan haben, Btellt für jeden folgenden eine Verpflichtung dar. Es wird also jeder künftige Lordmayor von London die Stätte besuchen, die der Erziehung, zu guten englischen Bürgern auf der Grundlage der jüdischen Religion gewidmet ist. Im Klubhaus der Jugend Von unserem Berichterstatter Dr. G. M. KUSCH London, im Dezember. Der Osten Londons: eine Gegend, wo Familien von zehn Köpfen in zwei Zimmern wohnen, ein Distrikt, nahe den Docks, ■ wo die Quartiere der Ärmsten sind, ein Stadtteil, der die größte Bevölkerungsdichte Londons aufweist. In dieser furchtbaren Genend erhebt sich ein Bchönes großes Haus, ein Klubhaus. Es ist das Bernhard Baron St. Georges JewiBh Settlement (under the auspices of the West London and Liberal Jewish Synagogue). „Wir streben hier", sagte der Leiter Mr. B. Q. L. Henriques bei der Eröffnung,, „nach dem Ideal 'der Tüchtigkeit — körperlicher, geistiger und moralischer —, und wir machen es uns zur Aufgabe, unsere Mitglieder zu befähigen, würdige Bürger dieses großen Empires zu werden ... Im Hinblick auf das Ideal der moralischen Tüchtigkeit basiert das ganze Werk auf einer jüdiBchreligiösen Grundlage. Im März 2914 begann das Werk. Ein kleiner Klub von 25 Jungen im Alter von 13 Jahren in einem einzigen Raum. Der rapide Zuwachs,, die Angliederung eines Mädchen- und anderer Klubs machten einen anderen äußeren Rahmen nötig. Der Prinz von Wales gab bei einem Besuch im November 1926 der Hoffnung Ausdruck, daß bald entsprechende Räumlichkeiten gefunden werden möchten. Von Bernhard Baron kam dann bald die Hilfe. Bernhard Baron, der als Hausierer mit Zigaretten anfing und als Eigentümer der Carerat Werke, die aus der englischen Tabtkir.duatrie nicht mehr wegzudenken sind, starb. Bernhard Baron, dem auch die Erbauung der Liberalen Synagoge zu verdanken ist, gab 65 000 Pfund für die Erbauung eines eigenen Klubheimes. „Dieses Settlement soll als würdige Erinne- > riing für die Mitglieder des Klubs und der West London und der Liberalen Jüdischen Synagoge stehen, die ihr Leben für ihren König und ihr Vaterland in dem großen Krieg dahingaben", sagte der Duke of Gloucester, dritter Sohn des Königs, nei der Eröffnung im Juni 1930. Zahlen, eines Vormittags . Von vormittags bis nachts herrscht in dem Klubhaus Leben: Erwachsene und Jugendliche, die Arbeit suchen, Frauen, die um ' Erziehungsheihilfen bitten, alle Formen der sozialen Gerichtshilfe, Beratungen durch Anwalt und Arzt sind nur. einige Beispiele. Am , anschaulichsten ist wohl ein. Auszug aus dem Tagebuch über die Vormittagsberatungen: 19 Beratungen Bruch eines Vertrages, ' 22 Beratungen Kindeavcrnachläsaigung, 22 -Beratungen Kinder außer elterlicher Kontrolle, 122 Beratungen Kleidung, 26 Beratungen in' London gestrandete Provinzler^ 188 Beratungen Hospital, Ernährung, Genesung! 89 Beratungen Wohnprobleme, 51 Beratungen Darlehen. Erzichungsgemeinschaft, Selbsterziehung, Selbstdisziplin sind der Jugendbewegung in Deutschland vertraute Worte. Der Gedanke des Klubs ist in England wohl noch verwurzelter als in Deutschland der der Vereinsgründung. Nimmt man den Gedanken der Erziehungsgemeinschaft und den des Klubs zusammen, so kommt man wohl dem Wesen des Settlements am nächsten. Es ist eben nicht einfach ein Wohlfahrtsamt mit einem Jugendheim, das von Spenden lebt. In der Spenderliste des Settlements steht kein geringerer Name als der der Königin von England. Aber auch das ärmste Mitglied wird zu regelmäßigen Beiträgen, und sei es auch nur ein Pcnny,. herangezogen, solange es möglich ist. Das Mitglied soll für Beinen Klub zahlen und soll aber auch das Gefühl haben in seinem Klub zu sein. Feuermelder — hebräifch Bei alledem muß man berücksichtigen, daß die Problemlage hier ganz anders ist als in der deutsch-jüdischen Jugend, da in England der Prozentsatz der aus dem Ausland stammenden Juden die enorme Höhe von etwa 30o/a erreicht. Dazu kommt die ZusammenbaUung im Eastend, dem Distrikt des Settlements, als Wohn- und Arbeitsgegend. Als sichtbarste Auswirkung dieses Zustandcs sei der Feuermelder vermerkt, der in hebräischen , Buchstaben zum Einschlagen der Scheibe auffordert. Hier fängt ja die Erziehungsaufgabo beim Sprachlichen an. Ein Werk wie das Settlement ist einzig in seiner Art in der Welt. Es ist nur auf Grund der unerhörten persönlichen und materiellen Opferwilligkeit der alles tragenden menschlichen Pfeiler möglich. Es ist nur möglich, weil Menschen da sind, die ihr ganzes Leben dem Werk und der Idee widmen, Menschen, die auch die Qualitäten besitzen. Dos Settlement hat seine eigene Synagoge mit regelmäßigen Gottesdiensten, dio auch Nicht- , mitgliedern offen stehen. Es ist die einzige liberale Synagoge in diesem Bezirk. Häufig hält der Leiter in der Tracht des Graduierten von Cambridge den Gottesdienst ab. Seine Frau versieht die Orgel und übt den aus Klubmitgliedern bestehenden Chor ein. Manche der dem Judentum Entfremdeten finden durch, diese - Gottesdienste den Weg zurück. Am Freitagabend ist der Klub nur für besondere Zusammenkünfte offen, deren Charakter Ruhe und Besinnlichkeit ist, An den anderen Tggen sieht der Klub wohl alle theoretisch nur denkbaren Formen der Aktivität. Da ist einer, der zur Fortbildung Sprachen lernen möchte, ein anderer, der an Tischlerei oder Schusterei interessiert tot. Da' ist ein Mädchen,, dessen Was ift ein Schlemihl? Die Etymologie, die Verwandtschafts- und Entwicklungaforsebune der Sprachen und Wörter, ist — wie ja die meisten Wissenschaften es sind — ein Gegenstand häufigen Streites. These steht gegen These, Meinung gegen Meinung. In die deutsche Sprache ist im Laufe der Jahrhunderte eine ganze Anzahl von Wörtern aus andern Sprachen und auch aus dem Hebräischen in einer Weise aufgenommen worden, daß Bie in keinem deutschen Wörterbuch fehlen dürfen. Die meisten von ihnen haben sich in der Aussprache und auch in der Rechtschreibung dem Deutschen ganz angepaßt: es sei nur an Keks erinnert, das aus dem englischen Worte cake (Kuchen) gebildet worden ist, und an das Getränk Schorle Morle, das aus einem Trinkspruch des Königs Jcrome von Westfalen, des Königs „Immer Lustik" entstanden ist; ein Trinkspruch, der ursprünglich lautete: „Toujours l'amour" (immer dio Liebet). Weil gerade vom Trinken die Rede ist — es wird wohl nicht allgemein Dekannt sein, daß der Ausdruck „mole" sein, also beschwipst, vom hebräischen mole voll stammt und davon abgeleitet auch die bekannte Berliner Molle. Wer sich dem Trunk ergibt, wird bald ohne Moob oder ohne Kies dastehen. Auch diese beiden Worte, das erste in der Studenten-, das andere in der Volkssprache oft angewendet, sind aus dem Hebräischen: moaus ist Geld und kiss Beutel, Geld. Wer kein Geld mehr hat, pflegt sich als pleite zu bezeichnen. Der Ursprung dieses Wortes geht auf das hebräische plejto, Flucht, aber auch Weggehen zurück. In Süddeutschland und Osterreich hat das Wort auch den ursprünglichen Sinn: pichte gehen heißt weggehen, aber auch verloren gehen. Das Wort Pleitegeier ist aus der ostjüdischen Ausspräche von Plehtegeher übernommen worden, hat also nichts mit dem Vogel Geier zu tun. Wenn jemand kein Geld hat oder krank ist, dann ist er in der Regel ein Nebbich. Dieses Wort: Substantiv und zugleich Interjektion, mußte sich die verschiedensten Deutungen gefallen lassen: es ist ein Ausdruck des Bedauerns, des Mitleides, zuweilen auch mit etwas Ironie und Spott gemischt. Ein Nebbich ist ein im Grunde bedauernswerter Mensch. Dann ist der Ausdruck ein Wort, das warmes Mitgefühl erregen soll. Ein Nebbich kann aber auch ein Mensch Bein, dem es materiell und gesundheitlich ganz gut geht, der aber unbeholfen, linkisch, ungeschickt ist, und dann tritt die Klangfärbung zwischen Spott und Mitleid bei dem Worte nebbich auf. Man erklärt den Ausdruck aus einer Zusammenziehung der Worte „nie bei Eueh". Das soll ein frommer Wunsch sein, damit niemand in die unglückselige Lage komme, ein „Nebbich" zu worden und somit kern Mensen, von dem und zu dem man nebbich sagen muß. Die Deutung scheint nicht ganz richtig. ' Wahrscheinlich ist, daß daB Wort aus dem Hebräischen kovamt. Moimonidcs, der bedeutende ReUgionsphilosoph, hat ein Werk geschrieben: „More nebuchim", der Weg der Irrenden. Nebucbim ist die Mehrzahl von nebuch, in der östlichen Ausspräche nebbich, so daß ein Nebbich ganz wohl ein Mensch sein kann, der in der Irre geht und sich dadurch allerlei Unannehmlichkeiten, Verluste zuzieht. Und nach dem alten Worte: »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen" zum Nebbich gestempelt wird. Nahe verwandt mit dem Nebbich ist der Schlemihl — ein Name, der durch Adalbert von Chamisso unsterblich wurde. Heine, der sich auch für den Namen interessierte und ihn in seinen Hebräischen Melodien erklärt hat, fragte bei ChamiBso Belber an; dieser verwies Heine an Hitzig. Der Gelehrte gab nun die Erklärung, der erste „Schlemihl" sei ein Pechvogel gewesen, der für die Sünden eines Anderen schuldlos den Tod erleiden mußte. Von diesem Schlemihl erzählt ein Midrasch Tanchuma, er habe, als — nach 4. B. M., Kap. 25 — Pinchas ein götzendienerisches und buhlerisches Paar mit der Lanze durchstach, nicht den Sünder Sünri, sondern einen Unschuldigen, Schelumiel ben Zuri Schaddai, getötet. Diese Hypothese hängt indessen ganz in der Luft- Chamisso hat aber an diese Deutung geglaubt und in einem Schreiben an seinen Bruder Hippolyt auf diesen sagenhaften Schlemihl hingewiesen. Die Erklärung, daß Schlemihl aus einer Verstümmelung von Schlimmoseel (schlimm und massei), also Unglücksbruder, Pechvogel entstanden sei, ist etwas weit hergeholt. Die natürlichste Auslegung .wäre, daß es einmal einen armen Teufel namens Solomon (Schloune) oder Samuel, hebräisch Schemuel, in östlicher Aussprache Schmihl, gegeben hat, der vom Unglück verfolgt wurde, und daher ein unglückseliger Schlounil oder Schmihl genannt wurde. Aus ihm schuf man eine Type, aus Schloimil oder Schmihl wurde mit der Zeit der Schlemihl. Einem Schlemihl, dem es schlecht geht, sieht man es auch an der Kluft an. Das Berlinische Wort Kluft für „Kleidung" aber ist aus dem Hebräischen chalipba, Hülle, entstanden und. auch dio letzten Klamotten, die der Schlemihl — nebbich I — verkaufen muß, haben ihren Namen aus dem Hebräischen: kol omoth, allerlei Waren oder Sachen. Doch nur dumme Leute lachen über das Unglück. Wer dumm ist und ungebildet, gilt häufig als ein K a f f e r. Man glaubt, daß damit auf die wilden Zulukaffern angespielt wird. Nein: auch Kaffer ist hebräisch, kommt vön kephar,1 Dorfbewohner, Bauer, in der früher leider oft gebräuchlichen Redensart vom dummen Bauer. ' ' . Wenn man von mies spricht, dann lehnt man sich gleichfalls ans Hebräische an: mius heißt nämlich häßlich, zuwider. Mies kann Adjektiv und Adverb Bein: man kann sagen, jemand ist mies (er ist häßlich), man kann sagen: mir ist mies,' mir ist unbehaglich zumute. Jemand an etwas die Lust verderben, heißt, jemandem etwas mies machen, und gegen die Miesmacher' wird in berechtigter Weise gekämpft. Dr. B. Seh.