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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-01-02 · 1 (2.1.1935) · page 9

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
1 (2.1.1935)
Date
1935-01-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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2. Beilage 2. Januar 1935 JÜDISCHE AUGEMEWE ZEITUNG 9 Bei Rothschilds Zum 2S" Dczcmb" w« hübsch gc- 3M Gast druckte Einladung ergangen: „Die Rothschilds" baten untertänigst nach dem Brüdcrvereinshaus, abends 8 Uhr. Ein Teil der Gäste war denn auch, wie's gesellschaftlicher Takt erfordert, pünktlich zur Stelle. Die Obcrwiegcndc Mehrzahl jedoch stellte sich erat so um halb neun herum ein, weil sie, laut Einlaßkarte, zu dieser Zeit gebeten war. Von so prominenten Gastgebern hatte man erwarten dürfen, daß sie einen organisatorisch besser dressierten Haushofmeister in ihren Diensten hfitten. Inzwischen wurde in einem Nebenraum eine Hochzeit gefeiert. Bis gogen neun Uhr hatte man ausgiebig Zeit, den Hochrufen auf das verehrte Brautpaar zu lauschen und dos Programm zu studieren. Es lohnte sich. Es stellte vor: Egon Jacobsohn, -.ehedem^ Journalist und Hörspiclautor", als Eamiljcnbiograph, rachif'cler Hochzcitsgäslc von nebenan, sondern des Hauses Rothschild; Camilla Spira, „ehedem Bühnen- und Filmdarstcllcrin"; Else Dublon, „ehedem Ballcttmcistcrin"; Gerda Kocpplcr, „ehedem Kleinkunst-Größe"; Joseph Plaut, nichts von „ehedem"; Willy Präger, „ehedem Star aller Kabaretts"; Erna Klein, „ehedem Klaviervirtuosin im Konzertsaal und Rundfunk". Es wfire von ■dem Rothschildschcn Haushofmeister taktvoller gewesen, wenn er auf diese Ehedcmut verzichtet hfittc. Immerhin durfte man sich nach einer solchen Ankündigung der Ehedcmlichcn einen wertvollen Abend versprechen. Statt dessen gab es etwas, was dem Hause Rothschild erfreulicherweise stets erspart geblieben ist — eine Pleite. Man sollte unterhalten werden. Man wurde mit Jahreszahlen und Daten vollgepaukt. Jeden Augenblick hatte man Angst, daß der Herr Lehrer von seinem Podium herab einen der unpräparierten Gast- Schüler aus dem Schlaf aufrief und ihn examinierte: „In welchem Jahr wurde Maicr Amschcl Rothschild auf die Rabbincrscliulc nach Fürth geschickt, Sowicsohn?" Oder: „Eskcles, wann und auf welchem Wege reiste James Rothschild nach Paris?" Oder: „Was war Frau Gudula Rothschild für eine Geborene?" Es waren auch Kaufleute unter den Gästen. Sic hatten gehofft, sich einmal von den täglichen Geschäftssorgen zu erholen. Aber was geschah? Sie mußton voller Neid auf Lichtbilder blicken, die ihnen die wachsenden Jahresabschlüsse des Frankfurter Bankhauses vorgaukelten und wurden dabei unsanft an die eigenen Bilanzen erinnert, dio sie in den nächsten Wochen aufstellen müssen. Dazwischen wurden auch Schlaflieder gesungen. Eine überflüssige Aufmerksamkeit. Es ging auch so, trotz der harten Stühle. Auch eine Rossini-Oper wurde als Solodarbietung parodiert, weil der Verfasser der kabarettistischen Doktorarbeit über die Frankfurter Finanzdynastic in der Fußnote eines der, gelehrten Bücher über die Rothschilds entdeckt hatte, daß Anselm oder Nathan oder Salomon oder Karl oder James — entschuldigen Herr Lehrer, ich hab's vcrgesBCnl — einmal irgendetwas mit Rossini gehabt hat. Und derselbe Künstler setzte sich einen vermantschten Hut auf und behauptete, er sei eino Zeitgcstalt der Rothschilds: je nach der Vermantschung Goethe oder Napoleon odor der Alte Fritz. Was der Hohenfriedberger Marsch auf zwei Flügeln noch betonte. Es gab auch ein^paar Entgleisungen. Allerdings nicht bei der ersten Eisenbahn, deren FährniB3c die Tänzerin des Abends einfallsreich parodistischen Ausdruck finden ließ. Um Mißverständnissen vorzubeugen: der Pfiff, der erscholl, kam von der Bühne und gehörte zur ersten Eisenbahn. Die Hochzeitsgäste in der Nachbarschaft der Rothschilds hätten sich an diesem Hochzcitscarmcn, durchsetzt mit einigen der mit Recht so beliebten bezüglichen Verse, sicherlich Bchr erfreut. Warum diesem Ereignis so viele kritische Worte gewidmet werden? Weil es höchste Zeit ist, einmal, bei allem ernsten und tiefen Verständnis für die wirtschaftlichen und seelischen Nöte der Künstler, nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß mit solchen anspruchsvoll aufgemachten Verunstaltungen, die unlor dem Protektorat der Jüdischen Künstlcrhilfc oder ähnlichen Rcklantemarken in die jüdische Öffentlichkeit eingeführt werden, Schluß gemacht wird. Es ist an der Zeit, daß eine nicht allein wirtschaftlich, sondern auch künstlerisch und taktlich verantwortliche Stelle .diese Dinge in ihre Obhut nimmt und auf ein dem tatsächlichen Konsum entsprechendes Maß zurückführt. Den beteiligten Künstlern wird sonst auf die Dauer mehr Schaden zugefügt als genützt. Das Publikum ist glücklicherweise — einstweilen noch — zu wirklich künstlerischer Nahrungsaufnahme, schwerer und leichter Art, bereit. Und es ist dankbar dafür. Aber es droht die Gefahr, daß es infolge Dberfüttcrung die dargebotene KoBt verweigert, namentlich, wenn es merkt, daß sie ohne Heiz und Gehalt ist. Benjamin. Eine Rothfchildgefchichte Der Inhaber eines Bankgeschäftes war in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Um einen völligen Zusammenbruch seines Unternehmens zu verhindern, entschloß er sich auf den Rat des Rabbiners seiner Gemeinde zu einer Fahrt nach Frankfurt am Main,,., um den Baron Rothschild aufzusuchen, an den ihn der Rabbiner ein Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte. Er wurde vom Baron Rothschild freundlich aufgenommen und für 4en Abend zu Tisch geladen. Die angeregte Unterhaltung drehte sich um alle möglichen Fragen,. nur geschäftliche Dinge wurden nicht berührt, una.der Gast fqnd keino Gelegenheit seinem sorgeqbclqdencn Herzen, Luft zu machen. „Bühne frei! — Vorhang auf!" Eine Viertelftunde vor Beginn der Aufführung I Von eugen Tannenbaum Sieben Uhr. In fünfzehn Minuten beginnen dio ersten Takte des Orchesters. Der Zwölfer-Autobus entlädt an der Charlottcnstraße anderthalb Dutzend Mitglieder der Abteilung 23. Im Vorraum des Berliner Theaters macht ein Abwcchslcr seinem Herzen Luft und die Leitung des Kulturbundes dafür verantwortlich, daß er schon zweimal Plätze in der 14. Parkettreihe aus dem Loskasten herausgefischt habe. Die Garderobenfrauen entfalten größte Aktivität. Langsam füllt sich dor Zuschauerraum. Die Kardinaltugcnd des Theaters ist Täuschung. Sic wird zur Vollendung in den Künstlergarderoben, in denen sich Zivilpersonen in die Würde von Ministern, Staatsgouverneuren und Offizieren hüllen, sich in langbärtige und verhungerte Staatsgefangene und Wachen in strahlender Uniform verwandeln. Die einzelnen Garderobentüren tragen die Namen der bürgerlichen Visitenkarten. Anklopfen ruft ein baritonalcs Echo hervor. Siegfried U r i a s , der finstere Pizarro des „Fidclio", ist noch im Siegfrieds-, um nicht zu sagen im Adams-Kostüm. Der „Pizarro" mit Degen und Dreispitz hängt noch an der Wand. Die Ruhe, mit der sich der Künstler auskleidet und umkleidet, verrät in nichts das Temperament, das er bald darauf im Gefängnishof auf der Bühne entfesseln wird, die Erzählung seiner Laufbahn — sieben Jahre Schauspieler in Bonn, in Köln, dann von Walter Braunfels, dem Komponisten der Oper „Die Vögel", als Hcldcnbnriton entdeckt — nicht die geringste Spur von Lampenfieber. Der Maskenbildner erscheint auf der Bildflüchc. Meister Max Schulz, übrigens ein Onkc] des Komikers Fritz Schulz und selbst einst Theaterkind am Czcrnowitzcr Stadttheator, wo der Vater als Gordcrobicr tätig war. Meister Schulz kennt sich in phot. Abraham Maskenbildner Schulz bei der Arbeit diesen Räumen aus. Vor dreißig Jahren hat ihn Ferdinand Bonn ans Berliner Theater geholt, er hat schon für Bonns Eröffnungsstück „Andalusia" Perücken geknüpft und Bärtc geklebt, für jene „Antlalusia", die einen solchen Durchfall erlebte, daß Bie am nächsten Tag den Titel „Skandalusta" erhielt und am zweiten Abend nicht mehr das Rampenlicht sah. Wenn auch die eigentliche Arbeit des Maskenbildners — die Anfertigung der Perücken und Bärte in eigener Werkstatt nach eingehender Besprechung mit Regisseur, Darstellern und Bühnenmaler — längst vor der Premiere erfolgt, so ist er doch häufig am Abend der Aufführung anwesend, um einigen Solisten die Maske anzulegen und die Arbeit Beiner Gehilfen zu überwachen. Behutsam nimmt er die schwarzhaarige Perücke des Bösewichts vom Ständer, zupft sie noch ein wenig zurecht und paßt sie dem Sänger <an. * Aus dem Nebenraum trällerte in gedämpftem Baß: „Hat man auch nicht Gold beineben". Da sitzt ein Mann in gelbem Gehrock vor dem grell erhellten Spiegel. Auf dem Schminktisch vor ihm sieht es aus wie in der Auslage eines Friseurgeschäfts. Daneben aufgeschlagen der Becthovenscho Klavierauszug, nach dem er seine Partie nochmals gewissenhaft memoriert und dabei Pastillen lutscht, die er dem Gast anbietet. Seine Hauptaufmerksamkeit aber gilt der Maske. In eine bleich angeschminkte Gesichtsfarbe zieht er andächtig um Mund, Nase und Augen mit dem Schminkstift die Altersrunen des Kerkermeisters llocco. In Zivil Walter 01 i t z k i, ehemals Alberich, Beckmesser, Cardillac und Wozzek in Königsberg, nächstens des Baases Grundbesitzer in der „Verkauften Braut". Eine Klingel schrillt auf, von dor Bühne her. Zeichen des baldigen Beginns der Vorstellung. » Im matten Schein der Gänge ist es inzwischen lebendig geworden. Oberschminkte Chormitglicdcr und Statisten männlichen und weiblichen Geschlechts werden von den Thcatcrfriscurcn noch einer letzten kritischen Musterung unterzogen und drängen aus ihren sachlich-nüchternen Ankleidcräumcn heraus. Generalmusikdirektor Rosenstock, der mitreißende Dirigent der Aufführung, verläßt gleichfalls Bein Zimmer, in dem er sich seine Arbeitskleidung, den festlichen Frack, angelegt hat. In halbfertigem Aufzug, in offener Bluse, stürzt Fritzi Jokl, die muntere Marzclline, aufgeregt aus ihrer Garderobe über dio knarrenden Stiegen auf die Bühne hinunter: „Um Gotteswillcn, noch nieht^ anf^ngo" -'"h hin noch nicht fertig I" Der 3nzigeV Oerm n.coen Minuten nicht aus der Fassung kommt, ist Siegfried B c r i s c h , der als Verantwortlicher das Reich der Bühne überwacht und sich als alter Routinier nicht aus der Ruhe bringen läßt: „Wart'ma halt noch", und gelaascn klebt er in das Inspektionsbuch, das neben dem aufgeschlagenen Klnvierauszug auf einem Pult hinter einem Bühncnpfcjler liogt und Raum für kritische Bemerkungen enthält, den Theaterzettel des Abends ein. Der Anfang der Vorstellung verzögert sich ohnehin um ein weniges, denn im gleichen Augenblick dringt die Meldung auf die Bühne: „Noch keine ,Lconorc' im HauseI" Telefongespräche, Rückfragen, Durchcinandcrrcnnen. Bis der Portier durch das Haustelefon die erlösende Mitteilung macht: „Lconorc soeben eingetrudelt!" * Musiker schleichen sieh mit ihren Instrumenten über die Bühne nach dem Orchesterraum. Die Bühne liegt noch gespenstisch im trüben Licht sparsamer Lampen und birgt in ihron Winkeln mit den lauernden Schatten, den Treppen und umherstchenden Versatzstücken Gefahr über Gefahr für den Neuling im Bühnenreich. Es ist wie ein raffiniert angelegtes System von Follgrubcn und Fußangeln. Längst ist das schmucke Zimmerchen des KerkermciBtcrB in einem Rahmen des Bühncnausschmtts aufgebaut. Jedes Requisit liegt auf seinem Platz. Auch die Dekorationen für das nächst« Bild stehen auf dem Karussell der Drehbühne für den schnellen Zugriff der Bühnenarbeiter bereit. Seit einer Stunde ist die Beleuchtung bis ins einzelne ausprobiert. Die Elektrotechniker kriechen auf einer Galerie herum und projizieren jetzt kurz vor dem Ertönen des letzten Klingelzeichens gewaltige BoBtioncn auf den fahlen Bühnen-Horizont. Die Feuerwehr, stets als erste zur Stelle, hat das ganze Haus revidiert. Gemütlich nimmt der diensthabende Beamte neben dem Bühnenausguck Platz. Aus dem Zuschauerraum dringt unartikuliertes Volksgemuxmel. Verspätete Theaterbesucher zwängen sich hastig auf ihro Plätze. Andere sind mit dem Auswendiglernen des Theaterzettels beschäftigt. Zwischen Parkett und Rang werden pantomimische Grüßo ausgetauscht. Im Orchester werden die Saiteninstrumente auf ihre Sümmreinheit hin überprüft. Ein Klarinettist dudelt ein paar Passagen vor sich hin. Der Mann an dor Pauke hat eino Abendzeitung über das Trommelfell seines Instruments gelegt. Ein letztes Klingelzeichen des Inspizienten, der sein Schaltbrett mit der Virtuosität eines Organisten handhabt, ruft dio Sänger für die erste Szene auf die Bühne. ' Pizarro, kaum wiederzuerkennen, hat sich schon eingefunden und durchmißt mit riesigen Schrillen de i Bühnenraum. Jacquino- F c h e r Btudicrt die von Dr. . Singer unterzeichneten Anschläge am Schwarzen Brett neben dem Bühnenausgong, die dringend Sparsamkeit mit Licht befehlen und für die Mitwirkenden das Verbot aussprechen, vor dem Einläuten auf der Bühne zu erscheinen. „Bühne frei!", kommandiert der Inspizient und drückt auf einen der unzähligen Knöpfe seines Schaltbretts. Das Haus verdunkelt sich, während dio Bühne sich zu strahlendem Glanz erhellt. Lautlose Stille. Bis in dio entferntesten Winkel hört man das Anschlagen der Kapcllmeisterstabes. Zu reglosen Statuen haben sich Jacquino und Marzelline in Erwartung des Beginns aufgebaut. Der Inspizient verfolgt .nach dem Klavierauszug dio letzten Takte der Ouvertüre. Dann ein neuer, schneidender Befehl: „Vorhang auf". Die schwere Gardine wird von einem kräftigen, jungen Bühnenarbeiter hochgewunden. Der Taktstock des Dirigenten zückt sich gegen die Bühne. Marzelline läßt ihr Plätteisen über die Wasche dahingleiten, und aus Jacquinos Munde erklingen dio ersten Sätze der Oper: „Jetzt, Schätzchen, sind wir allein ..." Beim Abschied meinte Rothschild zu dem Bankier; „Sie wollen doch gewiß morgen auch dio Börse besuchen, vielleicht finden Sie sich ein Vicrtelstündchen früher ein, dann können wir noch ein bißchen zusammen plaudern." Nach einer schlaflos verbrachten Nacht stellte sich der Bankier eine halbe Stunde vor Beginn des Börsenverkehrs vor der Börse ein, und pünktlich fünfzehn Minuten vor der festgesetzten Zeit fuhr auch der Baron vor. Er ging auf den Wartenden zu, nahm ihn unter den Arm und promenierte mit ihm vor dem Börsengebäude auf und ab. 'Die Börsianer kamen vorbei, die Makler und die Sensale, und alle grüßten ehrfurchtsvoll den Chef des Welthauses und musterten neugierig den Glücklichen, der Arm in Arm mit ihm einherspaziertc. Wie gern hätten sie dos Gespräch belauscht, das ohne Zweifel wichtige Börsentransaktionen zum Gegenstand haben mußte. Auch der Bankier hatte lieber über seine eigenen Angelegen-, heiten gesprochen und sich von dem Fihanzgenie Rat geholt. . Dor Baron aber fragte ihn statt dessen nach dem Grunde der auffälligen Tatsache, daß man in .vielen Gemeinden Ober- und Mittelfronkena die Bußgebete in der venezianischen Ordnung spreche. Als das Plaudervicrtehtündchen vorüber war, führte Rothschild seinen Schützling in die Brandung des auf- und abwogenden Börseastrudels und verabschiedete sich freundschaftlich. Bevor der allein gelassene Bankier eich seine Lage klar machen und einen Kriegsptah zurechtlegen konnte, wurde er von den verschiedensten Seiten angesprochen. Man bot ihm, Werth an, Jeder wollte mit dem offenbar vertrauten Geschäftsfreund Roth-

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