Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 346)
- Language
- German
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326 an; nachdem er zuvor das Haus, worin der „Karfunkel" wohnte, seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Er fand den alten Vorbeter noch immer schlafend. Um ihn nicht zu stören, setzte sich Feiwelmann ohne Geräusch hin und bewachte den Schlummer des alten Mannes. Wie ruhig, wie theilnahmlos der alte Mann da lag! Wie gleichmäßig seine Athemzüge gingen! Alle Falten in seinem Antlitze waren von dem heiligen Schlafe ansgeglättet worden, nicht das leiseste Muskelspiel ward darauf sichtbar. Wunderbar verjüngt sah der alte Mann in seinem Schlummer aus. Das war wieder der David Brod, dessen Kind noch in einer Laubhütte saß und dabei Synagogenmelodien vor sich hinsang; das war wieder der Vorbeter der Gemeinde, dessen Stolz und Lebensfreude darin bestand, wenn die Leute an einem Feiertage nach dem Gottesdienste ihm nachsagten: Heute hat David Brod sich selbst übertroffen. Und doch fuhr heute sein Kind in einem prächtigen Wagen, wohnte im ersten Gasthofe Prags und war die berühmte Sängerin Jsabella Brodini! Stunden waren vergangen, und noch immer konnte die erschöpfte Natur des alten Mannes sich nicht den Banden der lang entbehrten Nuhe entwinden. Mittag war längst vorüber, und er schlief noch immer. Die stumme Wacht Feiwelmann's behütete ihn und wurde nicht müde. Mit eitlem Male fuhr er auf; er blickte mit klaren Augen um sich: „Was ist die Zeit, Feiwelmann?" rief er. „Nachmittag ist halb vorbei!" „Lebendiger Gott! und früh Morgens sind wir angekommen! Wir müssen ja das Kind aufsuchen!" „Erst wirst Du Dich mit Speis' und Trank erquicken, David, und dann wollen wir ins Theater gehen."