Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 345)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609302--5976-2613328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
325 Feiwelinann näherte sich schüchtern dem Manne. „Wer war die Dame in dem Wagen?" fragte er im Tone der tiefsten Unterwürfigkeit. Der Mann sah verwundert auf den seltsamen Frager. „Das war Fräulein Brodini, die berühmte Sängerin, die hier bei uns wohnt", belehrte ihn gnädig der Mann und wandte sich von ihm ab. Schon war Feiwelmann nahe daran, sich dem Manne zu entdecken, und ihn zu bitten, wenn die berühmte Sängerin wieder nach Hause käme, ihr nur einfach zu sagen: Feiwelmann der Baß wäre da gewesen. Auch das treuherzige Gemüth des „Baß" konnte der Versuchung des Stolzes nicht entgehen. Wie mußte seine Persönlichkeit in den Augen des unfreundlichen Mannes im Werrhe steigen, der rhn kaum einer Antwort würdigte. Zum Glücke kehrte ihm die ruhlge Besinnung alsbald zurück. „Nein! nein!" beschwichtigte er sich selbst; „jetzt nicht. Sie könnte erschrecken und das würde ihr beim Singen Schaden bringen. Ich kenne so etwas an mir, und wie könnte ich das vor mir und meinem Gewissen verantworten? Ich stelle mir vor, so ein Mensch, der in der Kunst lebt, dem hat Gott eine ganz andere Natürlichkeit gegeben; ein Bauer, der den ganzen Tag auf dem Felde steht, und pflügt und säet und erntet, der bleibt gesund, und thut ihm kein Haar an seinem Leibe wehe; aber so eine Valentine in Meyerbeer's Oper, so eine Jsabella Brodini kann vom leisesten Luftzuge einen Nachtheil haben. Soll ich der Luftzug sein? Und daß man mir dann vorwirft, Feiwelmann, der Baß, hat's verschuldet?" Mit einem zufriedenen Lächeln, das die gesammte Breite seines Antlitzes sonnig beleuchtete, trat er wieder den Rückweg