Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 311 (sequence 331)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Mit dieser Bezeichnung ging die ,,Gasse" unstreitig viel .zu weit. Gottlieb Weißfisch, der Mediziner, war durchaus nicht das, was man im Leben so oberflächlich einen schlechten Studenten nennt; aber weil er bereits durch volle zehn Jahre seiner Wissenschaft oblag, ohne daß er es zu einem Abschlüsse als wohlbestallter Doktor brachte, während Gottlieb Weißfisch eigentlich nur der Wissenschaft in die allerletzten Geheimnisse Hineinblicken wollte, wozu bekanntlich eine längere Zeit erheischt wird, als gewöhnliche Menschenkinder diesem Geschäfte zu widmen für gut befinden — darum nannten ihn die Leute einen verdorbenen Studenten. Anscheinend hatten sie wohl eine Art Berechtigung dazu, im Grunde jedoch verdiente der Sohn des Schneiders durchaus nicht diese Bezeichnung. Wenn man ihn hörte und ansah, war er eine Zierde der Universität, und nur die Professoren, die ihm so „aufsässig" waren, daß sie ihm bereits dreimal den Rath ertheilt hatten, die schlechtbestandenen Prüfungen noch einmal zu bestehen, wollten dies nicht anerkennen. Wie dem aber immer sei, in einer Beziehung, und man konnte dies des schlechten Studenten eigentliche Wissenschaft nennen, war Gottlieb Weißfisch geradezu groß. Er kannte das Theater durch und durch; kein irgendwie bedeutender Schauspieler und keine irgendwo berühmte Schauspielerin waren ihm unbekannt, und namentlich in der Oper, seinem Lieblingsstudium bewies er staunenswerthe Kenntnisse. Der ,.verdorbene Student" war darum nur in den Augen der älteren Leute, die lieber einen „fertigen" Doctor in ihm gesehen hätten, ein Gegenstand stillwuchernden Spottes; für die jüngern dagegen hatte sich Gottlieb Weißfisch im Laufe seiner medizinischen Studien geradezu als unentbehrlich bewiesen. Was brauchten sie ins Theater zu gehen, wenn