Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 274)
- Language
- German
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254 ' „Meine Mutter ist gestorben, aber mein Vater ist Vorsänger in der Synagoge." „Du willst wohl sagen Vorbeter," meinte der Graf mit einem leisen Anfluge von Hohn, „denn von Singen wird wohl in euerer Synagoge kaum die Rede sein können. Ich kenne dieses Singen. „Mein Vater ist Vorsänger." rief das Kind mit erhöhter Stimme, „und wenn er den Baß neben sich hat. so klingt es außerordentlich schön. Man kann gar nichts Schöneres hören." Der Graf lächelte wieder. „Kannst Du auch singen?" „Ich kann fingen." „So finge mir etwas vor." „Was soll ich singen?" „Etwas aus deiner Synagoge!" sagte der Graf nach kurzem Ueberlegen. Wer möchte bestimmen wollen, was in der Seele dieses Kindes gerade jetzt vorging? welche Wünsche, welche Ahnungen dort ihre Fittige rauschend bewegten? Warum fich ihm gerade jene uralte Weise aus der Synagoge, die es vor Kurzem in der Laubhütte gesungea, wieder auf die Lippen drängte? Dabei gewährte das ganze Wesen des Kindes einen Anblick höchst seltsamer Art; es schien um ein Bedeutendes in die Höhe gewachsen; die schmutzigen Gewänder, in die es gehüllt war. verschwanden gleichsam an ihm, es schien, als ob alles Unschöne von Bella abgefallen sei und übrig geblieben war nur die uralte Synagogenmelodie, der ihre Stimme eine Beredtsamkeit gab, wie fie es wohl nie gefunden, mit ihrem lerchenhaften Aufjauchzen, mit ihrer traumhaft bannenden Gewalt! .