Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 251)
- Language
- German
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231 „Sidur" ihr Dasein verdanken. Sachs besaß in hohem Grade eine auf Poesie angelegte Natur; ihm war ein so feiner Sinn für die Dichtung gegeben, ein so Kartes Äerpändniß für die Zeichnungen der Natur, ein so beredter Ausdruck für die Stimmungen des Gemüthes, daß jedes Wort, das er in der ungebundenen Rede — nab um wie viel mehr in der gebundenen — sprach, ein kunstvoller Pinselstrich war auf einem anziehenden Gemälde. In reizenden Zeichnungen führt er uns in den ..Stimmen" Szenen aus der Geschichte des jüdischen Volkes vor und in zartgesponnenen Faden entlockt er im „Machsor" —i beidemal in rhythmischer Form — dem gedrungenen Text seine -Deutung. Gleichwohl möchten wir in ihnen den Geist entdecken, welcher der freien Forschung sich abgewendet und zum Mittel des Gefälligen und Unschädlichen allein gegriffen hat. Eine wissenschaftliche Schätzung lassen im Grunde beide Leistungen nicht zu und der religiöse oder gottesdienstliche Zweck, welcher schließlich mit der poetischen Uebersetzung des Machsor erreicht werden müßte, wird gerade wegen ihrer schönen, kunstgerechten Form nicht zur Wahrheit werden. Denn wenn auch ein schönes Gedicht an sich schon zur Erhebung und Andacht führen kann, ein Gebet in poetischer Form zu erbauen und fromm zu stimmen geeignet ist, so wird doch die poetische Zartfinnigkeit, in welche die kernigen Gedanken des Machsor verlaufen, schwerlich zu wahrer, gottesdienstlicher Andacht führen, ja desto weniger, je feiner die Form gebildet ist. in welche der Textinhalt gegossen wird. Und diesen Vorzug, der andererseits zum Nachtheil werden muß, besitzt das Machsor von Sachs. Wir haben es für eine Ehrenpflicht gehalten, dem Verstorbenen nicht nur das Gute, dessen er so viel besaß.