Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Durch einen Docht, der kaum einen Heller werth ist, kann er Beides wiederfinden." Sie wollen damit sagen: für den gewöhnlichen Mann, der allgemeine Gedanken zu fassen und zu handhaben nicht gewöhnt ist, gibt es kein bessere- Mittel, als zu specialisiren und an concreten Fällen eine allgemeine Wahrheit zu veranschaulichen. Das Sprichwort, der Spruch, die Parabel ist, wie fie anders sagen, die Handhabe am Korb, der Griff am Topf. Sie waren ein Mittel zur Derbreitung, wenn auch nicht der Wissenschaft des Judenthums, so doch des Wissenswerthen in der Judenheit, und die Berechtigung, an diesem Orte besprochen zu werden, wird fich, ohne undankbar zu erscheinen, nicht bestreiten lassen. Ein geistreicher Gelehrter hat die Sprichwörter treffend der Scheidemünze verglichen. Das mag für das einzelne Sprichwort gelten; das einzelne ist ein Pfennig, aber die Sprichwörter in ihrer Gesammtheit sind ein Schaß. Wie die Volkslieder die poetischen Elemente enthalten, welche in einem Volke liegen, wie die Volksmelodien der Ausdruck für das muflkalische Gefühl sind, das in einem Volke lebt und webt, so sind die Sprichwörter die philosophischen Elemente, insofern Ueberlegnug, Nachdenken, Urtheil überhaupt Thätigkeit der Intelligenz den Grund aller Philosophie ansmacht, der wahre Ausdruck der Sittlichkeit und Kernhastigkeit eines Stammes. Wie ein Mensch in unbewachten Augenblicken denkt und handelt, so ist er geartet. In den Sprichwörtern haben wir nun den Ausdruck, wie in unbewachten Augenblicken ein ganzes Volk über das Höchste und Alltäglichste, über Nahes und Fernes sich ausspricht. Der Gradmesser für die Denk- und sittliche Kraft eines Volkes liegt nicht blos in den Schriftstücken und Werken seiner bevorzugten Geister; letztere können vollkommen sein, und das