Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 58)
- Language
- German
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38 Schuldanmeldung bei Gericht) motivirle. In dieser Zeit, etwa ein Jahrhundert vor und nach der Zerstörung des zweiten Tempels entstanden jene Gesetze, welche die Armenpflege im Judenthum regeln sollten, denen an Hochherzigkeit der Gesinnung, an liebevollem Mitgefühl, an zartem Takte und praktischer Wirksamkeit keine andere Gesetzgebung alter oder neuerer Zeit gleichgestellt werden darf. Es ist schwer zu sagen, wen diese Gesetze mehr ehren, ob die Männer, in deren hohem Geiste sie entstanden, oder das Volk, für das eine solche Gesetzgebung berechnet werden durste und das sich dieselbe so anzueignen gewußt hat, daß es sie fast unbewußt ausübt. Hier muß ich mir erlauben, einige Züge aus jener Zeit mitzutheilen, um darzuthun, daß jene Männer Leben und Lehren durchaus nicht trennten und selbst auf der Höhe edler Selbstverleugnung standen, zu der uns ihre Schriften und Worte anspornen, wie ich ja auch nur an den Ausspruch des Rabbi Meir erinnere, daß er manche gesetzliche Vorschrift, von der er Andere entbinden konnte, für sich selbst als bindend erachtet habe. Der alte Hillel hielt die Vorschrift „einem Armen, was ihm mangle, darzureichen" so gewissenhaft, daß er einem früher wohlhabenden Manne täglich Pferd und Läufer miethete. Und als der Exilarch Mar Ukbah vor seinem Tode sich das Buch bringen ließ, in welchem alle von ihm gespendeten Gaben verzeichnet waren, und fand, daß er nur die Summe von 7000 Denaren verausgabt hatte, da rief er bekümmert aus: „Wahrlich, wenig Zehrung für eine so weite Reise." Noch könnte man versucht sein, diesen Gesetzen über Armenpflege jene Aussprüche an die Seite zu setzen, die sich im neuen Testamente finden nnd als Ausgangspunkte der christlichen Liebe und Barmherzigkeit