Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 285)
- Language
- German
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Lautlos schritten daun die Beiden durch die in diesem Augenblicke noch menschenleere Gasse, das junge schreckensbleiche Mädchen neben der alten hageren Frau. Vor einem stattlichen Hause in der Nähe des Ringplatzes blieb Chaje stehen. „Da wohnt ja Vetter Zender". flüsterte Perlchen. Chaje entgegnete nichts; mit festem Tritte schritt'sie in das Vorhaus. Von oben herab schlugen lustige Stimmen an ihr Ohr, da schien es, als ob die alte Frau zögere, ihren Gang fortzusetzen. Doch alsbald ermannte sie sich und stieg die Treppe hinan, die in Zenders Wohnung führte. Zender saß noch inmitten seiner Familie bei der dritten Mahlzeit, als Chaje mit Perlchen in die Stube trat. War es der Anblick der schreckhaften alten Frau in ihren weißen Gewändern, oder etwas Anders — den Blicken Chaje's entging es nicht, daß eine merkwürdige Veränderung in seinen Zügen vorgegangen war; er war von seinem Stuhle aufgesprungen. „Chaje", rief er endlich mit einem mühsamen Lächeln, „wie kommst du gerade jetzt her?" Dann gebot er einem seiner Kinder, einen Sessel für Chaje herbeizurücken. Die alte Frau winkte jedoch abwehrend. „Laß gut sein, Zender", sagte sie, „ich bin nicht gekommen, um mich bei dir niederzusetzen. Ich bin gekommen, um mit dir im Geheimen ein Wort zu reden." Das alles hatte sie mit äußerlicher Ruhe gesprochen: auch nicht ein Muskel in ihrem Antlitze zuckte dabei; sie schien vollkommen unbewegt. „Jetzt?" meinte Zender, aber seine Linke, die auf den Tisch angelehnt war, zitterte während dieses Wortes, wie von einem Krampfe ergriffen.