Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 284)
- Language
- German
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260 Es fehlten nur noch drei Tage zum Begrüne des großen „Versöhnungstages." der diesmal auf einen Mittwoch fiel. Diese ganze Zeit hindurch blieb Chaje auf ihrer Stube; der kleine Gassenladen wurde nicht geöffnet. Sie aß nur zu Mittag, denn der Fall der heiligen Thora legte ihr ein vierzigtägiges Fasten aus. Sonst herrschte in der kleinen Stube ein fast feierliches Stillschweigen. Wenn die alte Annehmerin nicht betete, saß sie in sich gekehrt da, in dem Lehnstuhl und ihre Augen leuchteten dann in einem unnennbaren Glanze. Am Vortage der „Versöhnung" fastete Chaje nicht; sie müsse ihre Kräfte für den großen Berg aufrecht erhalten, dessen Besteigung ihr bevorstand, sagte sie. Nachmittags begehrte sie ihre weißen Kleider und eine frisch gewaschene weiße Haube, denn, sagte sie, einmal im Jahre hat man „Vortritt" bei dem König der Könige, und da muß man ganz anständig erscheinen. So saß sie dann, gehüllt in die feierliche weiße Kleidung, lang zuvor, ehe die Feier des furchtbarsten aller Tage begann. Perlchen mußte mit der sogenannten „dritten Mahlzeit" sich hasten; als sie geendigt, sagte Chaje: „Und jetzt laß uns gehen, Perlchen." „Schon? Man hat ja noch nicht in Schul' gerufen —" „Ich habe mit dir früher noch einen Gang zu machen. Beeil' dich!" Perlchen erschrack. „Was erschrickst du," sagte die alte Chaje mit merkwürdiger Ruhe. „Noch ehe der Jom Kippur eingeht, sollst du erfahren haben, wer die Schrift an der Thür deines Vaters ausgelöscht hat."