Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 283)
- Language
- German
- Belongs to
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— 259 „Und jetzt, Perlchen," mein Kind, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei voll und kräftig, wie sie das Mädchen niemals vernommen hatte, „jetzt ist mir wohl. Seitdem der alte Rebbe mit der Thora gefallen ist, weiß ich, daß für Chaje die Zeit gekommen ist. Mein Gott hat mich lange warten lassen, aber die Zeit ist doch gekommen." „Wie ist dir?" rief das Mädchen, die Augen angstvoll auf die alte Frau gerichtet. „Wie mir ist? Frag' Mich erst, wie mir gewesen ist, seitdem dein Vater, mit dem Friede sei, gestorben ist. Jetzt aber ist mir wohl! Jetzt wird es sich zeigen, wie die Schrift auf. der Thüre gelautet hat. Was ausgelöscht war, muß jetzt an das Tageslicht treten." — Von diesem Augenblicke an sprach sie nicht mehr über diesen Gegenstand; sie schien still, in sich gekehrt, dem nur ihr vernehmbaren Brausen des Gedankensturmes in ihrem Innern zu lauschen. Am Nachmittage nahm sie, wie dies ihre Gewohnheit war, das Gebetbuch zur Hand, und las in den „Sprüchen der Väter". „Jetzt weiß ich." rief sie überlaut aus, „über was für einen Satz heute der alte Rebbe hätte reden können! Da steht es ja. man braucht's gar nicht deutlicher. Wie hat das dem großen Gelehrten nur entgehen können!" Der Satz aber lautete: „Das Schwert kommt in die Welt wegen Rechtsverzögerung, Rechtsverkrümmung, Verdrehung . . und wilde reißende Thiere nehmen überhand, wo Meineid ist und falsch Schwören und Entweihung des göttlichen Namens . . . Sie schlug das Buch wieder zu; es hatte ihr nichts mehr zu verkünden! 17*