Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 276)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609300--5577-2612928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 ligung berührt worden war? Ahnte sie, was in Chaje vorgegangen sein mußte, ehe sie sich zu dem Entschlüsse aufraffte, den sie soeben ausgesprochen? Es lag eine unsagbare Ehrfurcht in der Bewegung, mit der das junge Mädchen ihre welke Hand erfaßte und sie küßte. — Von diesem Tage an schien sich überhaupt eine merkwürdige Veränderung in der alten Chaje vorzubereiten, die sogar den Leuten in der Gasse nicht entging. Sie kam jetzt selten oder nie auf ihre „fixe Idee" zu sprechen; sie erschien jetzt den Meisten als vollkommen gesundet. Die „Annehmerin" trat zwar hie und da noch mit großer Gewalt in ihr hervor, aber ihr Ton hatte die frühere schneidende Herbigkeit verloren; eine Art Ruhe ging jetzt von ihr aus, und doch hatte es in ihrem Gemüthe niemals stürmischer getobt, als gerade seit jenem Sabbat. Die Woche daraus eröffnete Zender sein großes Gewölbe mit Schnittwaaren „oben auf dem Ringe" unter den Hatten des Platzes. Eine alte Jugendfreundin Chajes, die Frau des Gemeindeschlächters, kam zu ihr und erzählte Wunderdinge von der Pracht und Herrlichkeit, die sich da draußen in Zenders Waarenlager austhat. Chajes Lippen zuckten nicht einmal bei dieser Schilderung, die sie sich bis auf die geringsten Kleinigkeiten ausmalen ließ. »Hat Zender auch eine gute Thüre an seinem Gewölbe machen lassen?" unterbrach sie mit einem Male die geschwätzige Erzählerin. „Eine gute Thür'? Wie verstehst du das Chaje?" Auf dem Antlitz der Nachbarin stand leserlich die Verwunderung , daß Chaje aufs neue in den unverbesserlichen Fehler ihrer kranken Einbildungskraft zurückgesunken sei. „Ich meine nur," sagte Chaje mit einem Lächeln, das