Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 273)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609300--5574-2612925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
249 „Narrele," bemerkte ihr eine ältere mit der Miene tiefer Erfahrung, „kannst du mir sagen, woher überhaupt eine Krankheit kommt? Es ist eine Krankheit, wie jede andere." Als Chaje sich einigermaßen erholt hatte, begehrte sie nach Hause geführt zu werden. Es litt sie nicht mehr an einem Orte, und war es selbst der ihrem Gott geweihte, die Luft mit Zenders Frau zu athmen, die in einem Kleide sich blähte, das nicht ihr gehörte, und einen Sitz einnahm, der mit dem blutigen Gelde einer Waise gekauft ward. Allein gelassen mit Perlchen, ihrem Pflegekind, rief sie dieses zu sich. Das Mädchen stand tief erschrocken vor dem fast unheimlichen Anblick, den die alte todtblasse Frau bot. Sie saß in einem morschen Lehnsessel, die Arme kraftlos herabbängend, während unter den grqugewordenenBrauen die Augen fieberhaft Leuchteten. „Perlchen," sagte sie schwach, „wie alt bist du eigentlich heute?" „Weißt du das nicht? Auf Sukkoth (Laubhüttenfest) werde ich vierzehn und ein halb Jahr alt." „Und wie ich dich zu mir genommen habe, warst du ein vierjährig Kind!" Dann drang ein tiefer Seufzer aus ihrer Brust. „Ich versteh' mich auf Gott nicht mehr. Kann Er warten. oder können die Menschen sich gedulden? Seit zehn Jahren warte ich Stunde und Minute, daß Er, der gelobt und gepriesen sei, sich mir zeigt, und was muß ich erleben? Es ist Alles ärger geworden, und ich geh' noch immer in der alten Finsterniß." Sie schwieg hierauf eine geraume Weile, und saß dann mit geschlossenen Augen da, so daß Perlchen glaubte, sie schliefe. Plötzlich fuhr sie mit einem lauten Schrei aus; sie