Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 272)
- Language
- German
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248 rade das „Leinen" oder der Vortrag des Wochenabschnittes aus den fünf Büchern Moses beginnen sollte. „Kennst du die nicht?" lautete die Antwort. „Das war Zender's Fradel." „Die in einem seidenen Kleid? Alles Blut drängte sich ihr zu Kopfe. Sie sollte in dieser Stunde noch mehr erfahren. Sie sah, wie Zenders Frau, rauschend in ihrem seidenen Kleide sich durch die Betplätze drängte, und endlich in der vordersten Reihe, hart am Gitter, da wo die vornehmsten und reichsten Frauen der Gasse saßen, sich niederließ. „Wie kommt die auf diesen Platz? fragte Chaje wieder. „Chaje, wie kommst du mir nur vor?" meinte die Nachbarin achselzuckend, ,,du redest, als kämst du aus Amerikum! Weißt du denn nicht, daß Zender den Sitz um baare sechshundert Gulden gekauft hat? Er hat früher seiner Mutter gehört, jetzt hat er ihn für seine Frau erworben." „Ist er's denn im Stande zu thun?" „Wie fragst du nur, Chaje? Man sagt. Zender wird nächstens ein großes Gewölbe auf dem „Ring" aufmachen." Plötzlich stieß die Nachbarin, die so gesprochen hatte, einen schrillenden Schrei aus: die Frau, die neben ihr saß, war in Ohnmacht gesunken; es war unsere alte Chaje. Die Frauen drängten sich herbei; eine von ihnen trug ein wohlriechendes Wasser bei sich, womit man die Ohnmächtige besprengte. Als sie wieder die Augen aufschlug, lauteten ihre ersten Worte: „Die Thür', die Thür'!" „Soll Einer nur sagen," flüsterte eine der jungen umherstehenden Frauen, „wieso sie zu dieser fixen Idee gekommen ist?"