Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 271)
- Language
- German
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247 sittlichen Weltordnung schien dieser alten Frau auf unsichern Grundlagen zu ruhen, der Ausklang ihres runde gewordenen Lebens schien ihr nur von der Lösung der Frage abzuhängen: Wer hatte die Schrift des armen Mannes von der Thüre weggelöscht? war es Zender? und wenn er es war, warum zögerte das Verhängniß, über denjenigen hereinzubrechen, der auf seinem Gewissen Flecken trug, schwärzer als die finsterste Nacht? „Lebendiger Gott!" rief sie zuweilen in der Angst ihres Gemüthes, von Schauern überflogen, „hast Du mich darum zu Deiner Annehmerin gemacht, daß ich jetzt auf meine alten Tage wie eine Trunkene umherwandeln muß, die nicht weiß, was Wahrheit ist, und was Lüge? Warum läßt du mich in solcher Finsterniß gehen? Hätte ich vielleicht nicht auf Josels letzte Worte hören sollen? ..." An einem Sabbatmorgen kam Chaje sehr früh in die Weiberschul'. Der Gottesdienst hatte kaum begonnen, und darum waren die meisten Sitze noch leer. Allmälig füllte sich der Raum mit festtäglich geschmückten Frauen, die geschäftig plaudernd und geräuschvoll eintraten, und sich noch Manches mitzutheilen hatten, ehe sie die Gebetbücher aufschlugen. Hie und da schlug die Frage: „Wo hält man?" an Chajes Ohren, und mitten in ihrer Andacht konnte sie sich nicht enthalten, darüber grollend nachzudenken, wie verdorben die heutige Welt sei, die nicht mehr verstehe, aus einem aufgefangenen Worte die Gebetstelle zu errqthen, die von dem Vorbeter unten bei den Männern gerade angestimmt wurde. Zu ihrer Zeit war das anders gewesen. Da rauschte eine in Seide gehüllte Gestalt an ihr vorüber. „Wer war das"? fragte Chaje ihre Nachbarin, da ge-