Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 267)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609300--5568-2612919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
243 „Wenn du also auch dieser Meinung bist," entgegnete man ihr, „was willst du dann? Zender ist ein frommer Mann, wäre der im Stande, seines Bruders Waise ein Unrecht anzuthun? Die Sache ist, daß ein Mann mit sechs Kindern ein armer Mann ist, und du siehst es ja mit deinen eigenen Augen, wie er sich plagt und abmüht, um Brod für seine Familie ins Haus zu schaffen. Thut das Einer, wenn ihn nicht die Noth dazu zwingt?" Ja! das sah die alte Annehmerin freilich mit ihren eigenen Augen! An jedem Freitag Nachmittag, wenn sie selbst draußen vor ihrem Laden stand, kam Zender vorüber, einen schweren Pack auf dem Rücken, dessen Wucht ihn bis zum Boden niederzubeugen schien, und wischte sich vor ihrem Angesichte den Schweiß von der Stirne. Wie kummervoll er aussah! Das ganze Elend eines „Dorfgehers," der oft die ganze Woche keinen warmen Bissen zu sich nahm, stand dann lebendig vor ihr. Wenn Chaje das sah. dann flüchtete sie sich in das Innere ihres Ladens, dann schlug ihr das Herz vor stürmischer Aufregung, und oft saß sie da, ihr Antlitz mit den Händen bedeckend, und mußte bitterlich weinen. „Und er hat's doch ausgelöscht!" riefen dann die unversöhnlichen Geister ihr, „und er hat's gethan, und kein Anderer, denn er hat seinen Bruder im Grabe beschimpft." — Eines Tages kam das kleine Perlchen aus der Schule und fragte sie: „Warum heißen sie dich Chaje mit der Thür'?" „Wer hat mich so geheißen?" „Vetter Zenders Marianne, die neben mir sitzt." „Also in deines Vetters Haus nennt man mich auch so?" Mehr sagte Chaje nicht; aber als sie in der Nacht das Kind zur Ruhe gebracht und mit ihm das Schlafgebet gesagt 16*