Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 264)
- Language
- German
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240 So mächtig war das Gefühl der tiefsten Entrüstung über sie gekommen, daß ihr selbst das armseligste Wort versagte. Den eigenen Bruder, der im Grabe lag, der Verachtung preisgeben, Schlechtes von dem zu reden, der mit ihm von einer Mutter gesäugt worden war, Denjenigen noch im Andenken zu verkleinern, dem er früher Bruderliebe geheuchelt hatte, das konnte nur Einer, aus dessen Gewissen etwas wie eine schwere Schuld lastete. „Er hat's ausgelöscht." schrien gewaltige Stimmen in ihr, „er weiß, was dort geschrieben war, all' sein Reden und Schwören hilft ihm nichts. Er hat's gethan." Aber sie sprach diesen Gedankensturm nicht aus; sie konnte mit ihren scharfen, grauen Augen ihn nur anstarren, aber die Heftigkeit, womit sie das Kind Josels immer fester an sich drückte, hätte Z.ender sagen können, was in der alten Frau in diesem Augenblicke vorging. „Noch Eines, meine gute Chaje," sagte er, und wieder legte sich die Traurigkeit des frühern Lächelns um seine Lippen. „Du nimmst jetzt das Kind zu dir, und ich weiß, es ist bei dir so gut aufgehoben, wie bei einer wirklichen Mutter. Wenn du übrigens für das Kind manchmal ein Kleid oder ein Paar Schuhe bedarfst, du weißt, bei wem du so was zu holen hast. Gott hat mir zwar sechs Kinder geschenkt, aber wenn man so Viele zu bekleiden hat, so wird auch noch Manches für Josels Kind übrig bleiben. Viel wird es nicht sein, denn du kennst das Sprichwort: Kurz geschorene Haar' sind bald gebürstet." Da konnte die alte Annehmerin sich nicht enthalten, mit aller Herbigkeit ihres Wesens auszurufen: „Ja Zender, ich werde die Mutter dieses Kindes sein, und wie eine Mutter werde ich darüber wachen. Und wie