Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 262)
- Language
- German
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„Zender," sagte sie, „ich muß mit dir noch von etwas reden, was du nicht weißt. Einige Minuten vor seinem Tode hat dein Bruder Josel von einer Thür gesprochen, und hat dabei ausgerufen, es war' an ihm und an seinem Kinde ein großes Unrecht begangen worden. Ich muß immer daran denken, daß er etwas hat sagen wollen, was vielleicht für die Zukunft seines Kindes vom großen Nutzen sein könnte. Warum hätte er in einem fort: die Thür, die Thür! ausgerufen, wenn er nicht etwas damit gemeint hätte? Vielleicht hat er dort eine Schuld ausgeschrieben gehabt, und da solltest du, weil doch ein Kind da ist von ihm, dafür sorgen, daß es nicht zu Nachtheil kommt?" Ein stilles, trauriges Lächeln schlich über die Gesichtszüge Zenders. „Was bist du doch für eine Narrele, meine gute Chaje," sagte er bedächtig, ohne auch in einem Worte eine höhere Erregtheit zu zeigen, „daß du dir solche Dinge in den Kopf setztest? Weiß ich denn nicht selbst am besten, wie es um ihn gestanden ist? Woher soll Josel, mein Bruder sich so viel erübrigt haben, um es als Schulden an die Thüre zu schreiben? Josel war ein armer Mann, wie ich Einer bin, und wenn ich heute sterbe, wer nimmt sich meiner sechs Kinder an?" In diesem Augenblicke wußte die alte Chaje in der That nicht, was sie Zender antworten sollte. Sie fühlte, daß er die Wahrheit sprach, und doch — es regte sich kein Mitleid in ihr, es rieselte etwas Erkältendes aus den Worten Zenders, und drang nicht an ihr Herz. Darum behielt sie ihr kühles Bewußtsein, und nach einer Weile fiel sie wieder in den frühern Gedankengang. „Er hat aber doch so bestimmt von einer Thür' gespro-