Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 261)
- Language
- German
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237 „Sag'S also kurz, Zender," rief sie mit einem Male, „deines Bruders Waise ist dir zu viel, du hast an dir genug zu tragen?" Zenders Augen schwammen voll Thränen; er ergriff die Gebetriemen, die noch auf dem Tische lagen. „Chaje," rief er betheuernd, „ich schwör' dir's bei den Köpfen meiner sechs Kinder, ich bin ein armer Mann-" „Lebendiger Gott." schrie Chaje, ihm den Arm zurückhaltend, „bin ich denn ein Richter, daß du dich zum Schwören anschickst?" Sie war aufs Tiefste erschüttert. „Du willst mir ja nicht glauben, Chaje," sagte er. Nach einer geraumen Weile schickte sich die alte Annehmerin zum Weggehen an. Sie hob das Kind Josels wieder aus den Arm: das Herz war ihr wie von eisernen Reisen umspannt. „Das kleine Perlchen werd' ich einstweilen bei mir behalten," sagte sie, indem sie die Thürklinke ergriff, „ich seh' ja doch, der oben im siebenten Himmel will schon, daß die alte Chaje auch wissen soll, was eine Mutter ist. So will ich sie einstweilen bei dieser Waise vorstellen. Bist du's zufrieden, Zender?" „Das kann dir gar nicht unvergolten bleiben, Chaje, Kinder und Kindeskinder werden davon sprechen, wenn du längst nicht mehr bist, was du an einem fremden Kinde gethan hast." Chaje ging; Zender gab ihr bis an die Hausthüre das Geleite. Seltsam! erst da kam es ihr in den Sinn, daß sie mit dem Oheim der angenommenen Waise noch nicht über die Hauptsache gesprochen hatte. Die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen.