Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 259)
- Language
- German
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235 stieß. Dann aber hob sie es wieder auf und bedeckte es mit Küssen. „Und wenn ich mit der Thür auf dem Rücken durch halb Böhmen wandern müßte," ries sie leidenschaftlich, „so muß ich Dir doch Recht verschaffen." Als die „Schiwe", die siebentägige Trauer, vorüber war. nahm Chaje das Kind und begab sich mit demselben zu Zender. Es war ihr doch seltsam auf das Gemüth gefallen, daß. er sich während der ganzen sieben Tage um das verlassene Kind seines Bruders nicht gekümmert hatte. Sie erklärte sich diesen Umstand damit, daß Zenders Trauer um den Bruder eine fast namenlose war; er hatte sich am Tage der Bestattung wie ein Verzweifelnder geberdet, und alle Welt hatte gesagt, Zender sei mehr zu beklagen als Josel; er würde den Verlust schwer überleben. An einem Sonntage machte sich also Chaje mit dem Kinde auf den Weg. Zender wohnte am entgegengesetzten Ende der Gasse in einem halbverfallenen, ärmlichen Hause. Sie traf ihn, wie er gerade die Gebetriemen vom linken Arme streifte; wie er aber das Kind Josels erblickte, schrie er laut auf und Thränen entstürzten seinen Augen. „Der ganze Josel," weinte er, indem er das Kind auf die Arme nahm, „gerade solche Augen hat auch er gehabt." Dann streichelte er dem Kinde die blassen Wangen. „Wirst Du deinen Vetter Zender auch gern haben, Perlchen, mein Leben?" fragte er das Kind im zärtlichsten Tone, der auch in dem Gemüthe der alten Chaje widertönte. „Run,'' Zender," sagte sie nach einer geraumen Weile, „was gedenkst du mit dem Kinde anzufangen?" „Was ich mit ihm anzufangen gedenke?" antwortete Zender, indem er das kleine Perlchen hastige fast allzuhastig auf