Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 255)
- Language
- German
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231 wußte nur das Eine in diesem Augenblicke, daß Jemand ihre Annehmerschaft aufgerufen hatte, und daß auf den Lippen eines Todten noch die Worte schwebten, die ihr ein hilfloses Kind auf die Seele banden. Nach diesem Kinde sah sie sich zuerst um; sie hob es auf ihre Arme und stellte sich mit ihm gerade vor die Leiche hin. „Hast du schon einmal Schmäh Jisroel gesagt?" fragte sie, indem sie dem kleinen Mädchen fest in die großen Augen sah. „Alle Tag zweimal", antwortete dasKind nicht ohne Verwunderung die strenge Frau mit dem starkknochigen Antlitz anblickend. „So sags", gebot Chaje. Ohne Widerstreben ließ sich dasKind herbei,die verlangte Gebetformel, Wort für Wort herzusagen. „Jetzt ist's gut," meinte dann Chaje, „jetzt hast du deinem Vater einen Gefallen gethan; denn er hat es vielleicht doch noch gehört, wie gut du dein „Schmäh Jisroel" kannst. Von künftig an wird er dich nicht mehr hören. Dafür aber werde ich deine Mutter sein, und du wirst mein Kind sein, und wenn du mir folgen und gehorchen wirst, und wirst mich als deine Mutter ansehen, so sollst du es niemals empfinden, daß dein Vater Josel, und deine Mutter draußen auf dem „guten Ort" liegen. Uebrigens weiß ich nicht, ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir Beide unser Haus da draußen hätten, du bei deinen Eltern, und ich bei meinem guten „Sarwer." Das Kind schien von dieser Rede sehr erschreckt; es begann heftig zu weinen, und auch die alte Chaje hatte die Augen voll Thränen, aber sie wurde ihrer bald Herr. „Du kannst weinen," sagte sie, indem sie das Kind in