Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 253)
- Language
- German
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229 Gedächtnisse zu viel vertraute. Er schrieb wohl Alleauf, was er sein Guthaben an Zender nennen konnte; aber dastand in keinem Buche. Die Thüre seiner Wohnstube genügte ihm für diesen Zweck; dort hatte er einige unverständliche Zeichen mit etlichen Ziffern daneben angebracht. Das war sein „Buch" und statt der Tinte diente ihm hiezu Kreide! Josel hatte ein einziges Kind im Alter von vier Jahren; seine Frau war kurz nach der Geburt des Mädchens gestorben. Eines Tages brachte man auf einem Bauernwägelchen einen todtkranken Mann in die Gasse. Es war Josel. Auf einer seiner Wanderungen im Gebirge war er von einer steilen Felsenwand gestürzt; Bauern fanden ihn mit zerschmetterten Gliedern am Rande eines wild dahinbrausenden Baches liegen. Er lebte noch, und war bei vollem Bewußtsein. Da ihn die Bauern kannten, so bewog er sie mit Anstrengung aller seiner Kräfte, daß sie ihn in die Heimath zu seinem Kinde brachten. Am andern Morgen kam auch Zender an, den die Schreckensbotschaft frühe genug erreicht hatte. Das war der Moment, wo in der alten Chaje die „Annehmerin" mit aller Gewalt wieder erwachte. Das Elend Josels ging ihr zu Herzen, mehr noch die verlassene Lage seines Kindes. Ungerufen stellte sie sich an dem Krankenbette des Sterbenden ein, und theilte sich mit Zender, der keine Minute sich entfernte, in die Wartung und Pflege Josels. Niemand hatte dagegen etwas einzuwenden; man fürchtete ebenso ihren Haß wie ihre Liebe. Sabbat war gekommen. Die Wintersonne strahlte freundlich in die Stube, wo der Sterbende lag. Zender war in die Synagoge gegangen. Da bemerkte die alte Chaje, wie sich das Antlitz des bis dahin ruhigen Kranken plötzlich ver-