Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 247)
- Language
- German
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223 Marianne nächspottend. „Denn das ist ja merkwürdig, wie man bei uns Juden mit der Freude umgeht. Mein Vater muß einmal im Jahre für seinen Sohn einen ganzen Tag fasten, und warum? Weil er sein Erstgeborener ist, und wenn meines Vaters Tochter unter die Chuppe (Trauhimmel) gehen soll, muß sie auch am selben Tage hungern und dursten, und es ist noch von Glück zu sagen, daß man ihr am Nachmittage etwas zu essen vorsetzt. So recht freuen und aus der Seel' herauslachen, daß sich Alles an Einem schüttelt und rüttelt, das kann ein jüdisch' Kind gar nicht. Sag mir nur Täubchen, warum nicht?" Das Mädchen mit dem träumerischen Ausdrucke sah vor sich hin. „Ich werde fasten, wie es vorgeschrieben ist," wiederholte sie dann, „vierzig Tage lang. Montag und Donnerstag den ganzen Tag, die übrigen Tage, mit Ausnahme des Sabbats einen halben, denn ich habe gehört, wenn eine Thora zu Boden fällt, so muß die ganze Gemeinde fasten, Klein und Groß, und ich bin schon älter als dreizehn Jahre. . >" „Du?" unterbrach sie die lustige Marianne mit weithin schallendem Gelächter, und trotz des Abenddunkels sah man ihre übermüthig weißen Zähne leuchten. In demselben Augenblicke wurden die drei Mädchen auf's Aeußerste erschreckt. Ihnen gegenüber in der engen Gasse öffnete sich mit Heftigkeit ein Fensterladen, und eine grollende Stimme schalt zu ihnen herüber: „Erstick' und verstumm'! Wo hast du denn gelernt, daß man am heiligen Bußsabbat solche Sachen reden darf? Und da soll man sich nicht wundern, daß heut Vormittag ist eine Thora auf die Erd' gefallen?" „Rettet Euch Kinder." ries die übermüthige Marianne