Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 248)
- Language
- German
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224 mit verstelltem Schrecken, „Chaje mit der Thür' versteht keinen Spaß." Und husch! die Mädchen waren auf und davon, als seien sie trügerische Luftgebilde gewesen; die lustigste unter ihnen hatte sich in ein offene- Haus geflüchtet, während die beiden Anderen in der Gasse auseinanderstoben. — Für den Augenblick haben wir mit den Mädchen nichts zu thun; bleiben wir lieber bei derjenigen, der der Uebermuth des einen von ihnen einen so sonderbaren Beinamen beigelegt hat, bei der alten Chaje „mit der Thür." Man wird es bereits erkannt haben, daß die alte Frau, von der hier die Rede ist, nicht zu jenen Persönlichkeiten gehörte, denen man mit besonderer Liebe begegnet. Im Gegentheil! es war ein gewisser Grad von Unerschrockenheit erforderlich, wenn man ungefährdet unter vier Augen mit ihr verkehren wollte. Die alte Chaje war nur eine arme Witwe, die sich kümmerlich von einem kleinen Schnittwarenhandel ernährte; dennoch war ihre Macht eine gefürchtete, und um ihr ganzes Wesen lag eine Bedeutung, die selbst mancher reichen und angesehenen Frau nicht zuerkannt wurde. Sie war, was man in der „Gasse" eine „Annehmerin" nennt. Wenn irgendwo und irgend wem ein Unrecht geschah, da war es Chaje, die mit ihrer scharfen Zunge für den Gekränkten in die Schranken trat; ohne Scheu und Zagen sagte sie den Leuten die Wahrheit in's Antlitz und es war seltsam genug! kaum ein Fall bekannt geworden, daß man ihr das Recht dazu in Abrede gestellt hätte. Die alte Chaje war der Anwalt aller Beleidigten, und wenn sie einmal ihr Urtheil über Jemand ausgesprochen hatte, dann war es, als führen leuchtende Flammen zu ihrem Munde heraus, die alles, was ihnen im Wege stand, in Staub und Asche verwandelten,