Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 245)
- Language
- German
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221 Ich soll die Thora nicht mehr in meinen Händen halten. Lebendiger Gott! was Hab ich gethan, daß Du mich hinfallen ließest, wie ein Stück Lehm, darin keine Seele ist?" Dann verhüllte er sein Haupt mit dem Betmantel, stieg langsamen, aber sichern Schrittes die Stufen herab, und begab sich nach seinem Sitze. Es war ein seltsam verstörter Sabbat; die ältesten Leute der „Gaffe" erinnerten sich nicht einen ähnlichen erlebt zu haben. Wohin man sah, überall begegnete dem Auge ein Zug unnennbarer Traurigkeit; fast war es, als ginge ein unterdrücktes Schluchzen durch die Gemeinde, und als hätte der Unfall, der den alten Rabbiner an geheiligter Stätte getroffen, einen Jeden in der Gemeinde an der wundesten Stelle des Gemüthes berührt. — Am Abende desselben Tages saßen drei junge Mädchen vor einem Hause in der Gasse, und sangen mit vereinten Stimmen ein böhmisches Lied, doch mit so gedämpften fast zaghasten Lauten, als fürchteten sie, die Luft könne die Klänge weiter tragen, als ihnen lieb war. Sie hatten noch ihre sabbatlichen Gewänder an; am Himmel zeigte sich die blanke Sichel des beginnenden Neumondes, in der Gasse war es menschenstill und fast regungslos. Plötzlich unterbrach eines der Mädchen den Gesang und rief: „Kinder, hört auf! Es ist vielleicht nicht recht von uns, daß wir uns am „Bußsabbat" damit vergnügen, ein böhmisch Lied zu singen. Und dann wißt ihr doch auch, was heute in der „Schul" sich zugetragen hat? . Ihre Gefährtin, die ihr zunächst saß, ein großes, schwarz« gelocktes Mädchen mit kühn geschnittenen Augenbrauen, lachte hell auf: