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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1864-01-01 · Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864) · p. Seite 220

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 220 (sequence 244)
Language
German
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220 widerfahren war. Nun erst Legte sich die gewaltige Aufregung, die sich aller Gemüther, namentlich droben in der Weiberschul" bemächtigt hatte. Die Thora wurde von einem Andern in die Lade gestellt; der Rabbi winkte Ruhe und stellte sich an das als Kanzel dienende Betpult. Eine tiefe Stille lagerte sich über das Gotteshaus. Wie er aber zu reden anfangen wollte, versagte ihm die Stimme; er beugte sein weißes Haupt auf das Betpult nieder und begann bitterlich zu weinen. Nie war ein solches, aus der Seele kommendes Weinen in diesen Räumen vernommen worden; es rührte den tiefsten Schmerz des Gemüthes auf und zugleich fühlte sich Alles von Schauern überflogen. Es war etwas geschehen, was mit furchtbarer Beredsamkeit selbst zu dem verstocktesten Sinne sprach; dieser alte Mann, der statt zu predigen, weinen mußte — war das nicht ein Anblick von tief bewältigender Natur? „Redet nicht, Rebbe", rief ihm Einer, dem selbst die Hellen Thronen über die Wangen rannen, aus der Gemeinde zu, „redet nicht, und schont Euch. Wir haben genug gehört und gesehen." Da erhob er sein weißes Haupt vom Betpulte, das ehrwürdige Antlitz war von Todesblässe überflogen. Mit der einen Hand stützte er seinen Kops, mit der andern schob er den Betmantel zurecht, der ihm die Schulter hinab gefallen war. Seine Lippen zuckten, es war sichtbar, daß er mühsam nach sprachlichem Ausdrucke rang. „Wehe geschrieen!" rief er endlich mit äußerster Anstrengung, „wehe über mich! Ich bin jung gewesen, und bin auch alt geworden, und niemals ist das Wort Gottes aus meinem Herzen gewichen und von meinen Lippen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Meine Zeit ist um, und es kommt eine neue.

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