Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 122)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-2609300--5423-2612774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 sich erheben konnte. Alles drängte sich nun zum Studium, und wer dies nicht vermochte, befleißigte fich eines streng gesetzlichen Lebens, einer vorschriftsmäßigen Frömmigkeit und suchte mindestens durch Unterstützung der Literatur an der Vollziehung der Volksmission sich zu betheiligen. Dadurch war der alte Standesunterschied vollkommen nivellirt, der Unterschied zwischen Priestern und Laien hatte schon früher aufgehört — und diejenige Schichte der Gesellschaft, die man gewöhnlich „das Volk," das sich durch Naivetät, Natürlichkeit und Unmittelbarkeit kennzeichnet, schwand gänzlich aus der Mitte der Juden. Es gab nur mehr oder minder gewandte theologische Juristen, während die poetische Seite der Religion, das Gemüthsleben in derselben ausschließlich Eigenthum der Frauen blieb, die ohnehin weniger von den vielfach verschlungenen Gesetzen in Anspruch genommen waren. So ist die Volksliteratur mit ihren Sagen und Legenden, ihrem Parabelnschmucke und ihrer Spruchweisheit — zunächst und zumeist die „Weiberliteratur" geworden. Ist diese reichhaltig? fragte August. „Umfangreicher als man auf den ersten Augenblick meinen möchte, und doch ward sie vorzugsweise nur in Deutschland gepflegt. Der Gattung nach gehört sie dem Epos, Drama und der lyrischen Poesie an, ist zumeist didaktisch, zuweilen sehr trockene Reglegeberei, aber immer gemein verständlich und weist viele Geschicklichkeit in der Sache. Die ältern Produkte find sogar rein deutsch geschrieben, und dürften in der Eleganz der Sprache den gleichzeitigen nichtjüdischen Schriftwerken wenig nachgeben." „Wie kommt es, daß Männer wie Brüder Grimm, die den Schachten deutscher Sprachgeschichte so eifrig nachspüren, sich eine so ergiebige Quelle ihres Studiumentgehen lassen?"