Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 107)
- Language
- German
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83 — dürfniß des kindlichen Alters meldete. Aber nicht nur in der Stube daheim zerrte man an seinem jungen Herzen, sondern selbst auf Straßen und Spielplätzen warteten die empfindlichsten Neckereien auf den schüchternen Knaben. Seine Aengstlichkeit und Scheu forderte den Muthwillen anderer heraus, denn die Verzagtheit . macht sich zur bequemsten Zielscheibe des Uebermuthes und die Gedrücktheit wecket das Selbstbewußtsein in den freiern Naturen. So ward auch Feld, Wiese und frische Lust dem Kinde bald verleidet. Aus jeder Hecke erscholl ihm höhnend das Wort: „Jude, jeder Vogel zwitscherte ihm ein Hep-Hep zu —jeder Baum, der seine Wipfel schüttelte, schien ihm zu sagen: Diese Welt ist nicht für dich.— So ward er endlich dreizehn Jahre alt und hatte die religiöse Mündigkeit erlangt — die Freiheit aber hat ihm auch diese -nicht gebracht. Sein strenger Vater trat an ihn heran: „Mein Sohn, du hast von nun der Sünden Last, die ich bisher mir dir getragen, auf eigene Schultern zu nehmen. - du hast Red' und Antwort ganz allein zu geben. — Dein Thun und Lassen hast du selber zu vertreten —■ Ich kann der Strafen Wucht dir nicht verringern, die des UebertreterS harren. Siehe zu, wie du zurecht kommst mit Gott und Glauben, denn was du säest, wirst du selber ernten müssen. Aber, mein Sohn, ich habe dir noch eine andere Bürde auszulegen, eine weltliche nur, die du leichter tragen magst. Ich bin alt und schwach, das kärgliche Brod muß ich mit deinen jüngern Geschwistern theilen. — Mein Sohn, gehe hinaus und ernähre dich selbst — das ist alles, was ich dir mitgeben kann, auf die weite Lebensreise." Und erging hinaus aus der Ellern Hause, den schweren Lebenskampf aufzunehmen. Die stete Angst vor der Sünde und die Sorge um's tägliche Brod, einerseits, das privile- 6*