Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 106)
- Language
- German
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82 Der alte Chajim hatte schon so viel Leid und Weh erfahren, ] daß in seinem Herzen jede andere Hoffnung außer der auf ] den Messias erstorben war. Dieser Glaube aber hatte die 1 doppelte Wirkung hervorgebracht, daß er einerseits sein Elend \ mit einer gewissen Würde und Zuverficht getragen, und daß anderseits seinem Streben ein festes Ziel sich bot, welches kein geringeres war, als durch fromme Werke und Gebet, die „Erlösung zu beschleunigen," und dem lange zögernden Messias gewissermassen zur Eile zu bewegen. Darunter hatte am meisten sein kleiner Sohn Jtzig zu leiden, der schon im zartesten Alter mit Judenthume so überfüttert wurde, bis er noch weniger als August den innern Kern zu erfassen vermochte, und nichts als einen trüben Niederschlag von äußern Bräuchen, Sitten. Gewohnheiten davon behielt, die fich als Kruste um den Geist legte und die Entfaltung hemmte. — Jtzig ward der Arbeiter im j Weinberge des Herrn im eigentlichen und engsten Sinne des Wortes: Seine Andacht war Lippen- und Lungenarbeit, die täglich weite Strecken der Liturgie zu durchfurchen hatte, seine Erbauung war Entbehren, sein Herzenstrost, die Entsagung. Bis in das Kinderspiel und in den Traum hinein, reichte die Scheu vor Uebertretung eines Gesetzes, die Angst vor dem Fehltritte. Ueberall begleitete ihn das demüthigende i| Gefühl von der Unzulänglichkeit des Menschen. Jede Bewegung könnte eine Sünde, jede freudige Regung könnte einen Bruch mit der Satzung bedeuten. Wenn andere Kinder seines Alters im Ungestüm jugendlichen Frohsinnes den weiten Hvftaum durchtobten, mußte er über staubigen Folianten sitzen, aus denen er nichts herausverstand als die Weherufe: Sündig, schuldig, verboten, die dann wie Damokles Schwerter sein Haupt bedrohten, so oft sich in seinem Herzen das Be-