Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 61)
- Language
- German
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37 Anwendung dieser Methode zu bloß äußeren Zwecken stehen, vielmehr wandte man sie durchgehendzu eigenem Gebrauche und im guten Glauben an fie an, so daß zur Zeit, wo die schädlichen Konsequenzen sich fühlbar zu machen anfingen, bereits eine förmliche Ueberlieferung von allegörischen Erklärungen sich angesammelt hatte und man die Frage, ob denn diese ganze Erklärungsweise überhaupt irgend ein Recht habe, sich gar nicht mehr beikommen ließ. Jndeß — wir müssen diese Frage uns beikommen lassen,, wenn wir nicht auf das geschichtliche Verständniß jener Zeiten verzichten wollen. Wenn nämlich ein einzelner Mensch eine uns unerklärliche und sonderbare Richtung einschlägt, so können wir uns allenfalls dabei beruhigen, daß wir Zweifel in die Gesundheit seiner Geisteskräfte setzen. Wenn aber ganze Jahrhunderte eine eigenthümliche Richtung verfolgen, so befriedigt offenbar keine blos pathologische Erklärung, so muß. sie irgend eine Seite der Berechtigung haben und nur in ihrer Ausschreitung falsch sein.. In der That ist das erste Motiv zur Allegorisirung mancher Schriftsteller ein eben so leicht zu erklärendes wie zu rechtfertigendes. Es ist wahr, daß das Göttliche, wenn es in menschliche Sprache gefaßt wird, nicht ganz adäquat ausgedrückt wird. Es ist wahr, daß Gedanken über Gott und göttliche Dinge nicht ganz aufgehen in die sprachliche Form, in die sie gepreßt werden. Es ist daher auch nicht minder wahr, daß man die heilige Schrift leicht zu buchstäblich, zu graß, zu grobsinnlich auffassen kann. Dieser yahre .Satz berechtigt freilich nicht zur Aushebung alles Tatsächlichen, Geschichtlichen, Festen, Realen, aber er erklärt wenigstens den Mißbrauch, wenn man dazu nimmt, daß er von der geachtetsten nichtjüdischen Philosophenschule jener Zeit gleichfalls und in nicht geringerer Ausdehnung geübt wurde.